„Ich mag es, wenn’s wackelt“

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Was sagen Sie, ist Fliegen eine Frauensache?

Denise Dekker: Eigentlich nicht. Es ist technisch, das mögen viele Frauen nicht. Genauso wenig wie Schichtarbeit. Nur fünf Prozent aller Piloten weltweit sind Frauen. Ich bin bisher erst einmal mit einer Kapitänin geflogen. Das war vor ein paar Jahren.

Wie viele Pilotinnen sind es bei  der Fluggesellschaft Sun Express, bei der Sie arbeiten? Wie viele sind Kapitäninnen?

Die Zahl der Pilotinnen weiß ich nicht genau. Auf jeden Fall gibt es nur eine Kapitänin.

Früher hieß es, Fliegen sei ein Kraftberuf…

Wenn das hydraulische System meiner Boeing 737 ausfällt, muss ich selbst die Tragflächen in die Höhe halten. Selbst die Männer sind danach durchgeschwitzt. Wenn ein Triebwerk streikt, muss ich mit den Füßen das Seitenruder bewegen – wir üben das halbjährlich im Simulator. Jedenfalls sollte man da etwas sportlich sein. Aber all das kriegt jede Frau hin.

Heute heißt es: Kopf und Charakter sind gefragt.

Man sollte immer bedenken, wie viele Leute im Flieger sitzen, und am Vorabend nicht feiern gehen. Das ist Charaktersache. Und mit Stress muss man umgehen können. Manchmal geschieht alles gleichzeitig: Beim Start ist das Wetter schlecht, und ich muss den Autopiloten manuell unterstützen. Der Flughafen ist vielleicht groß, es sind viele Funksprüche zu hören, kurz darauf muss ich an einer Gewitterwolke vorbei. Da geht es gleich von 0 auf 100.

Also keine Beine hochlegen und Zeitung lesen im Cockpit?

(lacht) Wenn alles normal läuft, habe ich auch Zeit, aus dem Fenster zu schauen oder zu quatschen. Den Flugplan habe ich vor Abflug vorbereitet und gespeichert, der Autopilot hält sich daran. Wenn aber eine Gewitterwolke im Weg ist, muss ich nach Zustimmung der Fluglotsen die Route korrigieren, Sinken oder Steigen ins System eingeben. Oder wenn ein Flugzeug entgegenkommt. Wobei das nicht passieren sollte. Da warnen einen die Fluglotsen rechtzeitig, und auch das System gibt Tipps. Ein Wetterradar zeigt mir an, welche Farben ich nicht durchfliegen sollte – je nachdem, wie schnell sich die Wasserteile in einer Wolke bewegen. Das lass ich dann auch, obwohl ich es mag, wenn‘s wackelt.

Das ist aber auch nicht lustig. Könnte ein Blitzschlag nicht die Elektronik stören?

Blitzschläge passieren ständig und sind kein Problem. Ein Flugzeug ist ja ein sogenannter Faraday’scher Käfig.

Zurück zu den Frauen: 1985 zitierte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung einen Lufthansa-Sprecher. Man könne dort keine Pilotinnen einstellen, weil die nach Emanzipation strebten, demnach immer besser sein wollten als ihre männlichen Kollegen.

(lacht laut) Es gibt immer Kollegen, die besser sein wollen, überall – egal ob Mann oder Frau. Ich flog mal mit einem, der hörte mir nie zu. Ich habe einfach meine Arbeit gemacht und nicht versucht, mich zu beweisen. Nach ein paar gemeinsamen Flügen war alles ok.

Drei Jahre später folgte die Sensation bei der Lufthansa. Eva Hetzmannseder und Nicola Lisy absolvierten dort als erste Frauen einen Linienflug. 2000 wurden sie zu Kapitäninnen befördert, und die Gesellschaft für deutsche Sprache musste das neue Wort absegnen. Sind sie Vorbilder?

Ja, weil Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben sollten.

Es soll Pilotinnen geben, die sich beim Verlassen des Cockpits eine Strickweste über die Uniform ziehen, um Fluggäste nicht zu ängstigen. Andere bekommen von einsteigenden Passagieren die Bordkarte gezeigt oder Müll in die Hand gedrückt. Sie auch?

Mir werden oft leere Kaffeebecher gegeben. Ich sage nichts, finde das nicht schlimm. Witzig fand ich einmal die Beschwerde eines Passagiers: Der Pilot habe keine Ansage gemacht, nur die Flugbegleiterin. Er hätte genau zugehört… Ein anderer fragte, ob ich fliegen kann, weil ich eine Frau bin, der nächste, weil ich so jung bin – das konnte ich verstehen. Ich war 22.

Rund 6000 Menschen bewerben sich jährlich an der deutschen Flugschule in Bremen. Zehn Prozent schaffen die Prüfung. Wie war das bei Ihnen?

Ich wollte Tierärztin werden. Dann kamen Zweifel. Doch lieber Pilotin wie mein Vater? Ich habe mich – ich bin in den Niederlanden aufgewachsen – bei der KLM Flugschule in Amsterdam beworben, um die Zweifel aus dem Kopf zu bekommen. Wird eh nicht klappen, dachte ich. Das Aufnahmeverfahren mit psychologischen Tests zur geistigen Fitness und im Simulator dauerte ein paar Tage. Als ich im Simulator saß, wuchs meine Motivation, und ich war dann über die Absage doch ziemlich enttäuscht. Es klappte dann aber bei einer anderen Flugschule.

Die Pilotenausbildung dauert zwei Jahre und kostet in Deutschland 65 000 Euro. Danach sind viele erst einmal arbeitslos und verschuldet. Auch Sie?

In den Niederlanden habe ich 100 000 Euro gezahlt. Viele, auch ich, nehmen einen Kredit auf. Ich war Ende 2010 fertig und hatte Glück. Zwei Monate später bestand ich das Auswahlverfahren bei Sun Express. Es gibt etwa tausend Bewerber jedes Jahr. Realistisch ist, dass man zwei Jahre auf einen Job wartet. Gleichzeitig muss man den Kredit abbezahlen. Manche arbeiten bis zur Anstellung in einem anderen Luftfahrtjob, etwa als Ramp­agent. Da koordinieren sie die Arbeiten, die an einem Flugzeug während der Bodenzeit erledigt werden müssen.

Die schwedische Pilotin Maria Petterson postet auf Instagram Fotos aus ihrem Job als „glückliche Reisende“: Selfies im Bikini am Strand, aus dem Hotelzimmer oder Cockpit, ständig in anderen Städten. 140 000 Menschen folgen ihr. Sieht Ihr Pilotenleben ähnlich aus?

Ich bin fast immer glücklich mit meinem Job. Abends mag ich aber bei meiner Familie sein. Ich fliege Kurz- und Mittelstrecke, da übernachte ich selten woanders. Doch ich verstehe den Reiz eines Lebens wie das der Schwedin, wenn man Single ist. Ich komme so schon oft durcheinander: War ich heute in Ägypten oder auf den Kanaren? Gestern in Griechenland oder Österreich? Wie spät ist es? Sicher Nacht. Es ist dunkel. Der Biorhythmus ist häufig verwirrt, das strengt an. Und man sitzt viel. In der Freizeit achte ich darauf, mich zu bewegen.

Ist es nicht hart, wenn man im Regen startet und die Urlauber mit ihrem Badezeug verabschiedet?

Manchmal wünsche ich mir, länger bleiben zu können – meist fliege ich nach einer Stunde wieder zurück. Aber wenn ich nach Hause komme, bin ich dann doch jedes Mal froh.

Piloten haben immer Sonne. Werden Sie von vielen beneidet?

Schon, aber mich blendet sie oft. Ich fliege lieber nachts.

Haben Sie Angst, über Kriegsgebiete zu fliegen?

Nein. Aber wenn ich aus Ägypten wieder raus bin, bin ich schon erleichtert. Vor allem jetzt, wo ich Kinder habe.

Sie haben gerade Ihr zweites Kind bekommen. Wie managen Sie Kinder und Job?

Während der Schwangerschaft darf man nicht als Pilotin fliegen. Wegen der Strahlung. Nachdem meine Tochter geboren wurde, war ich in Elternzeit und habe dann Kurse gemacht, um die Lizenz aufzufrischen. Das ist Pflicht, wenn man eine Weile nicht geflogen ist. Dann war ich erneut schwanger. Nächstes Jahr will ich wieder fliegen. Mein Mann und ich hoffen, dass wir das gemeinsam und mit der Kita gut hinbekommen.

Denise Dekker, 29, ist zur Zeit in Mutterschutz und wohnt in München. Ihr Sohn wurde im Mai geboren, vor zwei Jahren ihre Tochter. Nächstes Jahr will sie wieder für Sun Express fliegen.

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