Motorradfahren im Frühjahr: Gruß von Easy Rider

Frostbeulen, Hitzeschlag – im Frühjahr kann man beides haben. Trotzdem gibt es nichts Schöneres, als auf dem Motorrad durch die Gegend zu knattern.

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Kalt! Nach eineinhalb Stunden Motorradfahrt durch den April-Morgen fällt es schwer, etwas anderes zu denken. Kalt! Zwar hat man vorausschauenderweise mehrere Schichten Kleidung angezogen, bevor es losging zur ersten größeren Tour im Frühjahr: T-Shirt, Merino-Untershirt, Jeanshemd, Pullover, Fleecejacke, Motorradjacke. Eine Zwiebel bis hin zur Unbeweglichkeit, dafür sollte sie eigentlich warm halten.

Leider gibt es Körperteile, die sich nicht unbegrenzt einmummen lassen, allen voran die Finger. Als der Fahrtwind auf der A7 Richtung Kempten die drei Grad, die das Thermometer bei der Abfahrt in Ulm angezeigt hat, auf gefühlt deutlich unter Null senkt, stellt sich doch die Frage: Warum in aller Welt tut man sich das eigentlich an?

Klar, die Sonne scheint, es ist Frühling und es soll auch noch wärmer werden, hat der Wetterdienst versprochen. Die Sonne und die Berge hätte man aber auch aus dem Autofenster gesehen. Warum also muss man sich unbedingt die Finger abfrieren?

Die Antwort darauf ist nicht so einfach. Motorradfahren ist bis zu einem gewissen Grad irrational, teils sogar ein Widerspruch in sich. Man sitzt auf einer laut knatternden, Abgase absondernden Maschine – und ist gleichzeitig näher dran an der Natur. Und fühlt sich aus ebenfalls völlig irrationalen Gründen ungleich freier als im Auto.

So weht einige Kilometer vor Kempten die erste Brise typischer Allgäu-Luft in den Helm. Würzig, ein bisschen nach Heu, ein bisschen nach Kuh. Überhaupt, der Fahrtwind. Gen Mittag wechselt er ja von eisig zu erfrischend, und auch diesen tollen Unterschied bekommen Autoinsassen einfach nicht mit. Außer im Cabrio, aber von denen ist gerade keines zu sehen.

Dafür kommen uns, kaum haben wir die Abfahrt Kempten Richtung Oberstdorf genommen, andere Motorradfahrer entgegen. Und selbst fast 50 Jahre nach „Easy Rider“ halten die meisten zusammen, der Motorradgruß ist Ehrensache: die linke Hand rausstrecken – oder zumindest zwei Finger.

Ebenso Pflicht: der Plausch, kommt man an der Tankstelle oder während einer Rast neben einem anderen Motorradfahrer zum Stehen. Thema ist im Zweifel das Motorrad: „Welches Modell ist das denn? – Ach ja, vor zehn Jahren bin ich das auch mal gefahren“. Dann natürlich, woher und wohin und manchmal ein paar Tipps für die Tour. Oder für die nächste.

Da die motorradtauglichen hohen Alpenpässe so früh im Jahr noch nicht geöffnet sind, führt die erste Ausfahrt über den Riedbergpass im Oberallgäu. Der ist mit 1407 Metern immerhin der höchste befahrbare Pass Deutschlands und hat bis zu 16 Prozent Gefälle. Auf der B19 Richtung Oberstdorf geht es noch un­spektakulär geradeaus, die schneebedeckten Alpengipfel rechter Hand machen aber deutlich, dass mit den Bergen nicht zu spaßen ist. Auch wenn offiziell Frühling ist. Immerhin schafft die Sonne es endlich, den Fahrtwind zu enteisen.

In der kleinen Ortschaft Fischen biegen wir rechts ab Richtung Balderschwang. Schon nach wenigen Metern und einer Baustelle rücken die Berge links und rechts näher. Und die Motorraddichte nimmt zu.

Deutlich wird auch die unterschiedliche Selbstauffassung der Fahrer, zu erkennen meist schon am Motorradmodell und der Kleidung. Den sportlichen geht es um Kurvenlage und Schnelligkeit. Auf einer Rennmaschine mit dem Knie fast auf der Fahrbahn zu schleifen, ist aber nicht jedermanns Sache. Der andere Teil ist cooler – man könnte jetzt auch sagen:  langsamer – unterwegs und genießt lieber die Landschaft und überhaupt sein Dasein als Motorradfahrer.

Der Riedbergpass bietet beiden Fahrertypen Platz. Es gibt genügend Kurven, damit es den Rennfahrern nicht langweilig wird. Die Strecke ist aber nicht so schwierig, dass man, gemäßigteres Tempo vorausgesetzt, nicht gefahrlos auch mal links und rechts schauen und die bizarren Gesteinsformationen des Naturparks „Nagelfluhkette“, durch den die Straße führt, bewundern kann. Damit das schöne Erlebnis nicht so schnell vorbei geht, ist natürlich eine Rast Pflicht. Die Grasgehrenhütte, unten im Tal als „Bikerhütte“ angekündigt, ist die einzige Hütte hier oben, noch oberhalb der höchsten Stelle des Passes. Also sozusagen alternativlos.

Anfang April ist noch nicht viel los. Die zwei Geschäftszweige der Hütte treffen gerade für kurze Zeit aufeinander: Motorradfahrer, die kilometerlang den Pass hinaufgewedelt sind, sehen Skifahrern zu, die die gerade noch schneebedeckte Piste hinabwedeln.

„Um diese Jahreszeit hat es hier sonst viel mehr Schnee“, informiert ein Pärchen aus Wangen. Oft sei daher auch bis Mai geschlossen. Die Hütte sei eines ihrer Motorrad-Stammziele, erzählen sie. Denn: „Die Atmosphäre ist super“, sagt sie. „Und es werden große Portionen serviert.“

Der Wirt Peter Ücker fährt selbst Motorrad und hat sich vor sechs Jahren entschieden, die Hütte zum „Bikers Point“, zum Treffpunkt für Motorradfahrer, zu ernennen. Ücker gibt auch Tipps für schöne Touren-Strecken. Von der Hütte aus lässt die einzige Straße aber zunächst nicht viele Wahlmöglichkeiten zu.

Das Paar aus Wangen jedenfalls empfiehlt, nicht weiter bis zum Bodensee zu fahren, sondern bei erster und einziger Gelegenheit Richtung Norden nach Oberstaufen abzubiegen. „Eine richtig tolle Motorradstrecke!“ Mit vielen Kurven und so ausgebaut, dass man die Noch-Langsamer-Fraktion unter den Kollegen überholen kann.

Die Motorraddichte nimmt weiter zu, und die Hauptherausforderung ist denn auch: gleichzeitig die Landschaft bewundern, bremsen, schalten und die Linke zum Motorradgruß raushalten. Wer einhändig Kurven fahren kann, ist jetzt klar im Vorteil.

Inzwischen hat die Sonne ihre volle Frühlings-Kraft entwickelt und es wird: heiß! Beim nächsten Stopp wandert der größere Teil der Zwiebelschichten in die Packtaschen. Der Himmel ist strahlend blau, Schmetterlinge torkeln um die Motorräder. Am Wegesrand blühen Schlüsselblumen und Anemonen, einige Kühe durften schon raus auf die Koppeln. Die Schnee-Gipfel liegen hinter uns, das Allgäu präsentiert sich jetzt von seiner lieblichen Seite.

Das ist dann fast schon wieder ein wenig kitschig, aber das darf sich auch ein Motorradfahrer mal leisten. Für den Coolness-Faktor war schließlich die eisige Hinfahrt zuständig. Und wenn wir jetzt noch mal so darüber nachdenken, warum so eine Frühlings-Ausfahrt auf dem Motorrad unbedingt sein muss und sie keinesfalls bis zum Sommer warten kann: Mit dem Auto wären wir vermutlich niemals losgefahren.

Riedbergpass: Von Fischen (Allgäu) nach Hittisau (Vorarl­berg, Österreich), 680 Höhenmeter auf 30 Kilometer Länge, höchster Punkt 1407 Meter, maximal 16 Prozent Steigung, keine Maut, Sperre je nach Wetterlage.­

Großglockner Hochalpenstraße: Von Bruck (Salzburger Land, Österreich) nach  Winklern (Kärnten, Österreich). 2470 Höhenmeter auf 70 Kilometer Länge. Der höchste Punkt der Straße liegt an der Edelweißspitze auf 2571 Meter. Maximal 14,8 Prozent Steigung. Viele Einkehrmöglichkeiten für Motorradfahrer. Mautpflichtig, Wintersperre.

Hochtannbergpass: Von Steeg (Tirol, Österreich) nach Au (Vorarlberg, Österreich), rund 900 Höhenmeter auf 33 Kilometer Länge, höchster Punkt 1676 Meter, maximal 15 Prozent Steigung, keine Maut, keine Wintersperre. Viele Einkehrmöglichkeiten, Motorradtreff.

Timmelsjoch: von Zwieselstein (Sölden, Österreich) nach  St. Leonhard (Südtirol, Italien), 1100 Höhenmeter auf 49 Kilometer, höchster Punkt 2499 Meter, maximal 13,7 Prozent Steigung. Für Lkw und Busse gesperrt, mautpflichtig, Wintersperre.

Silvretta-Hochalpenstraße: Von  Partenen (Vorarlberg, Österreich) nach  Galtür (Tirol, Österreich), 1000 Höhenmeter auf 26 Kilometer Länge, höchster Punkt 2036 Meter, maximal 10 Prozent Steigung. Mautpflichtig, Wintersperre.

Schöne Motorradstrecken gibt es nicht nur in den Alpen. Berühmt ist die Schwarzwaldhochstraße von Baden-Baden bis zur Bühlerhöhe (rund 1000 Höhenmeter).

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