Wissenschaft: Die Farbe Grün

Farbe ist Leben. Obwohl sie allgegenwärtig ist, fragen sich die wenigsten, wie sie entsteht, was sie bedeutet und wie sie wirkt. Wir zeigen dies am Beispiel der Farbe Grün.

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Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ im Kinderlied.  „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blüh’n“ im Musical „My Fair Lady“. Und „Grün ist die Heide“ als Inbegriff des Heimatfilms. In erster Linie ist Grün die Farbe für eine intakte Natur. Wenn sie erwacht, es überall sprießt und sprosst, kommt sie auf den viel zitierten grünen Zweig, verspricht Blüten und Früchte in Hülle und Fülle, weshalb auch die Hoffnung grün ist.

Die Farbe signalisiert aber weitaus mehr: Grün ist freundlich, offen, einladend wie in der Volksweise „Mädel, ruck ruck ruck an meine grüne Seite“ beschrieben. Ampeln schalten auf Grün, wenn durchgestartet werden darf.  Generell hat die Farbe eine bejahende Aussage.

Grün signalisiert das Normale, Unproblematische und Ordnungsgemäße, weshalb bis vor wenigen Jahren in Deutschland Polizeiuniformen und -autos (die grüne Minna) diese Farbe hatten. In vielen anderen Ländern ist das noch heute so.

International wird die Farbe im alltäglichen Leben verwendet, um Vorgänge zu kennzeichnen, die funktionieren, und Wege, die erlaubt und frei von Hindernissen sind, wie zum Beispiel Notausgänge. Auf Anzeige-Instrumenten markiert der grüne Bereich den ordnungsgemäßen Betrieb; auf dem Handy zeigt die grüne Hörertaste Funktionsbereitschaft.

Grün steht aber auch für Unvollkommenheit und Unreife. Noch „grün hinter den Ohren“ ist das noch nicht voll entwickelte junge Gemüse oder eben der Grünschnabel, das Greenhorn, das – wie jeder Karl-May-Fan weiß – noch nicht in die Gemeinschaft aufgenommen ist. Denn nicht jedem Menschen ist man grün – im Sinne von gewogen. 

Kleine Farbenlehre

Physikalisch betrachtet sind Farben elektromagnetische Schwingungen des Lichts, die sich mit einem Prisma (wie in einem Regenbogen) in sechs Spektralfarben zerlegen lassen: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Rot ist mit etwa 700 Nanometern (1 Nanometer entspricht 1 Millionstel Millimeter) am langwelligsten. Es wird entsprechend am schwächsten gebrochen, das kurzwellige Violett (um 400 Nanometer)  am stärksten.

Rot und Violett markieren das für den Menschen sichtbare Spektrum. Die Farbe Grün liegt dabei so ziemlich in der Mitte. Der grüne Wellenlängenbereich bewegt sich zwischen 490 (blaugrün) und 570 Nanometern (gelbgrün). Tiere sehen anders: Für Bienen etwa ist das sichtbare Spektrum in den kurzwelligen Bereich verschoben, für Schildkröten in den langwelligen. Bienen sehen also mehr Blau, Schildkröten mehr Rot.

Dinge erscheinen uns farbig, weil sie einen Teil des einfallenden Lichtes zurückstrahlen (reflektieren) und einen Teil aufnehmen, quasi „verschlucken“ (absorbieren). Ein Gegenstand, der zum Beispiel Licht aller Wellenlängen außer Grün (also etwa 490 bis 570 Nanometer) absorbiert, erscheint uns grün, weil er nur dieses Licht zurückwirft. Rot sieht ein Gegenstand für das menschliche Auge aus, wenn er alles außer das langwellige Rot (etwa 650 bis 700 Nanometer) aufnimmt. Strahlt ein Gegenstand alle Wellenlängen ab, erscheint er uns weiß, nimmt er alle vollständig auf, ist er schwarz.

Kleid der Natur

Tarnen und Täuschen  kann in der Natur überlebensnotwendig sein. Dabei hilft es oft, einfach nur die selbe Farbe wie die Umgebung zu haben.  Grün vor Grün ist für Menschen (und auch für die meisten Tiere) schlecht erkennbar: Deshalb hat die Natur viele von ihnen – vor allem Beutetiere wie Raupen, Grashüpfer oder Frösche – mit dieser Farbe ausgestattet. Allein sie bietet ihnen schon einen gewissen Schutz vor Fressfeinden.

Allerdings will auch der Jäger natürlich nicht erkannt werden, weshalb auch er sich manchmal mit grüner Färbung tarnt – vor allem wenn er wie etwa der Grüne Baumpython  oder der Grüne Gecko mangels Schnelligkeit aufs Lauern angewiesen ist.

Egal ob Minze oder Moos, Linde oder Tanne, Gurke oder Broccoli: Pflanzengrün basiert immer auf einer Klasse von Farbstoffen, die unter dem Begriff Chlorophyll (Blattgrün) zusammengefasst werden und die Basis allen Lebens unter Sauerstoff sind. In einem phänomenalen Prozess – der Photosynthese –  können Pflanzen mithilfe dieses Farbstoffs aus Wasser und Kohlendioxid unter der Einwirkung von Sonnenlicht Sauerstoff und Kohlenhydrat (also Zucker) herstellen.

Chlorophylle sind damit die Grundlage aller  Nahrung und haben zuletzt in der Ernährungs-Industrie einen neuen Boom erfahren. Grüne Smoothies (unbehandelte Säfte aus grünem Obst und Gemüse) enthalten jede Menge Blattgrün und werden von Anhängern gerne als Allheilmittel gepriesen: für Wundheilung, Blutreinigung und Entgiftung, zum Abnehmen und zur Abwehr von Strahlen und Elektrosmog sowie selbst gegen Demenz, Diabetes und schlechte Körpergerüche. Belegt ist das freilich nicht.

Grün im Alltag

Religion Der Prophet Mohammed soll gesagt haben, das Anschauen des Grünen sei Gottesdienst. Aus diesem Grund ist Grün die Kulturfarbe des Islam. Sie verweist auf das Paradies mit üppigen Wiesen und Wäldern und findet sich als Schmuck-Element in Moscheen ebenso wie in den Nationalflaggen islamischer Länder. Oft sind das Wüstenstaaten, in denen das Überleben in den endlosen Weiten aus Sand, Geröll und Stein nur möglich ist, wenn die rettende grüne Oase erreichbar ist.
Giftgrün  signalisiert: Aufgepasst! Verbindungen mit Arsen, Blei, Chrom, Kupfer und andere anorganische Materialien mit auffallender Grünfärbung haben im menschlichen Körper nichts oder allenfalls in äußerst geringen Mengen etwas verloren. Erkennbar ist „ungesundes“ Grün meist an einer unnatürlichen Intensität. Giftiges Grün wird in Märchen und Sagen auch gerne Drachen, Lindwürmern und anderen gefährlichen  Wesen verliehen.

Grün im Gesicht werden zwar die wenigsten, wenn ihnen übel ist. Infolge mangelnder Durchblutung sind Kranke einfach nur blass. Den Grünstich deutet man aber gerne dazu, weil er eben das Gegensätzliche zum gesunden, properen Rosa ist. Schlechte Gefühle lassen Menschen tatsächlich auch eher erblassen und doch spricht der Volksmund gerne von „grün ist die Gier“, „grün vor Neid“, „sich nicht grün sein“ und lässt einen sich „grün und blau ärgern“ .

OP-Kleidung in Krankenhäusern ist oft grün. Dafür lassen sich verschiedene Begründungen finden. Die beruhigende Wirkung der Farbe spielt hier wohl eine untergeordnete Rolle – schließlich befindet sich der Patient, der am meisten davon profitieren könnte, in aller Regel bereits in Narkose, wenn er dem OP-Personal begegnet. Vermutlich ist es schlicht der praktische Aspekt, der zählt: Auf grüner Kleidung fallen Blutflecke und andere Körperflüssigkeiten weniger auf als auf weißer Kleidung. Hinzu kommt, dass Grün das grelle Licht im OP nicht so stark reflektiert. Sprich: Die Chirurgen können bei ihrer Arbeit besser sehen.
Rotweinflaschen bestehen meist aus grünem Glas. Hintergrund: Grün ist reaktionsneutral und verhindert den Einfall von Licht, das die Farbanteile des Weins verfälschen könnte. Grünes Glas eignet sich daher besonders für Flüssigkeiten, die lange gelagert werden. Den gleichen Effekt hat übrigens auch die Farbe Braun, weshalb Multifruchtsäfte zum Schutz der lichtempfindlichen Vitamine oft in braunen Flaschen abgefüllt sind.

Weißes Licht ist jener Teil der elektromagnetischen Wellenlängen, der für das menschliche Auge sichtbar ist. Er liegt im Bereich von ungefähr 700 bis 400 Nanometern und umfasst alle Farben.
Der grüne Bereich ist ein Ausschnitt davon. Er bewegt sich ungefähr zwischen 570 (gelbgrün) und 490 Nanometern (blaugrün).

1 Nanometer (nm) = 10 ¯⁹ Meter =  0,000 000 001 Meter = 1 Milliardstel Meter

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