Gegen Durchfall gewappnet

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Verdauung außer Kontrolle: Rucksacktouristen trifft es häufiger als Pauschaltouristen.  Foto: 

Weltweit sollen es jährlich rund 40 Millionen Betroffene sein, deren Urlaub durch Reisediarrhö empfindlich gestört wird. In den allermeisten Fällen sind die Auslöser dafür Viren oder Bakterien, die durch unzureichende Hygiene übertragen werden. Selten kommen auch Würmer, Amöben und andere Einzeller als Verursacher in Frage – ebenfalls eine Folge schlechter hygienischer Verhältnisse. „Generell sind Pauschaltouristen weniger betroffen als Rucksackreisende“, sagt Hans-Dieter Nothdurft. Der Internist und Tropenmediziner leitet den Bereich Reisemedizin am Klinikum der Universität München. „Der Hot­spot für Reisedurchfall ist der indische Subkontinent, also etwa die Länder Indien, Nepal, Bangladesch.“

Unter dem Begriff Reisedurchfall versteht man ungeformten, meist wässrigen Stuhl, der mehr als dreimal pro Tag auftritt. Dazu können Bauchkrämpfe, Erbrechen, Blähungen und ein allgemeines Krankheitsgefühl kommen. Manchmal ist auch Fieber dabei und Blut oder Schleim im Stuhl. Üblicherweise dauert diese Art von Durchfall nicht länger als drei bis fünf Tage.

Gleichgewicht außer Kontrolle

Bei normaler Verdauung findet im Darm ständig ein Austausch von Wasser zwischen Darminhalt und den Zellen der Darmwand statt – in beiden Richtungen. Dies kann täglich bis zu 10 Liter ausmachen, aber nur ein Bruchteil davon wird mit dem Stuhl ausgeschieden. Dieses Gleichgewicht gerät beim Durchfall außer Kontrolle. Wenn Viren oder Bakterien beziehungsweise deren Gifte die Darmzellen reizen, strömen Wasser und Mineralsalze ungezügelt in den Darm und verflüssigen dessen Inhalt. Der Betroffene verliert viel Flüssigkeit und Elektrolyte, die beide dringend ersetzt werden müssen.

 Derzeit gibt es in Deutschland keine allgemein gültige Empfehlung zur Behandlung der akuten, unspezifischen Reisediarrhö. Deshalb haben Tomas Jelinek, der Leiter des Berliner Centrums für Reise- und Tropenmedizin, sowie Hans-Dieter Nothdurft und weitere Kollegen Empfehlungen für die Praxis zusammengestellt. Wichtig waren ihnen dabei neben der schnellen Hilfe auch die Aufrechterhaltung der Selbstreinigungsfunktion des Darms, eine simple Anwendung, geringe Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, hohe Stabilität auch bei Hitze und nicht zuletzt die Kosten.

„Es gibt kein Wundermittel“, meint Nothdurft, „aber nach dem jetzigen Stand der Erkenntnisse empfehlen wir den Wirkstoff  Racecadotril als Mittel der ersten Wahl“. Er sorgt dafür, dass weniger Wasser in den Darm strömt. Der Wirkstoff wird deshalb auch als Sekretionshemmer bezeichnet. Stuhlfrequenz und Durchfalldauer werden signifikant reduziert.

Den bisher vielfach empfohlenen Wirkstoff Loperamid sehen die Reisemediziner nur noch an zweiter Stelle. Loperamid ist ein Opioid, das an die Opiatrezeptoren in der Darmwand andockt, wodurch es zu einer verringerten Darmbewegung kommt. Der Darm­inhalt wird so nur wenig weiter vorgeschoben, zudem nimmt der Körper wieder mehr Flüssigkeit aus dem Darm auf. Die Mediziner nennen Loperamid einen Motilitätshemmer.

Die Verwendung von Antibiotika zur Durchfallbehandlung und erst recht zur Prophylaxe sieht Hans-Dieter Nothdurft sehr kritisch: „Dies führt zu einer Veränderung in der Zusammensetzung der Darmbakterien. Resistent gewordenen Keime überleben und werden dann ins Heimatland importiert. Nur bei schweren, komplizierten Durchfallerkrankungen, die mit Fieber und Blut oder Schleim im Stuhl einhergingen, seien Antibiotika angebracht, aber dann solle man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.

Für alle anderen vermeintlich den Durchfall bekämpfenden Mittel wie Kohletabletten, Tannine, Apfelpektin oder die Uzara-Wurzel liegen keine kon­trollierten Studien vor, ihre Wirkung ist nicht gesichert.

Flüssigkeit ersetzen

Bei der Behandlung der Reise­diarrhö muss die verlorene Flüssigkeit ersetzt werden. Ideal ist dafür die WHO-Trinklösung mit Mineralsalzen und Glucose. Man bekommt sie als Granulat in der Apotheke. Als Hausmittel kann gesüßter Tee in Kombination mit Salzgebäck oder mit etwas Salz angereicherter, verdünnter Fruchtsaft dienen. Hans-Dieter Nothdurft empfiehlt, dem Verdauungsapparat mit Zwieback und Reis etwas Ruhe zu gönnen, bevor die landestypische Küche wieder probiert wird.

Getränke Viele Urlauber erkranken in der ersten Woche an der Reisediarrhö. Je länger man sich im fremden Land aufhält, desto mehr gewöhnt sich der Organismus an regional übliche Viren und Bakterien. Die meisten Durchfallerreger werden mit dem Essen und mit Getränken aufgenommen. In Ländern mit unzureichenden hygienischen Standards sollten nur abgekochtes Wasser, frisch aufgebrühter Tee oder Kaffee sowie abgefüllte Getränke wie Mineralwasser oder Cola in Originalverpackungen mit intakten Verschlüssen getrunken werden. Keine Eiswürfel verwenden, denn die werden meist aus Leitungswasser hergestellt. Auch zum Zähneputzen ist es besser, Wasser aus Flaschen zu benutzen. Offen angebotene Milchprodukte wie Joghurt oder Lassi sollten gemieden werden.

Essen Durchgegarte, heiße Speisen können ohne Bedenken gegessen werden;  Vorsicht jedoch, wenn sie länger warmgehalten wurden. Salat, zubereitetes Obst und Meerestiere können hochgradig mit Keimen belastet sein, also besser stehen lassen. Sein Obst sollte man mit sauberen Händen selber schälen. Grundsätzlich gilt die alte Regel: „Koch es, schäl es oder vergiss es“, aber dennoch ist man damit nicht immer auf der sicheren Seite, wie auch der Tropenmediziner Hans-Dieter Nothdurft zugibt: „Es ist fraglich, inwieweit es hilft.“

Hygiene Wichtig ist auch die persönliche Hygiene, etwa immer wieder gründliches Händewaschen mit Seife. Für unterwegs empfehlen sich feuchte Reinigungstücher, eventuell mit Desinfektionsmittel. abr

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