Ein neuer Schutzschild

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Der Patient hat Rheuma, sein Immunsystem ist geschwächt. Ins rechte Auge sind Bakterien eingedrungen, ein Hornhautgeschwür entsteht. Der Mann versäumt es, rechtzeitig zum Augenarzt zu gehen, das Geschwür bricht durch, Augenwasser läuft ab. Jetzt ist das Auge offen. Es braucht möglichst schnell wieder einen Schutzschild – eine neue Hornhaut.

Nicht immer ist die Situation so dramatisch, doch wochen- oder monatelang können die wenigsten Patienten auf eine neue Hornhaut warten. Müssen sie auch nicht: „Wir können unsere Patienten wunschtermingemäß versorgen“, sagt Prof. Gerhard Lang, der seit 27 Jahren Hornhäute transplantiert, seit er Chef der Uni-Augenklinik Ulm ist. Vor zwei Jahren hat die Klinik eine eigene Hornhautbank gegründet. Dort werden die Gewebespenden aufwendig getestet und aufgearbeitet.

Zunächst aber geht es darum, Spender zu finden. „Wir sind tief dankbar“, sagt Lang. Seine Frau, Prof. Gabriele Lang, die die Sektion Konservative Retinologie und Laserchirurgie leitet, ergänzt: „Wir erfahren große Unterstützung in der Region.“

Die Mitarbeiter der Hornhautbank müssen sensible Gespräche mit Angehörigen führen, die gerade einen nahestehenden Menschen verloren haben. Denn nicht immer ist ein Organspendeausweis vorhanden. Geben die Angehörigen, die genauestens darüber aufgeklärt werden, wie die Spende abläuft, ihr Okay, rückt ein eigenes – spendenfinanziertes – Fahrzeug der Hornhautbank aus. „Auf Abruf rund um die Uhr“, sagt Lang.

Bis drei Tage nach dem Tod

Die nur einen halben Millimeter dünnen Hornhäute haben keine Gefäße und können deshalb, anders als Organe wie Herz oder Leber, bis zu drei Tage nach dem Tod entnommen werden. Das Auge bleibt dabei erhalten, nur das Hornhautgewebe wird präpariert. Dieses kann, entsprechend aufgearbeitet, etwa vier Wochen vorgehalten werden. „9000 Hornhautspenden werden pro Jahr in Deutschland registriert, rund 33 Prozent davon sind unbrauchbar“, sagt Lang. Etwa, weil eine Infektion vorlag oder ein Splitter eine Narbe hinterlassen hat.

Die ersten Hornhäute hat der Wiener Augenarzt Eduard Zirm bereits 1905 übertragen. Dieses Verfahren der Keratoplastik gibt es im Grunde immer noch, dabei wird die komplette Hornhaut transplantiert und vernäht. Die Fäden verbleiben gut ein Jahr im Auge. Doch seit Zirm hat sich die Augenchirurgie rasant weiterentwickelt. Mittlerweile wird oftmals nur eine Schicht der Hornhaut transplantiert. Diese „lamelläre Transplantation“ kommt vor allem jenen Patienten zugute, die unter der Fuchs’schen Hornhautdystrophie leiden. Dabei gehen die Zellen der inneren Hornhautschicht, des Endothels, zugrunde. Normalerweise pumpen die Endothelzellen Wasser aus der Hornhaut heraus. Sterben sie ab, kann das Wasser nicht mehr abfließen, die Hornhaut schwillt an, wird trübe. „Die Fensterscheibe beschlägt quasi so stark, dass der Patient nichts mehr sehen kann“, erklärt Lang.

So lange wird heute nicht mehr gewartet. „Wir operieren bereits, wenn die Sehkraft unter 50 Prozent absinkt, also Autofahren etwa nicht mehr geht.“ Dann wird bei der so genannten DMEK (Descemet Membrane Endothelial Keratoplsty) unter Vollnarkose die innerste Schicht der kranken Hornhaut herausgekratzt und durch ein gleich großes Spender-Stück unter dem Mikroskop ersetzt. Nähte sind überflüssig: Der Operateur gibt eine Luftblase ins Auge, die das ersetzte Endothel andrückt.

„Im Jahr 2015 sind wir auf 40 DEMK-Eingriffe  gekommen, 2016 waren es bereits 80“, sagt Lang, der von dieser Methode auch deshalb überzeugt ist, weil  „sehr viel weniger Fremdgewebe transplantiert wird und dadurch weniger Abstoßungsreaktionen auftreten – unter ein Prozent gegenüber etwa zehn Prozent bei der Transplantation ganzer Hornhäute.“

„Die Patienten sind begeistert“, weiß Gabriele Lang, schon nach vier bis sechs Wochen seien sie wieder einsatzfähig. Für das größte Problem bei der DEMK hält sie es, dass sich die dünne Membran einrollen und hängenbleiben kann. „Manchmal muss man dann nochmal Luft nachfüllen.“

Eine andere Methode, Hornhäute zu reparieren, hat zahlenmäßig mittlerweile mit den Hornhauttransplantationen gleichgezogen: die so genannte Amnionmembran-Transplantation. Die Amnionmembran bildet die innerste, dem Fetus zugewandte Schicht der Plazenta, des Mutterkuchens, auch bekannt als Eihaut.

Gabriele Lang sagt: „Das Neugeborene braucht die Plazenta ja nicht mehr, und die Mütter spenden sie uns nach der Geburt.“ Die Membran wird, nach Ausschluss von allgemeinen Infektionserregern, ebenfalls in der Hornhautbank präpariert. Ihre Einsatzgebiete: Verbrennungen, Hornhautepitheldefekten, vernarbende Bindehauterkrankungen.

Heilung pur

Einen rasanten Aufschwung erfuhr die AM-Transplantation, die bereits in den 1940er Jahren praktiziert wurde, 1995 mit Einführung der Gefrierkonservierung. Bei Minus 80 Grad bleiben die biologischen Eigenschaften der Spenden erhalten. Denn diese sind es, die sie medizinisch so wertvoll machen: Das Gewebe des Mutterkuchens wirkt antientzündlich und antibakteriell, ist laut Gerhard Lang „Heilung pur“.

Die Membranstücke werden auf die nicht heilende Stelle der Hornhaut gelegt und vernäht. „Oder man ummantelt eine große Kontaktlinse damit und legt diese aufs Auge“, sagt Gabriele Lang. Nach drei bis vier Wochen sei der Heilungsprozess meist abgeschlossen.

Das Ulmer Augenarztehepaar ist sich sicher, dass das Potenzial der Amnionmembranen längst noch nicht ausgeschöpft ist. „Wir hoffen, dass wir mit der Hornhautbank zusammen die Membranen genauer erforschen können, um auch ein Qualitätsmerkmal zur Hand zu haben. Wir könnten uns außerdem vorstellen, das Material als Augentropfen aufzuarbeiten.“

Die Hornhaut (Cornea) als äußere Schicht schützt das Auge und bricht die Licht­strahlen. Sie muss das Licht ungehindert durchlassen, damit es durch die Pupille auf die Augenlinse und die Netzhaut treffen kann.

Künstliche Hornhäute, so genannte Keratoprothesen sind für Prof. Gerhard Lang, Chef der Uni-Augenklinik Ulm, „die letzte Schlacht“. In Frage kommen sie etwa, wenn ein Patient eine Verletzung durch flüssiges Metall erlitten hat und die Bindehaut zerstört ist. „Da wird kein Hornhauttransplantat halten.“  Erste Ansätze mit Keratoprothesen gebe es zwar, sie seien aber höchst riskant, da Epithelzellen von außen einwachsen könnten. ih

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