Geocaching an Lost Places: Heavy Metal in freier Natur

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So wird die Erde wohl aussehen, wenn die Menschen nicht mehr da sind. Drei Silobehälter, daneben ein verrosteter Wellblechschuppen, dessen Tor im Wind klappert.  Etwas weiter weg, im Dickicht, eine Rampe. Ihre Steine sind runtergebrochen. Krangewichte von Liebherr liegen herum, sie sind von Moos bewachsen. Inmitten der Seenplatte zwischen den Örtchen Burlafingen und Oberelchingen, entlang der bayerisch-württembergischen Grenze, verbirgt sich eine verlassene Industrieanlage.  Und irgendwo hier liegt eine Dose versteckt. Benjamin Tschöpe will sie finden.

Tschöpe ist Geocacher. Geocaching ist eine Art digitale Schnitzeljagd (siehe Infokasten): Mit Koordinaten aus dem Internet geht man auf die Suche nach versteckten Dosen. In diesen können einfache Tauschgegenstände versteckt sein oder Rätsel, mit denen man an neue Plätze geschickt wird.

Geocacher wie Tschöpe lieben verlassene Orte. Im Internet, wo die verschiedenen Schnitzeljagden verzeichnet sind, heißt dieser Ort „Lost Place Heavy Metal“. Spätestens, wenn man einen Bauwagen, ein ausgeschlachtetes Lkw-Führerhaus von Deuz und ein altes Förderband vor sich hinrosten sieht, weiß man wieso. „Frag mal im Dorf, wie viele diesen Platz wohl kennen“, sagt Tschöpe. Wahrscheinlich nicht viele. Zumindest aber ein paar Jugendliche, die zerbrochene Flaschen, Spielzeug-Helikopter und überall auf dem Boden herumliegende Soft-Air-Kugeln zurückgelassen haben.

US-Militär ermöglichte das Spiel

Alles hat begonnen, als das US-Militär am 2. Mai 2000 GPS, ein Satellitensystem zur Positionserkennung,  für zivile Nutzung freigab. Einen Tag später schlug der Amerikaner Dave Ulmer vor, mit GPS ein Spiel zu spielen. Nach dem Motto „Nimm das Zeug und lass anderes da“ vergrub er in der Nähe seiner Heimatstadt Portland einen Eimer mit ein paar Tauschgegenständen darin. Geocaching war geboren. Heute ist Deutschland nach den USA mit etwa 300 000 Caches Schnitzeljagd-Land Nummer eins.

Vor etwa fünf Jahren begann Tschöpe mit dem Spiel. Als der heute 35-Jährige sein Abitur nachgeholt hat, musste er ein Referat über GPS halten. Dabei ist er auf das Spiel gestoßen. Weil er zuvor schon leidenschaftlich Letterboxing spielte, war er sofort angefixt. Letterboxing ist der Vorläufer von Geocaching. In dem Spiel wurden Schatzkarten im Internet veröffentlicht, mittels derer man ohne GPS-Gerät auf Suche ging. Oft verbunden mit aufwendigen Rätseln.

Tschöpe liebt Herausforderungen. Das merkt man nicht nur daran, dass er in den 30ern die Hochschulreife nachholt und Psychologie studiert. Er war jahrelang auf Reisen, hat lange in Sankt Petersburg gelebt. Auch beim Geocachen macht er es sich nicht einfach. „Mir bringt das Dosensammeln nichts“, sagt er. Für ein bestimmtes Rätsel etwa hat er mehrere Bücher über Enigma-Verschlüsselung aus dem Zweiten Weltkrieg gelesen. Nach einem Jahr hatte er es gelöst.

Genauso lange hat Bernhard Hoëcker einmal für einen Cache benötigt. Der Comedian ist der wohl bekannteste Geocacher Deutschlands. Im Gespräch erzählt er von seinem  absurdesten Erlebnis: „Ich wollte zu einem Lost Place, und auf einmal laufen da 600 Leute rum und man fragt sich, was hier los ist. Es war wirklich voll wie in einem Museum.“ Hoëcker hat zahlreiche Bücher übers Cachen geschrieben und so Geocaching mit zum Massen-Freizeitvergnügen gemacht. Vor allem deutsche Wälder sind für Geocacher der reinste Abenteuerspielplatz. Das hat allerdings mittlerweile auch Umweltschützer auf den Plan gerufen. „Extrem-Geocacher“, die sich auf Caches an schwer zugänglichen Orten spezialisiert haben, stellten eine Bedrohung für seltene Arten dar, warnen sie.

Auch Tschöpe ist auf faszinierende Funde in Wäldern gestoßen, diese haben jedoch eher wenig mit geschützten Vögeln zu tun: Einmal seien zwischen den Bäumen Laternen aufgetaucht. Sie gehörten zu einem ehemaligen, stillgelegten Campingplatz. Und bei Ravensburg ist er mitten im Wald auf ein altes, verlassenes Freibad gestoßen. „Es gibt jede Menge zu entdecken, man muss nur die Augen aufmachen.“

Es kommt schon auch mal die Polizei

Dass Geocacher die Polizei auf den Plan rufen, passiert nicht gerade selten. Bei Kehl etwa hat ein Mann Reagenzgläser mit der Aufschrift „Virus“ im Unterholz entdeckt. Die angerückte Polizei konnte den verschreckten Pilzsammler beruhigen, es handelte sich lediglich um Schnaps, der dort  als Belohnung für die erfolgreiche Schnitzeljagd gebunkert lag. Oder in Pfaffenhofen: Dort hat kürzlich ein Geocaching-Punkt einen Waldbesitzer verunsichert. Oft sind die Koordinaten nämlich in einer aufwendig hergestellten Apparatur versteckt, die sich erst öffnen lässt, wenn man ein Rätsel gelöst hat, das einem den Zugangscode verrät. Dem bayerischen Waldbesitzer allerdings war der Kasten suspekt, er rief die Ordnungshüter.

Auch Tschöpe hatte bereits Kontakt mit ihnen. Als er mit Freunden an einem alten Weiher nach einem Cache suchte – „wir hatten ewig nichts gefunden“ –, wussten sie nicht, dass sie sich auf Privatbesitz befinden. Es habe einige Überzeugungsarbeit gekostet, die angerückten Polizisten davon zu überzeugen, dass sie nirgends einbrechen wollten.

Der einzige Mensch, der an diesem Tag in der Nähe des Heavy-Metal-Caches zu sehen ist, ist ein Rentner, der seinen Dackel ausführt. Er trägt einen grünen Försterhut. Benni Tschöpe Undercut. Beide grüßen höflich. Der Schwierigkeitsgrad  des Caches erweist sich als überschaubar. Tschöpe findet die erste Koordinate, die man für die Suche benötigt, sofort. Für die andere sucht er ein wenig länger. Lediglich eine Detailfotografie aus dem Internetforum verrät, wie der Ort, an dem sie verzeichnet ist, aussehen könnte. Tschöpe erinnert sich, für Caches auch schon mal einen Kilometer gebückt durch ein Abflussrohr und drei Kilometer durch einen Fluss gewatet zu sein. An diesem Tag bleibt ihm das erspart. Nachdem er ein wenig auf dem Gelände um graffitibesprühte Fischerhütten herumirrt, stößt er auch auf die zweite Koordinate. Zusammengesetzt bilden sie die Endkoordinate, deren Ziel ein Suchgebiet mit einem Radius von etwa zehn Metern ergibt. „Zehn Meter können ganz schön viel sein, wenn man nicht weiß, wonach man sucht.“

Durch einen Hinweis im Forum entdeckt er die Dose letztendlich. Darin befindet sich nicht gerade der Schatz der Karibik, eher ein wenig Nippes. Das liegt daran, dass viele Geocacher das Spiel nutzen, um ihre Kinder vom iPad in die Natur zu locken. Tschöpe weiß aus eigener Erfahrung: Während die Ankündigung, spazieren zu gehen, viele Kinder eher dazu bringt, sich am Heizkörper festzuketten, sind die Kleinen bei Aussicht auf eine Schatzsuche schneller angezogen, als man schauen kann. Auch Tschöpe legt deswegen Kleinkram wie Sticker oder Haargummis in die Dosen. Für den nächsten Geocacher.

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Bei Geocaching handelt es sich um eine Art Schatzsuche, ähnlich der Schnitzeljagd. Anhänger des Freizeitsports verstecken dazu einen wasserdichten Behälter samt Logbuch und kleineren Tauschgegenständen in der Natur. Die entsprechenden Geo-Koordinaten tragen sie auf Webseiten ein. Anhand dieser Daten können andere Geocacher sich dann mit einem GPS-Gerät – einfacher noch einer GPS-App auf dem Smartphone –  auf die Suche nach dem „Schatz“ machen. Oft muss man auf dem Weg Rätsel lösen. Hat man ihn gefunden, kann man sich in das Logbuch eintragen, um die erfolgreiche Suche zu dokumentieren. igs

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