So fühlt sich der Mitarbeiter wohl

Im Kampf um Fachkräfte lassen sich Mittelständler einiges einfallen, um ihr Personal an sich zu binden. Mit dickem Gehaltsscheck können sie selten trumpfen. Also setzen sie auf kleinen Gesten und Wertschätzung.

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Sie lassen es sich schmecken: Für jeden Lkw-Fahrer von Rüdinger liegen bei der abendlichen Heimkehr Wurstwecken parat. Das tut nach einem harten Arbeitstag auf der Straße nicht nur gut, sondern vermittelt auch Wertschätzung. Foto: Daniela Reichart

Das kennen viele kleine und mittelständische Betriebe: Headhunter jagen ihnen im Auftrag großer finanzstarker Konzernen hochqualifiziertes Personal ab. Doch die Kleinen entdecken ihre Stärken neu. Denn sie sind flexibel genug, um auf die Anliegen ihrer Mitarbeiter einzugehen: Wie sie mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen können, sich motiviert im Job ausleben können oder sich im Kollegenteam einfach aufgehoben fühlen.

Firmen wie die ETG in Holzheim unweit von Göppingen, die unter der Marke "DU: willkommen in der Umwelt" 90 Mitarbeiter beschäftigt, haben eigene Wege der Mitarbeiterbindung gefunden. "Bei uns holt auch einmal der Kollege den Sohn vom Kindergarten ab. Und ein Mitarbeiter, der sich um seine Kinder kümmern will, nimmt seine Elternzeit in betrieblich ruhigen Phasen wie um Weihnachten, Ostern und in den Sommerferien", berichtet Geschäftsführerin Beate Schwarz. Zudem gibt der Betrieb Frauen die Möglichkeit, sich nach dem Mutterschutz flexibel wieder in den Betrieb einfinden zu können.

Bisher habe sich immer eine individuelle Lösung gefunden. Das tut auch der Atmosphäre gut. "Mitarbeiter, die Familie und Beruf unter einen Hut bekommen, sind leistungsfähiger und motivierter", erklärt die 45-Jährige. Die Gesellschafterin bezahlt ihre Mitarbeiter auf Tarifhöhe und hat in den neun Jahren ihrer Geschäftsleitung beobachtet, dass die Betriebe der DU-Gruppe mit insgesamt 180 Beschäftigten mehr Erfolg haben, wenn nicht nur alle Abteilungen zusammenarbeiten, sondern wenn die Firma als Einheit agiert. "Das ist nur möglich, wenn jeder Einzelne sich voll auf die Arbeit konzentrieren kann und sich nicht zwischen Familie und Beruf zerreißen muss", sagt die zweifache Mutter.

Ähnlich kümmert sich der Schorndorfer Automobilzulieferer Hartmann-exact darum, dass seine Leute Job und Familie besser vereinbaren können: Die Kernarbeitszeit wurde abgeschafft; zudem stockt die Firma alle Verträge mit betrieblicher Altersvorsorge um den Betrag auf, den das Unternehmen einspart, wenn Entgeltumwandlung angewendet wird. Konkret bedeutet das: Zahlt ein Mitarbeiter etwa 180 Euro pro Monat in die betriebliche Altersvorsorge ein, hat er 90 Euro netto weniger auf dem Gehaltsstreifen. Hartmann-exact legt noch 40 Euro oben drauf. Das kostet die Firma keinen Cent: "Denn die Einzahlungen auf einen Vertrag zur betrieblichen Altersvorsorge sind von Sozialabgaben befreit", erklärt Chef Jürgen Hofele: "Wir geben unseren Leuten diese Einsparung zurück." Insbesondere bei Neueinstellungen zahlt der Mittelständler übertariflich, denn er orientiert sich am Markt, auf dem sich heute nicht mehr allzu viele hochqualifizierte Ingenieure tummeln, wie die Firma sie sucht.

"Neben der guten, angemessenen Bezahlung ist mir vor allem wichtig, dass die Atmosphäre im Unternehmen stimmt und sich gute Teams bilden", sagt Hofele. Dazu trägt auch die Laufgruppe bei, die mittlerweile zweimal pro Woche für den anstehenden Schorndorfer Stadtlauf trainiert: Zehn Mitarbeiter unterschiedlichster Abteilungen treffen sich Freitagmittags und einmal abends unter der Woche im eigens angefertigten Hartmann-exact-Trikot, um gemeinsam fit zu bleiben.

Dass Mittelständler mit diesen Modellen im Trend liegen, zeigt der aktuelle HR-Report des Mannheimer Personaldienstleisters Hays. So schätzen zwei Drittel der Angestellten gesundheitsfördernde Maßnahmen wie Fitness-Kurse oder Massagestunden, wenn sie vom Chef bezahlt werden. Für mehr als 90 Prozent ist zudem eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit ein wichtiges Argument für die Wahl des Arbeitgebers. Für die Menschen nehme die Bedeutung der Work-Life-Balance zu - denn sie wüssten, dass sie ein langes Arbeitsleben vor sich haben, heißt es im Report.

Auch Spediteur Rüdinger aus Hohenlohe tut viel, um gute Mitarbeiter langfristig zu halten. Vom Wurstwecken bei der abendlichen Rückkehr bis zur Betriebsrente, die jeder bekommt, der länger als fünf Jahre dabei ist. Und dass junge Väter auf Wunsch nur im Nahverkehr fahren, damit sie abends bei ihren Familien sein können. Das Unternehmen bezahlt den Lkw-Führerschein, dessen Verlängerung und Qualifikationen; das kann bis zu 3500 Euro kostet - und rechtlich gesehen müssen Unternehmen diese Kosten nicht übernehmen. Schätzungen zufolge müssen die Fahrer in vier Fünftel der Speditionen die Kosten selbst tragen.

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