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Sozial- und Pflegeberufe

Die Pflegebranche boomt. Altenpfleger und Krankenschwestern betreuen Pflegebedürftige.

Kerstin Auernhammer | 0 Meinungen
Eigentlich wollte Anneliese Braun Stewardess werden. Das sei ihr Kindheitstraum gewesen, erzählt die 41-Jährige: eine schicke Uniform, immer gut aussehen, sich um Menschen kümmern, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Heute kümmert sie sich um alte Menschen: Schwesternkluft, Aussehen egal, sich um Menschen kümmern, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. „Zumindest einige Aspekte meiner Arbeit sind ähnlich wie die einer Stewardess – und doch liegen Welten dazwischen“ erklärt die schlanke Brünette mit der randlosen Brille nachdenklich. Essen servieren, das hätte sie auch als Stewardess gemacht. Doch Fleisch klein schneiden, manchmal auch jeden Bissen einzeln füttern, das wäre im Flugzeug nicht passiert. Eher schon in einem Kinderhort – und das ist nicht die einzige Parallele. „Auch bei unseren Bewohnern geht schon mal was daneben, das passiert nicht gerade selten. Auf gut Deutsch gesagt, muss ich jeden Tag Hintern abwischen – so ist das halt in dem Job.“ Wer Altenpfleger lernt, muss von allem etwas können: saubermachen, Betten beziehen, Medikamente verteilen, schwere Lasten heben – aber eine Eigenschaft ist unbedingt nötig: Empathie. „Das Einfühlen in andere Menschen, was denkt derjenige wohl gerade, was geht in ihm vor, das ist das Wichtigste“, sagt die erfahrene Pflegerin.

Pfleger müssen sich in ihre Patienten einfühlen können

Sie arbeitet schon seit zehn Jahren in einem Seniorenstift im Raum Ulm. „Gerade demente Patienten sind oft nicht einfach. Ich hatte mal eine Patientin, die habe ich an einem Abend dreimal ins Bett gebracht. Ich bin mit ihr aufs Zimmer, habe ihr beim Waschen und Umziehen geholfen und bin zum nächsten Bewohner. Als ich dort fertig war, saß die Patientin im Tagesraum – sie hatte sich allein wieder angezogen. Ich musste sie sanft überreden, dass es draußen ja schon dunkel sei und dass definitiv Bettzeit sei. Auf ihrem Zimmer das- selbe Spiel noch mal von vorn: ausziehen, waschen, bettfertig machen. Fünf Minuten später saß sie wieder im Tagesraum. Diesmal bin ich dann bei ihr geblieben, bis sie eingeschlafen war. Sie war einfach nur einsam und wollte Gesellschaft.“ Eine ärgerliche Situation, da sie Anneliese Braun viel Zeit gekostet hat – die ihr dann bei anderen Bewohnern fehlte. „Aber man darf sich seinen Ärger nicht anmerken lassen. Das würde die Patienten nur verunsichern“, weiß die 41-Jährige. Im Schichtsystem arbeitet sie in dem Stift, muss auch Nacht- und Wochenenddienste absolvieren. Um 150 Bewohner kümmern sie und ihre Kollegen sich. Teils leben die Senioren noch eigenständig in einer Wohnung, teils sind sie auf der Station untergebracht.
„Die körperliche und auch psychische Belastung in diesem Beruf sind nicht zu unterschätzen“, meint die Altenpflegerin. Die älteren Menschen brauchen oft intensive Betreuung, ständig ist man mit Krankheiten und dem Tod konfrontiert. Auch der bürokratische Aufwand nimmt immer mehr zu, wegen der Versicherungen, wie Anneliese Braun meint. „Eine Seniorin ist während meiner Schicht einmal auf der Terrasse ihrer Wohnung gestürzt, gottseidank ist nichts Schlimmeres passiert, sie hatte nur eine Prellung. Doch ich musste hinterher einen zweiseitigen Sturzbericht ausfüllen. Während dieser Zeit hätte ich mich lieber um Patienten gekümmert.“

Im Stationszimmer schüttet man sein Herz aus

Das Sich-Kümmern besteht zum einen aus den grundlegenden Bedürfnissen wie Nahrung, Hygiene und Kleidung. Doch auch das Zwischenmenschliche darf nicht zu kurz kommen. Die Pfleger sprechen mit den Bewohnern, spielen das ein oder andere Spiel, singen ein Lied oder gehen nach draußen mit auf einen Spaziergang. In einigen Einrichtungen gehören auch Küchendienste mit zu den Aufgaben der Pfleger. „Bei allem, was wir tun, müssen wir immer die Uhr im Hinterkopf behalten“, betont Anneliese Braun. „Denn wir müssen in unserer Schicht ein gewisses Pensum schaffen, sonst sind Überstunden angesagt – entweder für uns oder für die Kollegen der späteren Schicht, die dann mehr machen müssen. Guter Zusammenhalt unter den Pflegekräften ist deshalb enorm wichtig.“
Im Team von Anneliese Braun funktioniert das ziemlich gut. Man redet miteinander, schüttet nicht nur im Stationszimmer gegenseitig sein Herz aus und tröstet bei Kummer. „Manchmal ist der Job schon richtig hart. Aber wenn man dann eine lustige oder rührende Situation mit den Bewohnern erlebt, dann weiß man, dass man die richtige Wahl getroffen hat. Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden!“
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