Online statt leben

Heute schon gepostet? Das Internet mit all seinen Kommunikationskanälen gehört für viele zum Alltag wie der Kaffee. Dass ständiges Kommunizieren uns aber nicht nur gut tut, zeigt nun ein neues Buch.

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Rauscht das Leben an uns vorbei, während wir auf das Smartphone oder den Computer starren und tippen, tippen, tippen? Foto: dpa

Vielleicht müssen wir einfach öfter die Klappe halten - zumindest die virtuelle. Also mal nicht mailen, simsen, posten, twittern, kommentieren oder liken. Dann würde unser Leben wohl auch nicht an uns vorbeirauschen, während wir auf das Smartphone oder den Computer starren und tippen, tippen, tippen. So beschreibt es jedenfalls die Autorin Nina Pauer in ihrem Buch "LG ;-) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen".

Neben der Überforderung, die all die Kommunikationskanäle mit sich bringen, skizziert die "Zeit"-Journalistin die Abhängigkeit von unseren virtuellen Ichs - und bezweifelt, dass wir noch ohne sie können.

Endlich mal wieder in Ruhe quatschen. Das hatte Anna ihrer Mutter versprochen, als sie die gemeinsame Zugfahrt zu Oma beschlossen hatten. Zwischen den beiden Frauen steht am Ende nur die Armlehne - und Annas Handy, das permanent vibriert: Freundin Marie ruft an, Geburtstagserinnerungen piepen, die Chefin spricht auf die Mailbox, und dann ist da noch Annas Ex, der der Welt per Facebook von seinem Examen mitteilt. Annas Kampf gegen die roten Bläschen - neue Mail, neuer Anruf, neuer Kommentar - ist aussichtslos, denn ständig passiert etwas. Die Welt steht nicht still, und das ist Annas Problem: Sobald sich das Handy bemerkbar macht, wächst ihre Unruhe etwas zu verpassen, jemandem nicht gerecht zu werden, gleich reagieren zu müssen. Die Mutter muss warten, das Handy geht vor.

So sehr das Internet Anna beherrscht, so sehr schränkt es auch den Familienvater Markus, Mitbegründer eines jungen Start-Ups, ein. Er hat Nervenzusammenbruch, Burn-Out und Therapie bereits hinter sich. So versucht Markus in einer Art Neustart nun, den Arbeitswahnsinn mit ständiger Erreichbarkeit hinter sich zu lassen. Also: Mails checken zu geregelten Zeiten und klar abgesteckte Arbeitsbereiche mit seinem Unternehmenspartner. Versunken in den Computerbildschirm ist Markus trotzdem. Und auch das Handy kann er kaum aus den Augen lassen.

Pauer, die im Jahr 2011 "Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation" veröffentlichte, stellt in ihrem zweiten Buch zwischen der Geschichte ihrer Protagonisten immer wieder kluge Fragen zum täglichen Kommunikationsirrsinn. Ist das, was wir erleben nur dann ein Erlebnis, wenn wir es mitteilen? Oder behält es seinen Wert nur dann, wenn wir es für uns behalten? Wieso ist es so schwer, offline zu sein? Wie sollten wir unsere Zeit überhaupt nutzen?

Pauer beschreibt mal komische, mal traurige, teils absurde und teils anstrengende Situationen, die viele so oder so ähnlich wohl schon erlebt haben.

So extrem Anna und Markus allerdings sind - die Botschaft ist keine düstere. Pauer zeigt auch, dass es bei den wirklich wichtigen Momenten im Leben noch jeder schafft, den Kopf zu heben und den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Bei Markus ist das, wenn ihn die Gefühle für eine andere Frau übermannen, bei Anna, wenn ihre Mutter ihr vom Gesundheitszustand der Oma erzählt.

In solchen Momenten steht die Welt, die aus den Computern, Tablet-PCs und Smartphones zu uns dringen will, zwar genauso wenig still. Doch sie interessiert in diesem Moment nicht. Weil wir wieder in unserer eigenen sind. Dass aber dieser Zustand ein seltener geworden ist, zeigt die Autorin sehr deutlich. Vielleicht sollten wir wirklich öfter mal die Klappe halten. Oder auf Flugmodus schalten.

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