Wohnungsmangel: Einfach mal tauschen?

Viele Senioren leben nach dem Tod des Partners in viel zu großen Räumlichkeiten, während junge Familien verzweifelt nach bezahlbaren Unterkünften suchen.

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Mehr als ihr halbes Leben lang wohnt die 76-Jährige zur Miete in einer Fünfzimmerwohnung. Vor einem Jahr starb ihr Mann, die Kinder sind schon lange aus dem Haus. Seitdem sind zwei der Zimmer verschlossen. Schlafzimmer, Wohnzimmer und manchmal das Gästezimmer – mehr braucht sie nicht mehr. Von solchen Beispielen berichten Seniorenvertreter. Und zugleich von jungen Familien, die dringend eine größere Wohnung suchen.

Situationen wie diese gibt es in vielen deutschen Städten. Nach Zahlen des Bundesverbands der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), fehlen deutschlandweit eine Million Wohnungen. Am meisten leiden junge Familien unter dem Wohnungsmangel.

Denn: „Wer zieht um?“, fragt GdW-Präsident Axel Gedaschko. Vor allem seien das junge Menschen auf Jobsuche oder etwas ältere, die eine Familie gründen wollen. Senioren  bleiben in Wohnungen, die oft viel zu groß für sie sind. Die steigenden Mieten verschärfen ein altes Phänomen: „Wer eine günstige Wohnung hat, gibt sie nicht mehr her,“ erklärt Michael Voigtländer, der Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Läge es da nicht nahe, dass Senioren und junge Familien die Wohnungen einfach tauschen? Der Chef der Baugewerkschaft IG Bau, Robert Feiger, hat 5000 Euro Umzugsprämie für Senioren vorgeschlagen. Er erntete Empörung: Es werde der Anschein erweckt, Senioren lebten in Wohnungen, die ihnen nicht zustünden. Dennoch waren einige Wohnungsunternehmen bereits vor Feigers Vorstoß in diese Richtung gegangen. Die städtischen Wohnungsunternehmen in Berlin etwa werben seit drei Jahren dafür, sich zu verkleinern. Wer mindestens auf ein Zehntel seiner Wohnfläche verzichtet, soll danach nicht mehr bezahlen als vorher, erläutert David Eberhardt, Sprecher des Verbands Berlin-Brandenburger Wohnungsunternehmen. Der Potsdamer Vermieter Gewoba lockt mit Umzugszuschüssen und reduzierter Miete.

In Wien haben Mieter städtischer Wohnungen sogar Anspruch auf Wohnungstausch. Wer über 65 ist, kann nach dem Umzug in eine kleinere Wohnung mit einem Drittel weniger Miete rechnen. Die Schweiz geht einen Schritt weiter: Bei zwei Drittel aller Genossenschaftswohnungen sind Mindest-Bewohnerzahlen vorgeschrieben. In der Regel gelte: Personenzahl gleich Zimmerzahl plus 1, heißt es beim Verband der Schweizer Wohnbaugenossenschaften.

Nur wenige zeigen Interesse

In Berlin lassen sich durch Kampagnen nur wenige zum Umzug bewegen. „Die Fallzahlen dümpeln bei etwa 200 pro Jahr – bei 300.000 Wohnungen“, sagt Verbandssprecher Eberhart. Denn umziehen bedeute auch, sich von Möbeln und Erinnerungsstücken zu trennen.

Darauf verweist auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen. Sie lehnt das Thema Wohnungstausch aber nicht rundweg ab. „Wenn das auf einer freiwilligen Basis passiert, spricht nichts dagegen“, sagt Sprecherin Ursula Lenz. Notwendig sei jedoch, dass jemand mit den alten Menschen gemeinsam die neue Wohnung besichtige, mit ihnen den Umzug plane und sie dabei unterstütze, ihren Haushalt zu verkleinern.

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