Jahrmärkte: „Alles paletti? Der absolute Hammer!“

Wie macht man aus einer monströsen Maschine eine Volksfest-Legende? Patricia Kinzler muss es wissen. Sie reist seit 29 Jahren mit dem „Break Dance“ durch Deutschland.

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Es gibt Klänge, die holen einen umgehend in eine andere Zeit, an einen anderen Ort zurück, ob man will oder nicht, da ist man in gewisser Weise wehrlos. Das erste Lied der ersten Platte. Der Einwählton eines Modems. Das Rauschen des Meeres. Und, wenn man das Glück hatte, in der Nähe eines Volksfestes aufgewachsen zu sein, die Geräuschkomposition eines Fahrgeschäfts an einem milden Frühlingstag.

An einem Montagnachmittag im April auf dem Stuttgarter Frühlingsfest klingt diese Tonkollage entgegen aller Logik mal wieder ganz zauberhaft. Wir stehen vor dem „Break Dance“, einem Koloss aus viel zu bunt lackiertem Stahl, dessen Kern eine sich gegen den Uhrzeigersinn drehende Stahlscheibe ist. Auf dieser Scheibe sind sechs Stahlkreuze montiert, die sich ebenfalls drehen und an deren vier Enden sich jeweils eine Gondel befindet. In der sitzen zwei Fahrgäste und, Sie ahnen es bereits, drehen sich auch.

Das klingt zwar bestenfalls martialisch, ist aber motorenbetriebene Poesie. Denn wenn sich die Scheibe ganz schnell dreht und die Kreuze plötzlich auch noch Fahrt aufnehmen, fühlt sich das kurz so an, als ob im Bauch die Schwerkraft aussetzt und alle Organe Polonaise tanzen.

Die Motoren unter der Stahlscheibe summen mal laut, mal sehr laut, ihr Summen vermengt sich mit noch viel lauterer Popmusik, die aus zehn pinken Boxen schallt, und dem hoffentlich zustimmenden Kreischen der Fahrgäste. Über all dem eine markante Männerstimme: „Kurze Frage, knackige Antwort: Wollt ihr nochmaaal? Ich kann euch nicht hören: Wollt. Ihr. Nochmaaal?“ Wer sich da nicht in seine Jugend zurückversetzt fühlt, hat kein Herz.

Die Frau, die dem Stahlkoloss Leben eingehaucht hat, heißt Patricia Kinzler, wobei der Nachname Nebensache ist, man duzt sich, keine Widerrede. Stillsitzen ist nicht so ihr Ding. Die kleine Frau mit dem grauen Pullover und den glatten, dunklen Haaren ist immer in Bewegung. Wer sich mit der 53-Jährigen unterhält, braucht deshalb etwas Geduld. Da muss noch schnell ein Mitarbeiter zurechtgewiesen, ein Telefonat angenommen, ein Bild rausgesucht werden. Mitten im Satz ist Patricia plötzlich weg, kommt nach drei Minuten wieder und setzt den Satz genau dort fort, wo sie aufgehört hat.

An diesem Nachmittag sitzt sie also mit vielen Unterbrechungen im kleinen Steuerraum des Fahrgeschäfts hinter einer großen Glasscheibe und versucht zu erklären, wie man aus einer monströsen Maschine einen Ort macht, an dem sich Menschen gerne aufhalten: „Als mein Vater das Fahrgeschäft 1988 gekauft hat, hat er direkt gesagt: Patricia, das machst Du.“ Da hatte sie, die damals 24-Jährige, erstmal gar keine Lust drauf.

Patricias Vater Fritz Kinzler haben die meisten nur den „Wasenkönig“ genannt. Oder den „Erfinder der Wilden Maus“. Beide Beschreibungen haben ihre Berechtigung. Er hat sein Leben lang neue Fahrgeschäfte auf Volksfeste gebracht. Ein Jahrmarkt-Pionier, der schnell erkannt hat, dass dieses neue Fahrgeschäft und seine Tochter ganz gut zusammenpassen. Nur sie selbst brauchte ein wenig länger. Schließlich ist so ein Gerät mit viel Verantwortung verbunden. Sieben feste Mitarbeiter beschäftigt Patricia, sieben Lkw transportieren den Koloss von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Einmal in Betrieb frisst die Maschine so viel Strom wie die Häuser eines ganzen Straßenzuges zusammen. Man darf annehmen, dass sich das Geschäft hinreichend rentiert. Doch das Risiko fährt immer mit.

„Irgendwann habe ich erkannt, dass ich das Geschäft prägen kann“, sagt sie. Sie konnte ihre Musik spielen, Black Music, Hip Hop, Rap so viel und so laut sie wollte. Und sie konnte mit ihrer rauchigen, kratzigen und trotzdem warmen Stimme die Leute in ihre Welt ziehen. Dann sagt Patricia etwas sehr schönes, nämlich: „Das war dann eine Symbiose von mir und dem Karussell.“ Das habe sie dann doch überzeugt.

Wenn Patricia hinter dem Mikrophon in dem kleinen Steuerungsraum sitzt, dann klingt das so: „Attacke, schmeißt euch in die Sitze! Seid ihr bereit, Stuttgart, seid ihr BEREIT? Dann kommen wir mal in Schwung, Schwung, Schwung, Schwung! Alright, right, right, right. Alles paletti, oki doki, absoluter HAMMER! So, Gesichtskontrolle, Facechecking, looki, looki. Habt ihr noch Böcke? Das habe ich schon lauter gehört: Habt ihr noch BÖCKE?“ Es klingt wunderschön.

Rekommandieren nennt der gemeine Schausteller das, was Patricia da hingebungsvoll praktiziert – das Anpreisen der Fahrt. Das macht sie natürlich nicht allein, Patricia hat noch zwei Christians, die ihr dabei helfen. Hauptberuflich, Ansagen ist kein Job, bei dem man mal nebenbei ins Mikrofon säuselt.

Der eine Christian sitzt hinter dem Pult und redet sich die Kehle wund. Der andere Christian kümmert sich heute um ein anderes Karussell der Familie Kinzler und schaut in seiner Pause rein. Wenn er rekommandiert, klingt das so: „So Leute, alles startklar? Seid ihr Schwaben, oder was? An das Mädchen in der blauen Gondel: Deine Mutti, kann die noch? Jetzt alle mal die Hände hoch! Was war das denn? Alle, die Justin Bieber scheiße finden, reißen jetzt die Hände hoch!“ Den Spruch mag er sehr gerne. „Die Leute denken, sie hätten eine Wahl, doch eigentlich zwinge ich sie die Arme hochzureißen.“ Hochgerissene Arme und Beschleunigung ergeben zusammen immer Kreischer, und das ist es, was er letztlich erzielen möchte. In Christians Ansagen schwingt immer ein bisschen Taktik mit.

Weil es dann doch etwas eng wird im Steuerungsraum, beschließt Patricia den Umzug ins „Steak House“, einen Imbiss, den ihr Mann betreibt. Dort es gibt Steaks, rote Würste, weiße Würste, Currywürste. Das Frühlingsfest wirkt mit Patricia wie eine große Familienveranstaltung. Sie betreibt den „Break Dance“, ihre Mutter das „Revolution“ ihr Bruder die „Wilde Maus“. Patricia ist direkt nach dem Internat ins Familiengeschäft eingestiegen, seit 35 Jahren zieht sie sieben Monate im Jahr durch Deutschland. Sie und ihre Mitarbeiter leben dann in großen Wohnwägen. Eine Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit wird da schwierig, wer sonst wohnt schon mit seinen Angestellten Tür an Tür? Doch nach einem Leben auf dem Rummel fühlt sich das gar nicht mehr ungewöhnlich an. „Ich kenne nichts anderes“, sagt Patricia. Sie und die Christians, das mehr Familie als Arbeitsverhältnis.

Kaum im „Steak House“ angekommen, ist Patricia auch wieder weg. Eigentlich wollte sie plaudern, doch dann entscheidet sie sich dafür, stattdessen Curry-Wür­ste zu verkaufen. Ist gerade viel los. Innerhalb von Sekunden übernimmt sie das Ruder, nimmt Bestellungen entgegen und deligiert Aufgaben. „Gabi, noch eine Currywust“, sagt sie. „Die Frau ist unglaublich“, sagt Christian. Es klingt nach ehrlicher Bewunderung.

Der Mittdreißiger im roten Pulli ist Wirtschaftsingenieur und vor elf Jahren über die Liebe zu großen Geräten in die Schaustellerei geraten. „Ich bin nicht mehr rausgekommen.“ Die Arbeit sei natürlich viel mehr als das reine Ansagen. Als „Bediener“, wie Christian das nennt, müsse man organisieren, den Überblick behalten, die Musik auswählen, das Licht steuern, Gerät aufbauen, Gerät vom TÜV abnehmen lassen, Gerät täglich warten und dann, aber erst dann, kommt das Ansagen als Sahnehäubchen oben drauf.

Wie bei einem guten Kuchen macht das Sahnehäubchen natürlich den entscheidenden Unterschied. Christian selbst spielt gerne elektronische Musik, arbeitet mit viel Nebel und neckt die Fahrgäste. Der andere Christian spielt gerne Pop und putscht die Leute auf. Und Patricia, ja Patricia, spielt Black Music und ist für viele die Stimme des Jahrmarkts überhaupt. „Ich kenne die Patricias Stimme noch von früher von den Düsseldorfer Rheinwiesen“, sagt der andere Christian, der mit dem Popmusik-Geschmack. „Damit, dass ich jetzt für sie arbeiten darf, ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“ Auch bei ihm schwingt ehrliche Bewunderung mit.

Die Stimme des Jahrmarkts ist anderthalb Stunden später mit dem Würsteverkaufen fertig und bereit, ein paar Sätze über das Leben auf dem Rummel zu verlieren. Zwischen den Fahrgeschäften, sagt sie, herrschen Traditionen und Werte. Ehrlichkeit und Respekt würden groß geschrieben, man achte aufeinander. „Es ist ein hartes Leben mit vielen Aufopferungen und viel Verantwortung. Aber es ist ein tolles Leben.“ Hinterm Mikro würde sie sagen: Der absolute Wahnsinn, Sinn, Sinn, Sinn.

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