Müller über Müller: Nummer eins
Pretoria. Vor einem Jahr noch spielte er in der dritten Liga. Jetzt ist Thomas Müller auf dem Weg zum WM-Star - und für Rekordtorjäger und Namensvetter Gerd Müller sogar schon die Nummer eins.
Mensch Maier. Verzeihung, Müller. Thomas Müller, um ganz genau zu sein. Einfach unglaublich, mit welchem Raketentempo der 20-Jährige den Kick nach oben schafft. Hoffentlich erschrickt der Offensivspieler des FC Bayern München nicht, sollte er demnächst mit lautem Knall die Schallmauer durchbrechen.
Jüngstes Beispiel: Nach der endgültigen Nominierung des WM-Kaders Anfang des Monats wurden die Rückennummern verteilt. Die Spieler durften wählen, die verdienten und erfahrenen zuerst. Als Thomas Müller endlich dran kam, waren nur noch drei Nummern frei: die 13, die 14 und die 4. "Da konnte ich nicht widerstehen und habe mir die 13 geschnappt." Jene Ziffer also, die zuvor Michael Ballack und einstens bei der WM 1974 der große Torjäger Gerd Müller auf dem Rücken ihrer Trikots getragen hatten. Die 14 ging übrigens an Holger Badstuber, die 4 an Dennis Aogo.
Vom Hinterbänkler in der Mannschafts-Hierarchie binnen zwei Wochen zur großen Nummer - bei Thomas Müller ist alles möglich. Er bereitete beim 4:0-Auftaktsieg im WM-Gruppenspiel gegen Australien das 1:0 durch Lukas Podolski mustergültig vor und erzielte das 3:0 selbst. Ein Tor, das Erinnerungen an das WM-Finale 1974 gegen die Niederlande weckte. Wie seinerzeit Siegtorschütze Gerd Müller drehte sich der Namensvetter um seinen Gegenspieler herum und traf. Dafür gab"s gestern ein dickes Lob von Gerd Müller, der mit Rudi Völler und Uwe Seeler das WM-Quartier der Nationalelf besuchte: "Er kann es mit dem Kopf, mit links und mit rechts. Thomas Müller ist meine Nummer eins."
Die beiden Müllers kennen sich gut. Bis vor einem Jahr noch spielte Thomas unter Hermann Gerland, der einstens auch schon die heutigen DFB-Kapitäne Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger groß herausgebracht hatte, beim FC Bayern II in der dritten Liga. Co-Trainer dort ist eben jener Gerd Müller.
In der Bundesliga startete der Abiturient unter Trainer Louis van Gaal groß durch. Gemeinsam mit Holger Badstuber war er der Shooting-Star der abgelaufenen Saison. Am 3. März machte Müller, der sowohl im linken und rechten Mittelfeld als auch im Sturm eingesetzt werden kann, beim 0:1 gegen Argentinien sein erstes Länderspiel, wurde mit dem FC Bayern Deutscher Meister und Pokalsieger. "Und ich habe vor 90 000 Zuschauern in Madrid das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand gespielt. So leicht kann mich nichts aus der Ruhe bringen", demonstriert Müller sein Selbstbewusstsein, das er auch mit nach Südafrika zur Fußball-Weltmeisterschaft genommen hat.
Dem jungen Mann, der im bayerischen Weilheim geboren ist und beim TSV Pähl das Fußballspielen erlernte, erscheint seine kometenhafte Karriere selbst gar nicht so wundersam, wie es von außen wirkt. Ihm käme es nicht so vor, als sei er über Nacht vom Drittliga- zum Bundesliga- und Nationalspieler geworden. "Diesen Riesenschritt nehme ich so nicht wahr. Ich erlebe jeden Tag diesen Fortschritt."
Wundern freilich darf man sich über Müller und die neue deutsche Fußball-Generation, zu der auch Mesut Özil und Sami Khedira zählen, schon. Selbst Joachim Löw, der den Generationen-Wechsel nicht nur aufgrund der Ballack-Verletzung, sondern auch aus freien Stücken eingeleitet hat, tut dies: "Die Jungen sind so unheimlich locker, zeigen keine Nerven und gehen mit einer Frechheit ins Spiel."
Selbstbewusst und frech, das ist Thomas Müller. "Wenn ich so weiter kämpfe und dem Team helfe, gibt es keinen Grund, mich wieder runter zu holen. Und irgendwie musste ich ja auch meine Rückennummer rechtfertigen", so der Bayer. Auch den Vergleich mit Gerd Müller scheut der Münchner nicht. "Natürlich freut man sich, wenn man von jemandem, der 365 Bundesligatore erzielt hat, gelobt wird. So viele werde ich nicht schießen, aber ich versuche, möglichst nahe an diese Zahl zu kommen."
Auch privat bevorzugt Müller, dessen Bayern-Kollege Bastian Schweinsteiger wegen eines Infekts der Atemwege gestern vorsorglich nicht trainierte, das Raketentempo. Im November hat der 20-Jährige seine Freundin Linda geheiratet. Ihr galt auch der Handkuss, den Müller nach seinem 3:0 in den Himmel von Durban hauchte.
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16.06.2010
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Es müllert: Für Ex-Torjäger Gerd (links) ist die Leistungsexplosion des jungen Thomas keine Überraschung.
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