Löw verordnet Kuschelzeit

Pretoria.  Die deutschen Fußball-Nationalspieler genossen gestern einen freien Tag. Aber auch wenn heute die Vorbereitung auf das Viertelfinale gegen Argentinien beginnt, brauchen sie nicht auf Annehmlichkeiten verzichten.

Als der liebe Gott sein großes Werk vollbracht und die Welt erschaffen hatte, ruhte er sich am siebten Tag aus. Nun ist zwar Joachim Löw "nur" der Bundestrainer und keineswegs der Herrgott. Doch auch er gewährte seinen 23 Auserwählten nach dem großartigen 4:1 im Achtelfinale Freizeit - mehr sogar als der liebe Gott. Gleich 31 Stunden waren die Spieler frei von allen Verpflichtungen. Gestern Abend um 23 Uhr mussten sie wieder in ihrem Quartier sein. Heute wird es dann wieder ernst, denn noch ist das Unternehmen WM für die DFB-Auswahl nicht abgeschlossen. Nun beginnt die intensive Vorbereitung auf das Viertelfinale am Samstag (16 Uhr in Kapstadt) gegen Argentinien. Man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusagen: Dies wird eine noch größere Herausforderung als gegen England. Entspannung vor der großen Anspannung lautet also die Devise.

Raus aus dem Haus - dieses Motto galt gestern für die meisten Spieler. Das Hotel Velmore Grande bietet zwar einige Annehmlichkeiten. Doch die Anlage liegt so abgeschieden, dass ein Verlassen des Geländes während des normalen Trainingsbetriebes kaum in Frage kommt. "Irgendwann kann man die immer gleichen Gesichter nicht mehr sehen. Jeder Einzelne ist froh, mal ein paar Stunden abschalten zu können", sagt Sami Khedira.

Die meisten Spieler trafen sich mit ihren Liebsten. Schweinsteigers Freundin Sarah ist zu Besuch, genauso wie Özils Flamme Anna-Maria, Boatengs Freundin Sherin oder Toni Kroos Jessica. Und auch Lisa Müller, Gattin des deutschen Shooting-Stars Thomas Müller, ist in Südafrika. Sie alle freuten sich auf "Kuschelstunden". Andere wie Miroslav Klose müssen auf Familienbesuch verzichten. Seine Ehefrau ist mit den beiden fünfjährigen Zwillingen zu Hause geblieben. "Ich muss dann halt mit Harald Stenger kuscheln", sagte Klose mit Blick auf den DFB-Mediendirektor und ergänzte, "ich kann mir schon was Schöneres vorstellen". Und auch für den momentanen Single Sami Khedira fiel das Kuscheln aus. Er durfte sich immerhin über den Besuch seines Vaters und des jüngeren Bruders freuen.

Der freie Tag wurde auch durch den WM-Spielplan begünstigt. Sechs Tage liegen zwischen dem Achtelfinal-Sieg gegen England vom vergangenen Sonntag und dem Viertelfinale am Samstag gegen Argentinien. "Das ist schon ein Luxus", zeigt sich Thomas Müller dankbar über die Verschnaufpause. Handballer oder Eishockey-Spieler können bei ihrer jeweiligen WM von solch einer langen Spielpause nur träumen. Aber auch die niederländischen WM-Fußballer Arjen Robben und Mark van Bommel schielen ein wenig neidisch in Richtung ihrer deutschen Bundesliga-Kollegen. Die Holländer waren am Montag mit dem Achtelfinale (2:0 gegen Slowenien) an der Reihe und treffen schon am Freitag im Viertelfinale auf Brasilien. Keine Zeit also für eine Pause a la Löw.

Wenn heute nun der Extra-Urlaub vorbei ist und die Arbeit wieder beginnt, bleiben immer noch genügend Möglichkeiten, sich die freie Zeit im WM-Quartier zu vertreiben. Sei es in der eigens für die DFB-Auswahl eingerichteten Technik-Station mit Kino, Videos, zwei deutschen Fernsehsendern oder einer Musikanlage. Dort oder aber auf ihren Zimmern begutachten die Spieler auch die Partien der anderen Teams. Tischtennis- und Billardtische ergänzen das sportliche Angebot. Manche Spieler wie Marcell Jansen setzen sich gern zum Security-Personal, zu den Physiotherapeuten, den Ärzten oder reden mit dem Busfahrer. "Man ist eine große Familie. Man sieht verschiedene Charaktere und Typen", sagt Jansen.

Natürlich hat das Hotel einen eigenen Wellness-Bereich. Als das Quartier gebucht wurde, fehlte jedoch eine große Sauna. Die orderte Joachim Löw im WM-Vorfeld höchstpersönlich in Schwäbisch Hall. Die "Weltmeistersauna" mit Platz für 15 Personen wurde vom Hersteller Klafs in Einzelteilen per LKW nach Bremerhaven gebracht, von dort ging es per Schiff weiter in die südafrikanische Hafenstadt Durban und dann wieder per LKW ins 600 Kilometer entfernte Quartier, wo sie neu montiert wurde. Gesamtkosten von rund 100 000 Euro war dem DFB die muskuläre und physische Entspannung der Spieler wert.

Wieviel Geld bei den abendlichen Kartenrunden fließen, bei der schon mal auch die eine oder andere Poker-Partie gespielt wird, ist nicht bekannt.


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