"Hier gibt es keine Fußball-Helden"

Sean Dundee, ehemaliger Bundesliga-Torjäger, hat die WM in seinem Heimatland erlebt. Er rät dem nationalen Fußball-Verband, sich die Europäer in Sachen Nachwuchsarbeit zum Vorbild zu nehmen.

Herr Dundee, wie haben Sie die WM in ihrem Heimatland wahrgenommen. Als gebürtiger Südafrikaner, als Fan oder als Experte?

SEAN DUNDEE: Am Anfang mehr als Fan. Ich habe mir einige Spiele angeschaut, bin herumgefahren. In dieser Woche habe ich für das ARD-Morgenmagazin gearbeitet.

Die WM hat nicht reibungslos, aber gut funktioniert. Hat Sie das überrascht?

DUNDEE: Dass sie so gut verlaufen ist, das hat mich tatsächlich überrascht. Mir war schon vorher klar, dass es nicht die Probleme und das organisatorische Chaos geben wird, wie vor allem in den englischen Zeitungen seit Monaten prophezeit wurde. Ich fand es nur schade, dass die deutsche Mannschaft nicht ins Finale gekommen ist. Sie hätte es verdient gehabt.

Haben Sie eigentlich eine Vuvuzela?

DUNDEE: Mir hat mal jemand eine geschenkt.

Bekommen Sie einen Ton raus?

DUNDEE: Mein Sohn kann das in jedem Fall besser als ich.

Verstehen Sie den Ärger wegen des unerträglichen Lärms dieser Vuvuzelas?

DUNDEE: Wenn man als Zuschauer ins Stadion geht und schon von vornherein genervt ist wegen der Vuvuzelas, dann respektiert man die Tradition nicht. Nein, ich verstehe den Ärger nicht. Vuvuzelas gehören dazu. Wenn ich die nicht hören würde im Stadion, würde mir etwas fehlen.

Ist die WM-Stimmung in den Stadien vergleichbar mit der Atmosphäre im südafrikanischen Liga-Alltag?

DUNDEE: Überhaupt nicht. Im Liga-Fußball sind die Stadien selten so voll, wie sie es während der WM eigentlich immer waren.

Und es gab kaum Fan-Randale.

DUNDEE: Obwohl die südafrikanischen Fans auch manchmal ganz schön ausflippen können. Das war vor einigen Jahren richtig schlimm. Mittlerweile hat es nachgelassen, das liegt auch an den strengen Sicherheitsvorkehrungen.

Sie leben wieder einige Jahre in Ihrem Geburtsort Durban. Glauben Sie, dass die südafrikanische Gesellschaft, die eine Menge Probleme hat, nachhaltig von dieser WM profitieren wird?

DUNDEE: Ich kann nur beschreiben, wie ich die Menschen in den Stadien erlebt habe. Da haben alle zusammen, ob Weiß, Schwarz, ob zum Beispiel deutscher Fan oder Anhänger einer anderen Nation, zusammen gefeiert. Es war eine tolle Stimmung. Ich würde mir wünschen, dass das auch im Alltag zu einem normalen Bild in dieser Gesellschaft wird.

Wird der südafrikanische Fußball nach dieser WM und durch sie einen Schub bekommen?

DUNDEE: Schwer zu sagen. Der nationale Verband, aber auch jeder Klub, muss sich dringend die Europäer zum Vorbild nehmen. Hier gibt es keine vernünftige Nachwuchsarbeit. Hier werden Trainer geholt, die viel Geld verdienen, aber nicht aus dem Land kommen.

Gibt es genügend Talente?

DUNDEE: Ja, aber die jungen Spieler verlieren schnell die Lust am Fußball, weil sie keine Vorbilder haben. Wie zum Beispiel in Deutschland. Da sind Fußballer, auch wenn es manchmal übertrieben ist, Helden. Hier gibt es keine Helden.

Waren Sie vom Abschneiden Südafrikas und der anderen fünf afrikanischen Teams überrascht?

DUNDEE: Von Nigeria und Kamerun war ich sehr enttäuscht. Ghana hätte mit etwas Glück ins Halbfinale kommen können. Bafana Bafana haben mich eher positiv überrascht. Sie haben das gespielt, was sie können.

Werden Sie die zwei letzten Spiele im Stadion verfolgen?

DUNDEE: Nein, ich war jetzt lange unterwegs. Ich schaue mir beide Duelle im Fernsehen an.

Stimmt es, dass Sie noch in diesem Jahr wieder nach Deutschland zurückkommen wollen?

DUNDEE: Das hatte ich mal so geplant. Jetzt arbeite ich aber als Experte beim größten TV-Sportsender Afrikas. Wir zeigen ab der neuen Saison nicht mehr nur englischen Fußball, sondern auch die Bundesliga. Da gibt es viel zu tun. Spaß macht es auch noch.

Also kein Trainerschein?

DUNDEE: Doch, den mache ich jetzt auch, vielleicht gehe ich dann wieder nach Deutschland.

Südafrika braucht doch auch Fußball-Experten?

DUNDEE: Das stimmt zwar, ich glaube aber nicht, dass ich beim Verband arbeiten kann. Die haben es mir übel genommen, dass ich mich für die deutsche Staatsbürgerschaft und damit für die deutsche Nationalmannschaft entschieden hatte. Außerdem schmoren die hier gerne im eigenen Saft, lassen von außen kaum jemanden rein. Das ist auch ein Mangel.


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10.07.2010

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