Europa gibt den Fußball-Takt an

Johannesburg.  Nach rund vier Wochen und 64 Spielen ist die WM in Südafrika gestern mit dem Finale zu Ende gegangen. Die Europäer sind einmal mehr der große Gewinner der Leistungsschau, andere Länder müssen dazulernen.

"Yes we can." Das Wahlkampfmotto des amerikanische Präsidenten Barack Obama war in den vergangenen Tagen in Südafrika in aller Munde. Ja, Südafrika kann so ein Großereignis wie eine Fußball-Weltmeisterschaft stemmen. Daran besteht nun kein Zweifel mehr. Und das Land zeigt seinen Stolz darüber in aller Deutlichkeit. Schließlich ist es erst 16 Jahre her, dass die Fesseln der Apartheid abgelegt werden konnten und ein Demokratisierungs- und Modernisierungsprozess in Gang gekommen ist, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Ob es aber nun gleich die "beste WM aller Zeiten" war, wie häufig zu hören war, mag ohne schlechtes Gewissen bezweifelt werden.

Dem internationalen Fußball stehen in den nächsten vier Jahren erneut zwei problematisch erscheinende Turniere ins Haus. Die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine liegt dem europäischen Verband (Uefa) schwer im Magen. Immer wieder gibt es Berichte von wackligen Finanzierungen und schleppendem Ausbau der Infrastruktur inklusive Stadienbauten.

Dann folgt zwei Jahre später die WM-Endrunde in Brasilien. "Unglaublich, wie spät Brasilien dran ist", hatte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke kürzlich gemeckert. In der Tat scheinen die Probleme mindestens so groß zu sein wie in Südafrika zum vergleichbaren Zeitpunkt. Zwölf Stadien hat Brasilien vorgeschlagen, nur sechs hat die Fifa bislang genehmigt. An den sechs Standorten gibt es dennoch große Finanzierungslücken. Auch das Thema Sicherheit für die WM-Touristen wird früher oder später richtig hochkochen.

Dazu kommen die sportlichen Defizite der Südamerikaner, die in diesem kurzen Zeitraum fast noch schwieriger zu beheben sein werden als die bei den Neubauten. Mit vier Mannschaften im Viertelfinale fühlte sich der Kontinent noch als der große Gewinner dieser WM, dann schaffte nur das kleine Uruguay den Sprung unter die besten Vier. In der"Ewigen WM-Wertung" zieht Europa mit dem zehnten Titel an den Lateinamerikanern vorbei.

Dabei waren die südamerikanischen Fußball-Lokomotiven Brasilien (mit dem eigentlich so genialen Kaka) und Argentinien (mit dem sonst so großartigen Messi) als Favoriten an den Start gegangen. Möglicherweise ist an diesem Teil der Welt die Weiterentwicklung des Fußballs etwas vorbei gegangen. Schon seit Jahren ist der Trend erkennbar, dass ohne ein kompaktes Ordnungssystem auf dem Platz nichts mehr geht. Die Wahl des Laufweges nur der spontanen - wenn auch kreativen - Eingebung einzelner Spieler zu überlassen, führt nicht mehr zum Erfolg. Der "Zehner" ist nicht etwa plötzlich ein Auslaufmodell. Ein Spielplaner ist unabdingbar, um die Komplexität aufzubrechen. Es kommt aber auf die Balance in der Mannschaft an. Da stimmte die Mischung bei den Südamerikanern nicht, die ihre Hoffnungen zu sehr in einzelne Ideengeber setzten. Brasiliens Coach Dunga war schon auf dem richtigen Weg beim Umbau. Nur dauert so etwas länger. Zudem rieb sich der ehemalige Profi des VfB Stuttgart zu sehr im Kampf mit den Zauberfußball-Traditionalisten aus dem eigenen Land auf.

Für viele Länder, auch für Brasilien, scheint das Modell "Europa" immer interessanter zu werden. Dabei ist es ein Punkt, der ernst genommen wird: die Ausbildung des Nachwuchses. Weg mit den "alten" Stars, her mit jungen, lauffreudigen Spielern. Das ist das neue Motto, das auch die Afrikaner annehmen wollen. Zu enttäuschend war die sportliche Bilanz des "six packs" vom "Schwarzen Kontinent". Nur Ghana hat die K.o.-Runde überstanden, musste dann im Viertelfinale in einem dramatischen Spiel die Segel streichen. Nicht förderlich für die Stimmung in Südafrika war auch das frühe Aus des Gastgebers nach den drei Gruppenspielen.

Zum größten Ärgernis dieser WM zählten die Schiedsrichter-Leistungen. Eine Reihe von schweren Sehfehlern gipfelte im nicht gegebenen Tor des Engländers Frank Lampard gegen Deutschland im Achtelfinale, als der Ball deutlich hinter der Torlinie war, aber Schiedsrichter Jorge Larrionda (Uruguay) und seine Assistenten dem Treffer dennoch die Anerkennung verweigerten. Hinzu kam ein Abseitstor des Argentiniers Carlos Tevez gegen Mexiko.

Nachdem sich die Fifa zunächst noch regelrecht dümmlich verhalten hatte und die Referees auch noch ausdrücklich lobte, lenkte der Weltverband dann ein und verkündete, dass der Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie eine Torkamera oder der Chip im Ball erneut diskutiert würde. Bis 2014 soll das Schiedsrichtersystem komplett geändert werden.


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Autor: THOMAS GOTTHARDT | 12.07.2010

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