Die neuen Sterne glänzen

Bloemfontein.  Die junge deutsche Nationalelf hat ihre erste große Reifeprüfung mit Geschick und auch ein wenig Glück bestanden. Mit einem 4:1 gegen den alten Rivalen England zog das Löw-Team ins WM-Viertelfinale.

Spaßfußball vom Feinsten. Die frühreife deutsche Nationalmannschaft war - zumindest am gestrigen Sonntag - nicht zu bremsen. Mit einem in der Höhe nie für möglich gehaltenen 4:1 (2:1)-Sieg im Fußball-Klassiker gegen England schrieb das Team von Bundestrainer Joachim Löw ein neues Kapitel in der Geschichte der Begegnungen dieser beiden Länder und zog in das Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft ein. Dort geht es am Samstag (16 Uhr) in Kapstadt gegen Argentinien, das Mexiko mit 3:1 bezwang.

"Erst einmal können wir diesen Sieg genießen. Wir haben aggressiv gespielt und die Engländer kalt erwischt. Aber jedes Spiel ist anders, die nächsten Gegner sind noch stärker", wehrt sich Bundestrainer Joachim Löw, nun in eine Favoritenrolle gedrängt zu werden.

Der deutsche Fußball hat im alten Derby gegen die Briten eine neue Sternstunde erlebt. Dank einer taktischen Meisterleistung und der neuen Sternchen in der DFB-Auswahl, dem zweifachen Torschützen Thomas Müller (20) und dem überragenden Regisseur Mesut Özil (21), die beide eine beeindruckende Vorstellung boten. Dagegen sahen Englands Routiniers Frank Lampard (32) oder John Terry (29) alt aus. Lediglich Steven Gerrard (30) aus der Garde der erfahrenen Top-Stars konnte dagegenhalten. Doch das war zu wenig, zumal auch der vergleichsweise junge Wayne Rooney (24) trotz aller Bemühungen die Phase seiner Torlosigkeit fortsetzte.

Der jugendliche Elan hat sich also gegen die allmählich verblassende englische Klasse durchgesetzt. Doch die Rolle des Türöffners hatte Miroslav Klose, der 32 Jahre alte Angreifer übernommen. Nach seiner abgebüßten Gelb-Rot-Sperre aus der verlorenen Begegnung gegen Serbien war er voller Elan ins Team zurückgekehrt und erzielte in seinem 99. Länderspiel seinen 50. Treffer. Gleichzeitig war es sein zwölftes Tor bei einer WM. Damit zog Klose mit Pele gleich. Den Treffer hatte Torhüter Manuel Neuer mit einem weiten Abschlag vorbereitet. "Darauf habe ich spekuliert", verriet der Torschütze.

Nach dem 2:0 durch Lukas Podolski (33.), das Klose und Müller vorbereiteten, schien schon eine Art Vorentscheidung gefallen zu sein. Doch noch gaben die Briten sich nicht so schnell geschlagen. Die folgenden Minuten bis zur Halbzeit wurden zu ihrer stärksten Phase, in der ihnen beinahe die Wende gelungen wäre. Erst erzielte Matt Upson nach einer Flanke von Frank Lampard per Kopf den Anschlusstreffer, bei dem Torhüter Neuer nicht ganz glücklich aussah. Er war zu spät aus seinem Tor gekommen. Dann folgte eine Szene, über die sich die Engländer mächtig aufregten. Das von Schiedsrichter Jorge Larrionda nicht anerkannte, aber eindeutige Lampard-Tor (siehe Extra-Geschichte).

Imponierend, wie sich die deutsche Mannschaft, als das Spiel durchaus hätte kippen können, mit spielerischen Mitteln und taktischem Geschick im zweiten Durchgang des gegnerischen Drucks entledigte. Nun war endgültig die Zeit der neuen Generation mit Müller und Özil gekommen. Der Bremer Özil führte geschickt Regie, und der Münchner Müller machte seinem guten deutschen Fußball-Namen alle Ehre, indem er in die Fußstapfen des großen Gerd Müller trat und im sechsten Länderspiel innerhalb von drei Minuten seine Treffer zwei und drei erzielte. "Ein wahnsinniges Glücksgefühl, wenn man genau die Tore macht, die den Druck von der Mannschaft nehmen", jubelte der "Drei-Löwen-Bändiger".

Auch Joachim Löw sah sich bestätigt. "Mit welcher Kaltschnäuzigkeit Thomas Müller seine Chancen verwertet, das ist für sein Alter schon imponierend", meinte der Bundestrainer, der sich in seiner taktischen Marschrichtung bestätigt sah. Er hatte Klose auf den Weg gegeben, sich auch mal zurückfallen zu lassen und damit seinen Gegenspieler, England-Kapitän John Terry, aus dem Abwehrzentrum zu locken. "Wir wollten diese Abwehr entblößen", gab Löw Einblick in seine Planspiele. Das ist imponierend gelungen. Damit steht Deutschland da, wo es in den vergenen sieben Weltmeisterschaften immer mindestens war: Im Viertelfinale. Und auch vor Argentinien hat das junge Team keine Angst.


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28.06.2010

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