Die Rackerer machen sich schön

Durban/Pretoria.  Mit attraktivem Fußball verblüffte die deutsche Elf am ersten WM-Spieltag. Das 4:0 gegen Australien war freilich noch kein echter Maßstab. Der kündigt sich für Freitag mit der Begegnung gegen Serbien an.

Mit dem 4:0 im ersten WM-Gruppenspiel gegen Australien hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mehr gewonnen als "nur" die drei Punkte. Millionen Zuschauer in der Heimat und der gesamten fußball-interessierten Welt fragen sich: Wieso ist eine deutsche Mannschaft, bislang nicht gerade prädestiniert für zauberhafte Momente, plötzlich in der Lage, solch einen attraktiven Fußball zu spielen?

Alle vier Treffer waren schön herausgespielt. "Wahnsinn. Schön. Schwer zu beschreiben. Einfach wunderbar", stammelte der eingewechselte Stuttgarter Angreifer Cacau nach seinem Tor zum 4:0-Endstand. Mit der Zunge tat sich der eingewechselte ehemalige Brasilianer jedenfalls deutlich schwerer als zuvor mit den Beinen.

Rhetorisch genauso geschickt wie auf dem Platz präsentierte sich hingegen Thomas Müller, dem mit dem 3:0 sein erster Treffer im dritten Länderspiel gelang. Er zog Parallelen zur erfolgreichen Saison beim FC Bayern mit Trainer Louis van Gaal, die den Münchnern bekanntlich zwei Titel einbrachte. Joachim Löw, der den offensiveren Müller dem Hamburger Piotr Trochowski vorgezogen hatte, hätte eine ähnliche Philosophie von der Raumaufteilung. Eine Trainer-Symbiose sozusagen: "Louis van Löw."

Die ersten beiden Treffer hatten jene Akteure erzielt, die in der abgelaufenen Bundesliga-Saison am meisten enttäuscht hatten. Lukas Podolski und Miroslav Klose. "Die Diskussion über diese beiden habe ich nie geführt, ich verstehe sie auch nicht. Beide sind Spieler, von denen ich absolut überzeugt bin. Sie passen in mein System", so der Bundestrainer.

Einer, der perfekt in das Löw"sche System vom Kombinationsfußball passt, ist Mesut Özil. Der Bremer war auch ohne eigenen Treffer der herausragende Mann beim deutschen Auftaktspiel. "Wenn er am Ball ist, stockt das Spiel nicht, er gibt dem Spiel einen Fluss. Er macht Dinge, die man international sonst nur von Top-Leuten sieht, nimmt den Ball mit und kann ihn tödlich weiterspielen", strich Löw die Fähigkeiten des Bremers heraus. Gleichzeitig gab er dem 21 Jahre jungen Mann, dem nachgesagt wird, er würde schon mal zum Abheben neigen, mit auf den weiteren Weg: "Er muss kontinuierlich arbeiten, um dauerhaft an der Spitze zu sein."

"Wir sind alle erfolgshungrig. Unser Traum ist es, den Titel zu holen. Dafür sind wir hier", sagte Özil nach seiner Glanzvorstellung.

Noch aber ist gerade erst eine einzige Begegnung absolviert, die zudem richtig eingeordnet werden muss. "Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Wir haben noch gar nichts erreicht", weiß Klose um die Schnelllebigkeit in diesem Geschäft. Am Freitag kommt mit den angeschlagenen Serben (0:1 im ersten Gruppenspiel gegen Ghana) ein weitaus ernster zu nehmender Kontrahent auf die DFB-Elf zu, als es die Australier in Durban waren. "Australien war nicht das Maß aller Dinge, auf uns warten noch viel härtere Prüfsteine", erkannte auch Löw.

Er weiß aber auch, dass er sich auf seine Mannschaft verlassen kann. Mit Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Cacau, Marin und Trochowski habe er im offensiven Mittelfeld zahlreiche Möglichkeiten, so Löw. Er vergaß bei dieser Aufzählung zudem noch den Noch-Leverkusener und Bald-Bayernspieler Toni Kroos, der in dieselbe Kategorie fällt.

Es sind alles Akteure, die in das neue Deutschland-Bild passen. Sie verkörpern nicht mehr die alte Tugenden der Rackerer und Kämpfer, sondern stehen für spielerische Akzente. Nur noch die beiden Innenverteidiger Per Mertesacker und Arne Friedrich gehören der alten Fraktion an. Doch ganz ohne geht es auch nicht


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15.06.2010

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