Deutscher als die Deutschen

Johannesburg.  "Wir spielen deutscher als die Deutschen früher." So beschreibt der frühere Bundesliga-Profi Nigel de Jong den aktuellen Fußball-Stil des WM-Finalisten aus den Niederlanden. Schaden tut es nicht.

Es war ganz zu Beginn dieser Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Die niederländische Nationalmannschaft hatte noch nicht einmal den ersten Ball gespielt, da rümpfte Bondscoach Bert van Marwijk schon das erste Mal die Nase. Weil der Fahrer des Mannschaftsbusses eine falsche Abfahrt genommen hatte, kam "Oranje" zur Auftaktbegegnung gegen Dänemark mit 20 Minuten Verspätung im Soccer-City-Stadion an.

Da plant jemand alles bis ins Detail, und dann das. "Solche Dinge ärgern mich", meckerte Bert van Marwijk. Die falsche Abfahrt blieb ohne Folgen, die Niederländer schlugen Dänemark mit 2:0. Aber der Coach war leicht sauer.

Die Gefahr einer Wiederholung eines solchen Fehlers dürfte gering sein, auch wenn das Team am kommenden Sonntag erneut ins Soccer-City-Stadion fahren muss, um im Finale gegen Spanien anzutreten. Dennoch zeigt die Episode, mit welchen Tugenden der ehemalige Dortmunder Bundesliga-Trainer die Holländer, die in den vergangenen Turnieren zwar auch gut gespielt, aber dann letztendlich doch enttäuscht hatten, in die Balance bekommen hat. Der 58-Jährige ist selbst kein Lautsprecher, keiner, der einen großen Namen vor sich herträgt (ein Länderspiel), wie es zum Beispiel dessen Vorgänger Marco van Basten noch tat. Der musste nach dem Viertelfinal-Aus bei der Euro 2008 seinen Hut nehmen.

Bert van Marwijk nimmt sich gerne zurück - und hat dafür ein "deutsches Element" eingeführt: Disziplin. Damit hat der Coach einen neuen Rahmen geschaffen für den zweifelsohne vorhandenen Spielwitz, die Technik und die Spielanlage, die auf strenge Einhaltung der Amsterdamer Fußball-Schule bedacht war. "Wir spielen deutscher als die Deutschen früher. Nicht schön, aber effektiv. Das ist unser Schlüssel zum Erfolg", beschreibt Nigel de Jong folgerichtig den neuen Stil, der mit "Huup Holland Huup" so rein gar nichts mehr zu tun hat.

Das "deutsche Element" ist dabei nicht nur der Überbau, sondern wird repräsentiert von Personen. Angeführt von Bayern-Kapitän Mark van Bommel standen beim 3:2-Halbfinal-Erfolg gegen Uruguay vier Bundesliga-Profis in der Startelf. Gemeinsam mit Mittelfeldspieler de Jong hat auch Rafael van der Vaart einen Teil seiner Fußball-Karriere beim Hamburger SV erlebt - und profitiert noch heute davon. "Die Bundesliga ist eine optimale Schule für uns Holländer. Es ist wie ein Stahlbad. Wenn du da Erfolg hast, kannst du eine große Karriere machen", sagte der Stürmer von Real Madrid.

Verteidiger Khalid Boulahrouz (Stuttgart) und Joris Mathijsen verdienen wie Eljero Elia (beide HSV) ihr Geld derzeit in der Bundesliga. Edson Braafheid darf nach seinem Gastspiel bei Celtic Glasgow zu den Bayern zurückkehren. Und die deutsche Kolonie könnte sogar noch wachsen: Ibrahim Afellay ist beim HSV im Gespräch, Bayern München soll Rechtsverteidiger Gregory van der Wiel im Visier haben.

Dazu kommt, dass Bert van Marwijk auf Erfahrungen von seiner Station im Nachbarland zurückgreifen kann. "Ich habe dort viel in Sachen Disziplin gelernt. In Deutschland ist alles sehr straff organisiert", sagte der 58-Jährige, der Borussia Dortmund von 2004 bis 2006 trainiert hatte. "Ich würde uns als realistische Idealisten bezeichnen. Nur schön spielen, geht im heutigen Fußball nicht mehr."

Bei der Taktik bevorzugt van Marwijk die bei dieser WM bevorzugte Grundordnung des "4-2-3-1" und hat damit mit dem Dreier-Sturm gebrochen, der lange Zeit typisch war für die Niederländer. Was vor allem Marwijk-Schwiegersohn Mark van Bommel und Arjen Robben gefällt, die das vom FC Bayern her kennen. Damit haben die Niederländer den Erfolgsweg gefunden.


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09.07.2010

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