Der Zweikampf der "Löwen"

Pretoria/Durban.  Revierkämpfe in der deutschen Nationalmannschaft - zur Unzeit oder bewusst geplant? Philipp Lahm möchte die Kapitänsbinde nicht mehr zurückgeben. Und Ex-Capitano Ballack ist überraschend heimgereist.

Ausgerechnet in der wichtigsten Woche des deutschen Fußballs seit vier Jahren, auf dem Höhepunkt der WM-Safari in Südafrika, spielt sich vor aller Augen ein Kampf der Alpha-Tiere ab. Der 33 Jahre "alte" lädierte Leitlöwe Michael Ballack, der in 98 Länderspielen schon zahlreiche Schlachten geschlagen und 42 Tore erzielt hat, hat sich aus dem DFB-Rudel getrollt. Gleichzeitig fährt der neue, 26 Jahre alte Leitlöwe Philipp Lahm seine Krallen aus und beansprucht für sich, das Rudel Nationalmannschaft über diese WM hinaus weiter anführen zu dürfen.

Wir sehen einen Machtkampf der Leitwölfe. Oder Darwinismus in Reinform.

Die Fakten sind folgende: Am Samstag hatte der an einer Bänderverletzung des rechten Fußes laborierende Kapitän Michael Ballack auf der Tribüne des Green-Point-Stadions zusehen müssen, wie die deutsche Nationalelf im Viertelfinale Argentinien mit 4:0 zerlegte, angeführt vom neuen Spielführer Philipp Lahm und dem bärenstarken "emotionalen Leader" Bastian Schweinsteiger. Ballack dürfte dabei klar vor Augen geführt worden sein, was längst schon kein Geheimnis mehr war: Ohne den autoritären Kapitän läuft das deutsche Spiel flüssiger und geschmeidiger. Nur ohne Ballacks großen Schatten hatte Schweinsteiger zu einem der WM-Sterne aufgehen können.

Am Montagabend war Ballack dann völlig überraschend nach Deutschland zurückgeflogen - angeblich um sich dort besser behandeln lassen zu können. Fast zeitgleich wurden Aussagen von Philipp Lahm in mehreren Zeitungen publik. "Warum soll ich denn das Kapitäns-Amt freiwillig zur Verfügung stellen", fragte sich der Münchener, der seine Funktion viel kooperativer ausführt, aber nun knallhart agierte.

Natürlich muss man sich fragen, warum dieser Machtkampf ausgerechnet vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien begonnen hat. Wer weiß, wie genau der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Interviews durchliest und kritische Passagen glattbügelt, mag nicht an einen Zufall glauben. Hat Lahm, der bereits im vergangenen Herbst mit einem gezielt geführten Interview seinen Verein FC Bayern München wachgerüttelt hatte, vielleicht sogar im Sinne Joachim Löws gehandelt? Der Bundestrainer, der zuvor schon Torsten Frings und Kevin Kuranyi aussortiert hatte,, weil sie nicht mehr ins Spielsystem passten, verzichtete gestern auf Rüffel für Lahm. Ist Ballack also Opfer Nummer drei? Oder ist die Sache dem DFB einfach aus dem Ruder gelaufen?

Dem Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff war diese Angelegenheit gestern spürbar unangenehm. "Philipp Lahm ist der WM-Kapitän, Michael Ballack der Kapitän", sagte er vor dem Abflug der Mannschaft nach Durban.

Michael Ballack bleibt in der Nationalmannschaft der "große Unvollendete". 2002 hatte er sich im Halbfinale gegen Südkorea ganz in den Dienst der Mannschaft gestellt und wegen eines mit Gelb bestraften taktischen Fouls das Endspiel gegen Brasilien verpasst, 2006 das Halbfinale gegen Italien verloren und 2008 das EM-Endspiel gegen den morgigen Gegner Spanien.


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Autor: GEROLD KNEHR | 07.07.2010

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