Das Jugend-Konzept wirkt
Pretoria. Der deutsche Aufschwung bei der Fußball-WM kommt nicht von ungefähr. Er ist geplant. Seinen Ursprung hat er ausgerechnet an einem Tiefpunkt, bei der verkorksten Europameisterschaft 2000.
Die ganze Fußball-interessierte Welt blickt verwundert auf die deutsche Nationalmannschaft. Und fragt sich: Woher kommen plötzlich all die jungen, spielstarken Talente wie Mesut Özil, Thomas Müller oder Sami Khedira daher, die gar nicht so "typisch deutsch" spielen und welche die englischen Stars um Wayne Rooney, Frank Lampard, John Terry oder Steven Gerrard im WM-Achtelfinale locker mit 4:1 zurück auf die Insel schickten. Dieses technisch feine, schnelle und höchst anspruchsvolle Spiel widerspricht dem traditionellen Bild, das sich die internationale Konkurrenz bislang von der DFB-Auswahl gemacht hatte.
Gewiss, die Deutschen haben Ballack, Lahm, Schweinsteiger und Podolski. Diese Namen hatten und haben internationales Renommee. Aber wer sind Özil oder Khedira? Und Müller? Bei diesem Namen dachte der interessierte ausländische Beobachter eher an den großen Gerd, den unvergleichlichen und unerreichten Torjäger aus den sechziger und siebziger Jahren, als an ein 20-jähriges Bürschchen namens Thomas.
Nun ist es aber keineswegs so, dass die neue Generation an spielstarken Fußballern urplötzlich vom Himmel und dem DFB in den Schoß gefallen wären. Es ist nämlich alles andere als ein Zufall, dass derzeit ein Potenzial an kreativen jungen Spielern auf sich aufmerksam macht. Vielmehr wurde daran zehn Jahre lang hart gearbeitet.
Ausgangspunkt für den deutschen Aufschwung war ausgerechnet der vielleicht größte Tiefpunkt der deutschen Fußball-Nachkriegsgeschichte, die Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien. Unter dem damaligen Trainer Erich Ribbeck kam bereits nach drei Spielen - 1:1 gegen Rumänien, 0:1 gegen England, 0:3 gegen Portugal - das bittere Vorrunden-Aus. Mit Blick auf die WM 2006 stellten die DFB-Oberen um den damaligen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder entsetzt fest: Huch, wir haben ja gar keine besseren Spieler als diejenigen, welche 2000 so erbärmlich versagt haben - und vier Jahre später bei der darauf folgenden EM in Portugal auf ähnliche Weise scheitern sollten.
Also wurde im Jahr 2000 ein neues Nachwuchskonzept beschlossen. Es beruht auf zwei Säulen. Zum einen auf dem DFB-Talentförderprogramm. Mit Beginn der Spielzeit 2002/03 wurden 46 Jugend-Leistungszentren und 366 regionale Stützpunkte eingerichtet. An ihnen erfahren rund 14 000 talentierte Jugendliche im Alter zwischen elf und 14 Jahren zusätzlich zum Vereinstraining eine Ausbildung. 100 Millionen Euro sind seither in die Förderung des Nachwuchses geflossen. Koordiniert wird dies von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.
Das zweite Standbein der Nachwuchsförderung bilden die Profivereine. Jeder Lizenzklub ist mittlerweile dazu verpflichtet, ein Leistungszentrum für den Nachwuchs zu betreiben. Der Jahresetat eines Bundesligisten hierfür liegt im siebenstelligen Bereich pro Spielzeit.
Die ersten Erfolge haben sich bereits eingestellt. 2007 wurde die deutsche Auswahl "Unter 17" (U 17) unter Trainer Heiko Herrlich WM-Dritter. 2008 folgte mit Trainer Horst Hrubesch der U-19-EM-Titel, genauso wie im Jahr danach für die U 17 unter Marco Pezzaiuoli.
Am 29. Juni 2009 wurde Deutschlands U-21-Mannschaft dann, erneut betreut vom einstigen HSV-Kopfball-Ungeheuer Hrubesch, ebenfalls Europameister - durch einen 4:0-Sieg gegen England. Beim Finale in Malmö/Schweden waren mit Torhüter Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mesut Özil, der mit einem tollen Freistoßtor erfolgreich war, sowie Kapitän Sami Khedira vier Spieler dabei, die nun am Sonntag in Bloemfontein ein neues Kapitel WM-Geschichte geschrieben haben.
Vor diesem Hintergrund ist das 4:1 gegen England im Achtelfinale keine Überraschung mehr. Denn während Frankreich, Italien und England mit routinierten Teams, die ihren Zenit hinter sich haben, in Südafrika scheiterten, zeigt das deutsche Nachwuchskonzept nun erste Erfolge im Aktiven-Bereich.
"Ich habe in Deutschland das gesamte Jugendsystem durchlaufen", berichtet Özil. Auch bei Khedira und Müller junior war dies der Fall. 2009 zeichnete der europäische Verband Uefa erstmals nach langen Jahren Deutschland wieder einmal mit der "Maurice-Burlaz-Trophäe" für die beste Nachwuchsarbeit in Europa aus. Und Reservist Marcell Jansen wundert sich: "Bei den letzten beiden großen Turnieren war ich jeweils der jüngste im Kader. Diesmal sind zehn Spieler jünger als ich. Aber genau solch eine Entwicklung muss sein, um Stillstand zu vermeiden." Mit einem Jugend-Wunder, das gar keines ist.
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Autor: GEROLD KNEHR | 29.06.2010
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