1 bis 11 noch ohne Esprit
Johannesburg. Die brasilianische Nationalmannschaft hat sich bei ihrem ersten WM-Auftritt nicht mit Ruhm bekleckert. Dem fünfmaligen Weltmeister fehlte beim 2:1-Erfolg über harmlose Nordkoreaner noch der Schwung.
Der lang ersehnte erste Auftritt der brasilianischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in der Partie gegen Nordkorea brachte zwar nicht den erhofften, wärmenden Zauber-Fußball, aber immerhin: Der fünfmalige Titelträger absolvierte die Pflichtübung ohne größeren Schaden, weil Maicon in der 55. Minute mit einem unglaublichen Treffer fast von der Torauslinie zum 1:0 erfolgreich war und damit den Bann brach. Elano traf zum 2:0 (72.), Ji Yun-Nam gelang der Ehrentreffer in der 89. Minute.
Dabei spielten im Vorfeld der gestrigen Auftaktpartie bei beiden Mannschaften ganz andere Dinge eine große Rolle. Zum Beispiel der politische Dauerkonflinkt zwischen Nord- und Südkorea. Für Sepp Blatter, den Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa, ist Sport und damit Fußball ja immer noch originär unpolitisch. Der 74-Jährige dürfte mit seiner Meinung allerdings langsam alleine dastehen. Dass Fußball hoch politisch ist, zeigt alleine die Teilnahme beider koreanischer Nationen an dieser WM.
Der jüngste Zwischenfall (es geht um das Versenken eines Kriegsschiffes Ende März im Gelben Meer und die Androhung von unbegrenzten Militärschlägen durch den Norden) bedeutet einen neuen Tiefpunkt in den Beziehungen der Staaten, die sich seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) offiziell im Kriegszustand befinden. Schätzungen zufolge starben in der Auseinandersetzung bis zu vier Millionen Menschen, darunter drei Millionen Zivilisten. Bis heute haben beide Länder keinen Friedensvertrag unterzeichnet, an der Grenze stehen sich bis zu einer Millionen Soldaten gegenüber.
Die politischen Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten haben sich nun in Südafrika fortgesetzt. Der nordkoreanische Nationaltrainer Kim Jong-Hun reagierte bei einer Pressekonferenz vor der gestrigen Auftakt-Begegnung der "Chollimas" (unzähmbare Pferde) gegen die Südamerikaner verärgert auf einen südkoreanischen Journalisten, der in einer Frage von "Nordkorea" gesprochen hatte. "Es gibt kein Land, das Nordkorea heißt. Nächste Frage", motzte der Coach. Aus Sicht der Nordkoreaner muss ihre Heimat richtigerweise als "Demokratische Volksrepublik Korea" bezeichnet werden. Als dann noch ein weiterer Fragesteller etwas über den Einfluss von Diktator Kim Jong-Il auf die Zusammenstellung der WM-Auswahl wissen wollte, schritt der Vertreter der Fifa ein. Politische Fragen seien nicht erlaubt, machte er klar. Sepp Blatter dürfte aus der Ferne Applaus gespendet haben.
Gestern absolvierte dieses Nordkorea, das erstmals seit 1966 wieder an einer WM teilnimmt und mit Südkorea überhaupt erstmals gemeinsam bei einer Endrunde auftritt, das erste Spiel gegen Brasilien und traf damit auf einen weiteren Sonderling dieser WM - jedoch in einer völlig anderen Hinsicht. Ausgerechnet die "Seleção" hatte sich in den vergangenen Tagen immer weiter abgeschottet. Das Training fand im Regelfall unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nationalcoach Carlos Dunga, der 46-jährige Ex-Profi des Bundesligisten VfB Stuttgart, ließ sich selbst auch kaum blicken. Dazu die Zweifel an Kakás Form: Der 65-Millionen-Mann hatte in der vergangenen Saison bei Real Madrid mehr Kontakt zum Arzt als zu seinen Mitspielern und kämpft deshalb um seine Form.
Dass die Zweifel nicht unberechtig waren, zeigte dessen Auftritt gestern Abend vor 54 331 Zuschauer im Johannesburger Ellis Park deutlich. Die Brasilianer, die ganz traditionell mit den Rückennummern 1 (Torwart Paulo César) bis 11 (Stürmer Robinho) aufliefen, taten sich unglaublich schwer gegen eine vielbeinige südkoreanische Abwehr. An Kaká lief die Partei vorbei, einzig Robinho zeigte in einigen Situationen seine Gefährlichkeit und unglaubliche Ballbehandlung. Die kompakt stehenden Nordkoreaner versuchten ihr Glück alleine mit Kontern über Jong Tae Se, konnten damit die Brasilianer aber kaum ärgern.
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16.06.2010
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