Jule verrät die letzten Geheimnisse der Kicker

Weißenhorn.  Jule hängt an den Lippen der deutschen Nationalkicker: Die junge Frau aus dem schwäbischen Weißenhorn versorgt in ihren Blogs die Hörenden mit den Worten, die ihnen sonst verborgen blieben.

Es war eine der Szenen der WM 2006, an die man sich noch lange erinnern wird: Zinedine Zidanes Kopfstoß gegen Marco Materazzi. Der Franzose sieht Rot. Italien wird Weltmeister. Elf Sekunden hatten sich die beiden zuvor angebrüllt. Auge in Auge. Und die ganze Welt rätselte: Was hat Materazzi gesagt? Mit Hilfe einer Lippenleserin sorgte der Schweizer "Blick" für Aufklärung: "Deine Schwester, diese Nutte" und "Ich spalte dir den Arsch" waren die Worte, die Zidane rasend gemacht hatten.

In Südafrika ist es bislang zu ähnlichen Entgleisungen nicht gekommen, sieht man von Nicolas Anelkas Beschimpfungen seines Trainers ab. Trotzdem würden wir manchmal gerne wissen, was Joachim Löw gerade Thomas Müller erklärt oder was Bastian Schweinsteiger seiner Sarah zuruft. Der hörende Zuschauer kann nur raten.

Wer es genau wissen will, dem kann eine junge Frau aus Weißenhorn helfen. Die Bloggerin "Jule" kann von den Lippen lesen. Sie ist taub seit ihrer Geburt. "Meine ziemlich gute Ablesefähigkeit ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Gebärdensprache nicht meine Muttersprache ist, sondern Deutsch. Zur Gebärdensprache kam ich erst mit 17 Jahren, also bin ich da keine Muttersprachlerin." Während der WM lässt sie andere an ihrem Wissen teil haben, per Twitter in Echtzeit unter dem Account @EinAugenschmaus.

Stellt sich die Frage: Wie kommt Jule dazu, den Kickern auf den Mund zu schauen? Womit wir wieder bei Zidane wären. Denn er entfachte in der Weißenhornerin das Interesse durch seine Art, Fußball zu spielen, "und weil ich selbst zur Hälfte Algerierin bin". Seit 1998 verfolgt sie die großen Turniere. "So ab dem verlorenen WM-Finale 2002 hab ich mir mal unsere Jungs genauer angeschaut, aber das Zuschauen war wirklich keine Freude", sagt sie rückblickend. Erst mit der Ära Klinsmann wuchs ihre Begeisterung, wie bei so vielen. "Irgendwann fiel mir auf: ,Hoppla, du kriegst trotz der dürftigen Untertitelung im Fernsehen durch das Ablesen immer noch mehr mit als alle anderen", erzählt Jule.

Die Idee, einen Ableseservice einzurichten, die kam erst mit Twitter. "Twitter mit seinen 160 Zeichen ist ein kurzes und knackiges Echtzeitmedium und erwies sich einfach als ideal dafür", erzählt Jule. Bei Vorbereitungsspielen testete sie, bekam ein "tolles Feedback" und entschied sich, bei jedem Deutschland-Spiel den Service zu bieten: "Am besten bis zum Finale."

Jules Blog bietet aber weit mehr als geheime Fußballer-Sprüche. Sie gibt Einblicke "in ein taubes Leben", fasst gern heiße Eisen an. Deutschland, so schreibt sie, sei "Weltmeister im Aussortieren von Behinderten". Das fange schon beim Fernsehen an: "Die Untertitelungsquote liegt bei lächerlichen 10,9 Prozent. In England dagegen untertitelt die BBC alles." Jule hat noch mehr Beispiele: Die Schweiz liefere "Wetten, dass. . ." selbstverständlich mit Live-Untertitelung, das ZDF verweist auf die Wiederholung, die dann mit Untertiteln geliefert wird. "Das ZDF hätte die 20 Millionen Euro für das neue Nachrichtenstudio sinnvoller ausgeben können", meint sie. Noch schlimmer sehe es aber bei den Privaten aus: RTL, Sat 1 - Untertitel Fehlanzeige. Nur bei Pro 7 gibts am Wochenende Filme mit Text.

Seit der WM 2006 untertiteln die ARD und ZDF aber alle Fußballspiele - und Gehörlose sehen deutlich mehr als Hörende. Nicht immer aber funktioniert das Lippenlesen, selbst bei Jule nicht. Wenn viel gebrüllt wird beispielsweise, hat auch sie schlechte Karten, denn dann sind die Gesichtszüge verzerrt, das Ablesen wird schwierig.

"Aber bei sehr guten Umständen, idealer Stellung der Kamera oder des Spielers verstehe ich meistens auf Anhieb, was gesagt wird", sagt Jule. Dann tippt sie los, aber nur das, was sie wirklich versteht: "Den Rest klammere ich aus. Wenn ich komplett alles ablesen könnte, in jeder Situation, wäre es Hexerei."

Während das Spiel läuft, konzentriert sich die Kamera auf den Ball. In den Zusammenfassungen stehen dann Trainer oder Spieler mehr im Blickpunkt. Das gibt mehr her. "Und ich liebe Rückblenden, weil die oft langsamer gezeigt werden, das verbessert die Ablesefähigkeit enorm", sagt die Weißenhornerin.

Aber mancher Spieler wittert die Gefahr des Ablesens - spätestens seit Zidane 2006. Da wird schon mal die Hand vor den Mund gehalten, um Lippenlesen unmöglich zu machen. Morgen sitzt Jule wieder vor Laptop und Fernseher, um den Hörenden aufzuschreiben, was sie brennend interessiert.

Info Jules Blog findet sich unter meinaugenschmaus.blogspot.com


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Autor: UTE GALLBRONNER | 03.07.2010

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