Am Kap beginnt die Nach-WM-Ära

Johannesburg.  Jubel, Begeisterung, Euphorie - Südafrika war am Tag nach dem erfolgreichen WM-Finale voller Stolz. «Afrika ist nicht länger der dunkle Kontinent», jubelte die Johannesburger Zeitung «The Star» auf ihrer Titelseite.

Ein Rundfunkmoderator brachte die Gefühlslage der Nation treffend auf den Punkt: «Der 12. Juli 2010 - das fühlt sich in Südafrika an wie Neujahr.» Allen Zweifeln zum Trotz hat der Kap-Staat eine Glanzleistung hingelegt. Zum Abschluss wurde das Fußball-Fest auch noch mit der Präsenz des Mannes gekrönt, der letztlich die WM für Südafrika mit gesichert hatte: Nelson Mandela.

«Ich habe Mandela am Auto getroffen, und das erste, was er mir sagte, war:, Danny, ich bin so froh, hier zu sein!», erklärte später der erleichterte WM-Cheforganisator Danny Jordaan. «Wir werden ihm ewig dankbar sein für diesen wunderbaren Augenblick.» Die Freude über die ohne größere Zwischenfälle zu Ende gegangene Mega-Show in Südafrika stand Jordaan ins Gesicht geschrieben. Dass es ausgerechnet zum Finale auf dem afrikanischen Kontinent tausende Kilometer von Soccer City entfernt in Uganda zum einem blutigen Terroranschlag gekommen ist, hatte sich noch nicht herum gesprochen. Südafrika badete in Glücksgefühlen.

Während sich am 12. Juli auf dem Johannesburger Flughafen tausende Fans in Warteschlangen für die Abreise einreihten, war die Furcht vor dem Rückfall in die Normalität des Alltags noch weit entfernt. Selbst Erzbischof Desmond Tutu, einst ein eher kritischer Begleiter der WM-Vorbereitungen, überschlug sich vor Begeisterung. Doch auch wenn wiederbelebtes nationales Selbstvertrauen, ein neues Wir-Gefühl und ein internationaler Imagewandel unschätzbare Vermächtnisse der WM sind: am extrem hohen Wohlstandsgefälle ändert es nichts. «Die Festlichkeiten wurden meist von der begüterten Klasse genossen, während die arme Mehrheit zugeschaut hat», meinte der «Star».

Dort gärt es auch, weil die Ärmsten der Armen im täglichen Überlebenskampf gegen oft besser ausgebildete Zuwanderer aus Nachbarstaaten bestehen müssen. Niemand weiß bisher, was wirklich dran ist an Gerüchten über bevorstehende ausländerfeindliche Gewalt, vor der seit Wochen gewarnt wird. Erste Anzeichen gibt es bereits auf der Westkap-Halbinsel bei Kapstadt, wo sich zahlreiche afrikanische Zuwanderer in den Schutz von Polizeiwachen flüchteten.

Selbst die Wirtschaft scheint von der euphorischen Stimmung angesteckt zu sein. Internationale Ratingagenturen signalisieren nach Informationen der Wirtschaftszeitung «Business Day» eine bessere Einstufung der Kreditwürdigkeit des Kap-Staates. «Wir haben eine positive Wahrnehmung durch die reibungslos verlaufene WM erlebt, was bei Kapital-Zufluss und Investitionen in Südafrika helfen könnte», zitiert das Blatt den zuständigen Regionaldirektor von Standard& Poor, Konrad Reuss. Der Internationale Währungsfonds hatte vergangene Woche bereits seine Prognose für nationale Wirtschaftswachstum im WM-Jahr auf 3,2 Prozent herauf gesetzt.

Zudem ist der Staat gut aufgestellt nach vorgezogenen Investitionen in die Infrastruktur. Neben einem wirtschaftlich positiven Ausblick dürfte ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr ein bedeutendes Vermächtnis dieser WM sein, die grundlegenden Probleme des Landes aber bleiben. Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass ein einmonatiges Sportereignis mit einem Schlag alle Malaisen des Staates behoben kann.

Die Arbeitslosigkeit im Lande ist hoch - und nach dem Wegfall der WM-Großprojekte sind viele Arbeiter wieder ohne Job. Karikaturisten sehen noch ein anderes WM-Opfer, das nun keine Beschäftigung mehr hat: Zakumi - der WM-Leopard. In der Karikatur steht das WM-Symbol verlegen grinsend mit dem Pappschild: «No Work, no job,no food» an einer Straßenkreuzung und bettelt um Almosen.


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Autor: Von Ralf E. Krüger, dpa | 12.07.2010

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