Alles im Blick: Osieck und Co. sind WM-Gutachter

Johannesburg.  Ganz oben unterm Dach, fast in der letzten Reihe des riesigen Soccer-City-Stadions, nimmt Holger Osieck kurz vor dem Anpfiff Platz. Von hier hat man den perfekten Blick. Der schicke, blaue Schal wird um den Hals gewickelt, dann gilt alle Konzentration dem Spiel.

Osieck macht Notizen, vermerkt Spielzüge - jede taktische Finesse und jeden spielerischen Fauxpas. Franz Beckenbauers WM- Assistent von 1990 gehört in Südafrika wieder zur Technical Study Group (TSG) der FIFA. Mit seinen 15 Kollegen analysiert der 61-Jährige alle WM-Spiele für den Weltverband.

«Es ist interessant zu beobachten, wie sich der Fußball im Laufe der Zeit entwickelt. Man kann viele Veränderungen feststellen», sagte Osieck. Details der Ergebnisse der WM-Gutachter will der frühere DFB- Trainer aber nicht verraten. Wie die WM-Schiedsrichter hat sich auch die technische TÜV-Crew für die Turnierzeit einem Schweigegelübde unterworfen. Die große Taktik-Analyse - auf deren Grundlage auch künftige Regelfragen des Weltfußballs basieren - soll erst kurz vor dem Endspiel präsentiert werden.

Öffentlich reden darf vorerst nur TSG-Chef Jean-Paul Brigger. «Alle Teams haben ein solides defensives Grundkonzept, sie sind gut organisiert und stehen kompakt», beschrieb der Ex-Nationalspieler der Schweiz den Fußball-Kanon in einem Interview der Nachrichtenagentur si. Die Arbeit der TSG ist kleinteilig und soll präzise sein. Von welchen Positionen werden die Tore geschossen, wie werden Standards ausgeführt, wie und wo findet Pressing statt?

Für die taktische Analyse leistet sich die FIFA eine namhafte Experten-Combo aus allen FIFA-Konföderationen. Neben Osieck und Brigger gehören dem Gremium unter anderem auch Frankreichs Ex- Weltmeister Christian Karembeau oder der frühere Liverpool-Coach Gerard Houllier an. Alle haben ein Auge für Fußball-Details.

Osieck ist schon ein alter Hase bei den Fußball-Prüfern. Seit 2004 macht er den Job. Auch Deutschlands Halbfinalgegner Spanien nahm der studierte Sozialwissenschaftler unter die Lupe und war von der Effektivität begeistert. «Doch diesen Standard zu halten, ist nicht einfach, die anderen Mannschaften entwickeln sich auch weiter», verrät er den Trend der Fußball-Globalisierung.

Defensive allein hilft übrigens auch nicht weiter, bilanziert Brigger. «Aber es gibt einen zweiten Schritt. Wie trete ich auf, wenn ich das Spiel machen muss, wenn ich selber plötzlich einer solch massierten Defensive gegenüber stehe», sagte er.

Unterstützung bekommt er in diesem Punkt von Urs Siegenthaler. Joachim Löws Chef-Analytiker sieht den Schlüssel zum Erfolg trotz des internationalen Defensiv-Dogmas im Spiel nach vorne: «In drei Vierteln des Spielfelds sind tatsächlich alle 32 Mannschaften sehr gut. Aber im letzten Viertel, in der Offensiventwicklung, hatten oder haben alle Probleme. Alle, mit Ausnahme von den Niederlanden, Spanien und Deutschland», sagte er in einem Interview mit mehreren deutschen Medien. Auch auf den Notizzetteln von Osieck und seinen TSG-Kollegen dürfte diese WM-Weisheit längst notiert sein.


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Autor: Von Arne Richter, dpa | 07.07.2010

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