USA 1994: Brasiliens Rekord - Mord an Escobar
Hamburg. Mit der Weltmeisterschaft vom 17. Juni bis zum 17. Juli 1994 in den USA machte der Fußball erstmals einen Ausflug in die «Neue Welt». In dem Fußball-Entwicklungsland wurde in vier Zeitzonen gespielt, es existierte keine Fankultur und keine nationale Liga.
«Soccer» rangierte auf der Beliebtheitsskala weit hinter Baseball, Basketball, American Football und Eishockey, vor allem aber war er Frauensache. Die amerikanischen Kickerinnen hatten bei der Premiere der Frauen-WM 1991 den Titel gewonnen. Für ihre männlichen Kollegen war indes schon der Einzug ins Achtelfinale ein Erfolg.
Weltmeister wurde einmal mehr Brasilien, das in Romario den überragenden Spieler des Turniers stellte. Erstmals seit 24 Jahren standen die Ballzauberer vom Zuckerhut wieder im Finale und holten prompt den vierten Titel. Das hatte vor der «Selecao» noch keine Mannschaft geschafft. Trotzdem nahm der wegen seines allzu europäischen Stils gescholtene Trainer Carlos Alberto Parreira nach vollbrachter Arbeit seinen Hut.
Der dreimalige Weltmeister Italien verlor das enttäuschende Finale in Pasadena bei Los Angeles mit 2:3 im Elfmeterschießen. Erstmals in der Geschichte war zuvor in einem Endspiel kein Tor gefallen. Die ebenfalls mit drei WM-Kronen dekorierten Deutschen mussten bereits nach dem Viertelfinale die Koffer packen - das schwächste Abschneiden seit 1978. Und das obwohl Franz Beckenbauer nach dem Titelgewinn 1990 prophezeit hatte, mit den besten Fußballern aus dem Osten Deutschlands sei die DFB-Auswahl auf Jahre hin unschlagbar.
Berti Vogts versuchte bei seiner WM-Premiere als Bundestrainer sein Glück mit zwölf Spielern aus dem Weltmeister-Kader von 1990. Doch es gelang ihm nicht, aus in die Jahre gekommenen Individualisten wie Kapitän Lothar Matthäus, Bodo Illgner oder Rudi Völler eine Einheit zu schweißen. Nach den mageren Vorstellungen gegen Bolivien (1:0) und Spanien (1:1) kündigte sich Ärger an, als Stefan Effenberg im letzten Gruppenspiel in Dallas gegen Südkorea (3:2) bei seiner Auswechslung deutschen Fans den «Stinkefinger» zeigte. Effenberg wurde nicht zuletzt wegen seiner facettenreichen Vorgeschichte als «enfant terrible» von Vogts und DFB-Präsident Egidius Braun heim geschickt, was Franz Beckenbauer öffentlich kritisierte.
Mit dem 3:2-Sieg im Achtelfinale gegen Belgien in Chicago ließ die Vogts-Elf fünf Tage später den Ärger beinahe vergessen. Der 90er WM-Sturm mit Jürgen Klinsmann und dem nach vier Jahren reaktivierten Völler harmonierte glänzend und sorgte für alle drei Tore. Über das anstehende Viertelfinale gegen Bulgarien wurde nach dieser überzeugenden Vorstellung gar nicht mehr gesprochen.
Doch das Überraschungsteam von 1994, das nach einem 0:4 gegen Schweden im «kleinen Finale» Platz vier belegte, wurde zum Stolperstein. Im New Yorker Giants Stadium rissen die Bulgaren am 10. Juli den Titelverteidiger aus allen Träumen. Nach dem 1:0 durch einen von Matthäus verwandelten Foulelfmeter (47.) verloren die biederen Deutschen innerhalb von vier Minuten alles. Hristo Stoitschkow traf per Freistoß zum Ausgleich (75.), Jordan Letschkow versetzte dem Favoriten kurz darauf mit einem Kopfball den K.o. (78.). Stoitschkow kam insgesamt auf sechs Treffer und wurde gemeinsam mit dem Russen Oleg Salenko Torschützenkönig. Salenko brachte das bis heute einmalige Kunststück fertig, beim 6:1 gegen Kamerun fünf Tore in einem WM-Spiel zu erzielen.
Im deutschen Lager gab es nach dem blamablen Ausscheiden Schuldzuweisungen und Auflösungserscheinungen. Torwart Illgner gab in der Kabine seinen Rücktritt bekannt, auch Vogts wurde öffentlich aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Doch der «Terrier» biss sich an seinem Job fest und fand mit dem Europameister-Titel 1996 in England Bestätigung.
Das Ausscheiden des Titelverteidigers in den USA war für die weit gereisten Fans eine herbe Enttäuschung, doch angesichts der Tragödie, die sich am 2. Juli in Medellin abgespielt hatte, nur eine Randnotiz. Der kolumbianische Verteidiger Andres Escobar wurde vor einem Lokal mit zwölf Schüssen ermordet. Zehn Tage zuvor hatte der 27-Jährige mit einem Eigentor gegen die USA (1:2) Kolumbiens Vorrunden-Aus eingeleitet und damit sein Todesurteil unterzeichnet. Die Bluttat war ein Racheakt der in den Fußball verstrickten Drogen-Mafia, die nach der 31 Spiele währenden Erfolgsserie der Kolumbianer vor der WM offenbar hohe Wetteinsätze auf den Geheimfavoriten getätigt hatte.
Für böse Schlagzeilen hatte in den USA zuvor schon ein ganz großer Fußballer gesorgt: Diego Armando Maradona, der WM-Held von 1986. Der argentinische Trainer Alfio Basile war dem Charme des kleinen Ballartisten erlegen, nachdem dieser mehr als zehn Kilo abgespeckt und sich noch einmal in eine beachtliche Form gebracht hatte. Kapitän Maradona zauberte jedoch nur in den beiden ersten Spielen gegen Griechenland (4:0) und Nigeria (2:1).
Dann fanden die Dopingkontrolleure in seinem Urin verbotene Stimulanzmittel. Maradona, der mit seinem Sturmpartner Claudio Caniggia bereits vor der WM wegen Kokain-Konsums für Wirbel gesorgt hatte, leugnete («Ich habe nicht gedopt») und sah sich als Verfolgter der FIFA. Der Wiederholungstäter wurde für nur 15 Monate gesperrt. Seine vierte und letzte WM beendete das Fußball-Genie als Fernsehkommentator. Der Sender «Canale 13» hatte sich für 1,5 Millionen Dollar Gage die Dienste des Doping-Sünders gesichert. Als ältester WM-Spieler ging der Kameruner Roger Milla mit 42 Jahren und 39 Tagen in die Geschichte ein.
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Autor: Von Andreas Bellinger, dpa | 04.05.2010
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Brasiliens Stürmer Romario hebt neben Mitspielern und Betreuern den WM-Pokal hoch.
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