Triumph und etwas Trauer: Spaniens Held Iniesta
Johannesburg. Um 01.20 Uhr stürmte Xavi aus der Kabine an den Journalisten vorbei und schmetterte ausgelassen: «Campeónes, campeónes, olé, olé, olé.» Andrés Iniesta hatte einen fast leeren Plastikbecher Mojito in der Hand und war hinter einem Strauß von Mikrofonen beinahe verschwunden.
«Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich wollte immer Europameister und Weltmeister werden», sagte der Held des Abends leise und schaute lächelnd auf seinen kongenialen Mittelfeldpartner vom FC Barcelona: Xavi zog in den Katakomben des Soccer-City-Stadions von Johannesburg tanzend Richtung Mannschaftsbus davon.
Kleiner Iniesta, Riesenauftritt: Mit seinem goldenen Tor in der 116. Minute des WM-Finals machte der nur 1,70 Meter große Profi Spanien erstmals zum Fußball-Weltmeister und stürzte die Niederlande in ein Tal der Tränen. Iniesta rannte nach seinem Coup jubelnd Richtung Eckfahne, riss sich das Trikot vom Leib und zeigte sein mit großen Lettern bedrucktes weißes Unterhemd: «Dani Jarque siempre con nosotros» («Dani Jarque immer mit uns»).
Jarque war sein Mitspieler in den Junioren-Auswahlmannschaften. Der Profi von Espanyol Barcelona starb im Trainingslager seiner Mannschaft am 8. August 2009 während eines Telefonats mit seiner Freundin an Herzversagen. Mit 26 Jahren, so alt wie Iniesta heute ist. Der Weltmeister hat zu Hause etwa 20 Dutzend Trikots des Abwehrspielers - alles Erinnerungen an die Derbys, die er mit Jarque ausgefochten hatte.
Seinen größten Triumphs widmete Iniesta seinem Jugendfreund. «Ich wollte Dani Jarque bei mir haben. Ich wollte seiner gedenken», erklärte er später. Nach dem Abpfiff seien ihm «schwierige Momente durch den Kopf gegangen», meinte er nachdenklich: «Manchmal gibt einem der Fußball etwas zurück.» Auch unmittelbar nach dem Finale zeigte der kleine Torschütze Größe: Als seine Kollegen in der Kurve der mit 84 490 Zuschauern ausverkauften Arena den WM-Sieg feierten, ging Iniesta zu den geschlagenen Holländern, schüttelte Hände und versuchte Trost zu spenden.
Dabei hatte das «Oranje»-Team Iniesta einige Male übel mitgespielt und böse gefoult. «Symbolisch standen sich van Bommel als steinharter Mittelfeldgeneral und Iniesta als demütiger, liebenswerter kleiner Pass-Künstler gegenüber», schrieb die schwedische Zeitung «Aftonbladet».
«Ich kann es nicht glauben, dass ich die Chance hatte, dieses Tor zu schießen. Ich habe nur einen kleinen Beitrag geleistet, in einem harten und rüden Spiel», sagte der Ballkünstler und Stratege bei der Pressekonferenz. Dort beantwortete er als «Man of the Match» gerade einige Fragen, als seine Mitspieler Gerard Piqué, Carles Puyol und Cesc Fabregas mit Bierflaschen hereinstürmten und das «Campeónes»- Lied anstimmten. Trainer Vicente del Bosque schmunzelte väterlich.
«Weltmeister! Das ist unglaublich, unfassbar, einfach ohne Worte», sagte der immer noch überwältigte Matchwinner Iniesta. «Wir müssen den Moment genießen und stolz sein auf jeden in unserem Kader, vom Ersten bis zum Letzten.» Die Weltpresse feierte jedoch besonders den «genialen kleinen Mittelfeldspieler» («Le Parisien»): «Der blasse Ritter Iniesta enttäuscht nie», lobte «La Gazzetta dello Sport» aus Italien.
In der Kabine sei die Hölle los gewesen, berichtete del Bosque später. Königin Sofía, Prinz Felipe und seine Letizia, Startenor Placido Domingo, Tennis-Ass Rafael Nadal - alle feierten mit Iniesta, Xavi und Co. «Ich wünsche mir jetzt nur noch, dass die irgendwann mal aus der Kabine kommen», sagte der Coach lange nach Mitternacht und hob in gespielter Verzweiflung die Arme. Schließlich stand auf dem Flughafen die Chartermaschine bereit, die die «Furia Roja» direkt zu den Jubelfeiern nach Madrid bringen sollte.
In roten Trikots mit dem kleinen Stern für den ersten WM-Titel auf der Brust erschienen die Spieler aber erst, als ihr Coach ungefähr das 80. Interview und drei Telefonate mit dem Handy hinter sich gebracht hatte. Stürmer Fernando Torres hatte sich die spanische Fahne wie einen Rock umgebunden. Pique hatte ein holländisches Trikot wie eine Trophäe um Schulter gelegt. Und Iniesta trug seine Goldmedaille, auf der der WM-Pokal abgebildet ist, stolz wie ein Olympiasieger.

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