Löw lässt Deutschland zittern: Zukunft total offen
Erasmia. Beim Abschlussbild aller Spieler und Betreuer in Port Elizabeth fehlte Joachim Löw - als Hinweis auf einen Abschied wollten das Arne Friedrich & Co. aber nicht werten.
«Der Anteil von Jogi Löw ist riesig, nicht nur bei diesem Turnier», erklärte der Neu-Wolfsburger Friedrich nach dem WM-Ende in Südafrika. Alle wünschen sich, das der WM-Missionar Löw seine erfolgreiche Arbeit als Bundestrainer fortsetzt. Doch der von einer Grippe und den WM-Anstrengungen gezeichnete Chefcoach lässt Deutschland zittern.
Seine berufliche Zukunft sei völlig offen, verkündete Löw am Sonntag überraschend auf der WM-Abschlusspressekonferenz des DFB in Südafrika den Fans in der Heimat und auch Verbands-Boss Zwanziger, der zwei Stühle weiter mit auf dem Podium saß. «So ist es», sagte Löw auf eine entsprechende Frage und schloss mit fast versagender Stimme an: «Ob Sie es mir glauben oder nicht: Ich habe jeglichen Gedanken an eine Situation nach der WM völlig abgeschaltet.»
Selbst seine engsten Vertrauten rätseln um die Gemütsverfassung und die Pläne des 50-Jährigen, dessen DFB-Kontrakt mit der Rückkehr in die Heimat ausläuft. Auch wenn Löws Fehlen auf dem Abschiedsfoto nur dadurch zustande kam, dass er am Samstagabend nach dem Sieg gegen Uruguay schon zu TV-Interviews in den Stadion-Katakomben war. Es sei schwer einzuschätzen, «ob er weitermachen will oder nicht», sagte Manager Oliver Bierhoff, mit dem sich Löw zuerst beraten will.
Während der zwei Monate Vorbereitung und dem Turnier habe es keinerlei Gespräche über die Zeit danach gegeben, versicherten alle Beteiligten standhaft. Und auch jetzt soll es keine Schnellschüsse geben: «Sicherlich geht es nicht gleich an den Verhandlungstisch», betonte Bierhoff.
«Wie ich mich selbst kenne, brauche ich jetzt ein paar Tage Ruhe. Ich möchte keine Entscheidung treffen unter den ganzen Emotionen», sagte Löw am Sonntag. Er müsse überlegen, «habe ich weiter diese Kraft und Energie, die Mannschaft weiterzuführen»? Fast die selben Worte hatte Jürgen Klinsmann gewählt, als ihm nach dem dritten Platz beim Sommermärchen 2006 ganz Deutschland zu Füßen lag. Der Erneuerer aus den USA warf kurz danach erschöpft das Handtuch und brachte als letzte Amtshandlung seinen Assistenten Löw als Chef in die Spur.
Dieses Mal soll es eine Fortsetzung der Bundestrainer-Zeit geben. Doch auch die Spieler, die seit mehr als 60 Tagen ganz eng an Löw dran waren, tappen im Dunkeln. «Das ist schwer zu sagen. Ich weiß es nicht. Ich kann nur für den DFB hoffen, dass er bleibt», sagte Routinier Friedrich und erinnerte: «Wir haben 2008 im EM-Finale gestanden, 2006 haben wir den dritten Platz erreicht. Das zeigt, dass eine unglaubliche Konstanz drin ist. Jetzt ist auch noch attraktiverer Fußball dazugekommen.»
Nicht nur der 31-jährige wünscht sich, «dass der komplette Staff bleibt». Turnier-Neuling Sami Khedira betonte: «Er hatte vor dem Turnier viele Kritiker. Aber er hat an seiner Linie und uns Spielern festgehalten. Was daraus geworden ist, haben wir gesehen. Wir Spieler haben das Vertrauen zurückgezahlt.» Sogar der neue Bundespräsident Christian Wulff hat festgestellt: «Er hat in besonderer Weise Trainerqualitäten bewiesen.»
Die Knackpunkte nach den zu Beginn des WM-Jahres geplatzten Vertragsgesprächen mit dem DFB bleiben die «Visionen» (Löw) und «Motivation» (Bierhoff). «Ich weiß es selbst nicht. Es fällt mir derzeit schwer, das Gefühl dafür zu entwickeln», sagte Bierhoff zu seiner eigenen Situation. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) möchte den Kontrakt mit Löw unbedingt bis zur EM 2012 verlängern - nach dem Turnierverlauf ist auch Manager Bierhoff wieder im Rennen.
«In der Tat ist es jetzt eine wichtige Aufgabe, zu Gesprächen zu kommen», betonte Verbands-Präsident Zwanziger, mahnte aber auch «Zeit und Geduld» an. «Wir hoffen und wünschen sehr, dass wir zu einem Abschluss kommen, der allen dient», sagte der DFB-Chef, der ein wenig sein zuletzt sehr forderndes Werben drosselte. Bei der Medaillen-Übergabe für Platz drei hatte Zwanziger im Stadion von Port Elizabeth versucht, Löw mit beiden Händen fest an sich zu pressen und zu herzen. Der Bundestrainer reagierte irritiert.
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11.07.2010
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Bundestrainer Joachim Löw (r) umarmt nach dem Abpfiff Arne Friedrich.
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