Pfeilschifter und der Olympia-Fluch

Sonja Pfeilschifter hat ihr Pulver noch nicht verschossen, auch ihr Ärger ist noch nicht verraucht. Ausgerechnet die zum Auftakt beim olympischen Luftgewehr-Wettbewerb wegen des hohen Erwartungsdrucks nicht berücksichtigte Europameisterin soll die bisher magere Bilanz des Deutschen Schützenbundes (DSB) bei den Sommerspielen aufpolieren. Für beide Seiten eine brisante Situation.

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Sonja Pfeilschifter hat bei ihren bislang vier Olympia-Starts nie eine Medaille gewonnen. Foto: Geoff Caddick

Pfeilschifter ist wegen ihrer Nicht-Nominierung immer noch wütend. Sie glaubt sogar, dass man sie zum Rücktritt zwingen wollte, sprach von "Kaltstellung" und übte heftige Kritik am Verband. Doch der DSB verteidigt seine "Schutzmaßnahme", um Pfeilschifters Medaillenchancen in ihrer Spezialdisziplin Sportgewehr zu erhalten.

Ein Blick zurück in die olympische Geschichte verdeutlicht schnell, dass auf der Weltklasse-Schützin aus Ismaning ein Olympia-Fluch lastet. Alle vier Doppelstarts in Peking, Athen, Sydney und Barcelona gingen schief, wobei sie 1992 als Debütantin nicht zur Favoritengruppe zählte. Immer konnte sie dem gewaltigen Erwartungsdruck, die erste deutsche Medaille in der ersten Olympia-Entscheidung Luftgewehr zu holen, nicht Stand halten.

"Sie hat jedes Mal die Medaille verpasst, bekam danach eine schlechte Presse und konnte dann in ihrer Lieblingsdisziplin ihre Leistung nicht abrufen. Nun geht Sonja ohne Druck, ohne Extrabelastung und auch nicht mit einem eventuellen Negativerlebnis in ihren Hauptwettkampf", betonte DSV-Sportdirektor Heiner Gabelmann. Er gab aber zu, dass "die Sache noch nicht ganz ausgeräumt ist".

Die nur 1,56 Meter große und 50 Kilogramm leichte Pfeilschifter gilt daher als "brodelndes Pulverfass". Auch Pfeilschifters Heimtrainer Hubert Bichler, der in London als Gewehrtrainer für Österreich akkreditiert ist, reagiert aggressiv: "Na klar sind wir immer noch sauer über diese Entscheidung."

Eine Generalabrechnung nach dem Finale am Samstagnachmittag im Sportgewehr scheint also unausweichlich. Verpasst die WM-Zweite Pfeilschifter die angepeilte Medaille im Dreistellungskampf, wird es heißen, mir wurde die andere Chance im Luftgewehr als Favoritin geraubt. Holt sie ihre erste Olympia-Plakette, könnte sie sagen: Ich kann mit dem Druck umgehen, der DSV hat eine zweite Medaille verschenkt. Gewehr-Bundestrainer Claus Dieter Roth drückte sich daher vor dem Wettkampf diplomatisch aus: "Ich gönne Sonja die Olympia-Medaille so sehr." Mehr will er nicht sagen.

Weltmeisterin Barbara Engleder zeigte dagegen Unverständnis für den Rundumschlag ihrer Teamkollegin nach der Verbandsentscheidung im Frühjahr. "Sie hatte mehrmals die Chance zum Doppelstart und stets hat es nicht geklappt", meinte die 29-Jährige, die bei ihrer dritten Olympia-Teilnahme ebenfalls auf die erste Medaille hofft.

Der erfahrene Gabelmann, der nicht auf Krawall gebürstet ist, vergleicht die schwierige Entscheidung mit dem eines Fußballtrainers. "Da werden auch taktische Entscheidungen getroffen und man weiß erst später, ob sie aufgehen", sagte der DSV-Sportdirektor und versprach Pfeilschifter: "Wenn sie endlich ihre erste Olympia-Medaille gemacht hat, kann sie gerne in Rio wieder doppelt starten."

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