Robert Harting: Ungewohnte Rolle am Ort des größten Triumphs

|
Vorherige Inhalte
  • Robert Harting in Aktion: Auf der Ehrenrunde nach seinem Olympiasieg 2012 in London und kürzlich in Erfurt im Diskuskäfig. 1/2
    Robert Harting in Aktion: Auf der Ehrenrunde nach seinem Olympiasieg 2012 in London und kürzlich in Erfurt im Diskuskäfig. Foto: 
  • Robert Haring. 2/2
    Robert Haring. Foto: 
Nächste Inhalte

Er nennt es seine B-Technik. Wenn Robert Harting heute Abend zum Auftakt der Weltmeisterschaft in London in die Arena seines Olympia-Triumphes von 2012 zurückkehrt, wirft er die zwei Kilogramm schwere Scheibe anders als zu besten Zeiten.

Kaum ein Zuschauer, allenfalls Fachpublikum, wird einen großen Unterschied erkennen. Doch der 32-jährige vom SC Charlottenburg Berlin, dessen Bestleistung aus dem Jahr seines einzigen Olympiasieges bei 70,66 Metern steht, fühlt sich im Diskuskäfig nicht mehr wohl wie zu seinen besten Zeiten.

Grund sind die Folgen des Kreuzbandrisses im Herbst 2014. „Seit ich wieder trainiere und werfe, hat sich in den letzten anderthalb Jahren ein Bewegungsmuster aufgebaut, das sich festgesetzt hat im Kopf. Diese Schonhaltung muss man immer wieder durchbrechen.“ Das hat Harting ganz ähnlich auch schon bei der deutschen Meisterschaft vor vier Wochen in Erfurt betont. Am Gewinn seines zehnten Titels in Serie hat es ihn nicht gehindert.

Und für die WM gilt: „Eigentlich fühle ich mich körperlich in der Lage weit zu werfen.“  Das klingt zumindest erfreulich für heute Abend, wenn von 20.20 Uhr MESZ an (ZDF live) die Qualifikation fürs morgige Diskus-Finale (20.25 Uhr/ARD) beginnt. Erfreulicher als bei den Sommerspielen vor einem Jahr in Rio. Da ereilte ihn der Hexenschuss just am Abend vor der Qualifikation, als er übermütig versuchte mit dem Fuß den Lichtschalter zu erreichen. Prompt blieb Harting tags drauf schon in der Qualifikation auf der Strecke, während sein um sechs Jahre jüngerer Bruder Christoph ähnlich überraschend Diskus-Olympiasieger wurde. Der wiederum scheiterte dieses Mal um 87 Zentimeter an der Norm von 65 Metern und hat die WM-Teilnahme verpasst.

Solo in London ist Robert Harting, Weltmeister 2009 in Berlin, 2011 in Daegu und 2013 in Moskau sowie Silber-Gewinner bei seiner WM-Premiere 2007 in Osaka, zunächst nicht nur deshalb. Seine Ehefrau, Vereins- und Disziplinkollegin Julia Harting, ist zwar ebenfalls deutsche Diskus-Meisterin, aber erst am Ende der WM (4. bis 13. August) an der Reihe. Das deutsche Team reist aus dem Trainingslager in Kienbaum bei Berlin, wo sich die Athletinnen und Athleten noch einmal ohne Ablenkung fokussieren sollen, gestaffelt an, immer erst ein paar Tage vor dem eigenen Wettbewerb.

Hürdenlauf des Hünen

Mit 66,30 Metern als Saisonbestweite ist Robert Harting dieses Mal Außenseiter. Andere wie der Schwede Daniel Stahl (71,29) oder der Jamaikaner Fredrick Dacres (68,88) führen jetzt die Weltjahresbestenliste an. Aber keiner würde den Fehler machen, den 2,01 Meter großen, extrem erfahrenen Wettkampftypen aus Berlin wegen fortgeschrittenen Alters oder defensiver Technik zu unterschätzen. Wenn der gebürtige Cottbuser alles in einen Wurf legt, kann es noch immer gefährlich werden, sehr gefährlich.

Bei den Sommerspielen 2012 schnappte sich Harting im fünften Versuch mit 68,27 Metern Gold. Vor allem die Bilder seiner Ehrenrunde gingen um die Welt: Wie stets nach großen Siegen hatte er sich das Shirt vom gewaltigen Oberkörper gerissen, schlang sich eine Deutschlandfahne um die Schultern und sprang über die auf der Bahn aufgestellten Hürden. Sollte er bei seiner letzten Weltmeisterschaft (der Karriereschluss dürfte nach der Europameisterschaft 2018 in Berlin sein) doch eine fünfte WM-Medaille holen, wird der Hüne vielleicht noch einmal ausgelassen hüpfen vor Freude. Nur das Trikot muss er unangetastet lassen, wie immer seit der Rüge seiner Oma Renate Seidel für den ungezügelten Auftritt 2012 in London. „Ihr gefällt es nicht“, sagte der Olympiasieger nach seinem EM-Erfolg 2014 in Zürich. „Oma ist eine andere Generation. Da kommt es nicht gut an, wenn man ein Lump ist und das T-Shirt zerreißt.“ Stattdessen zog er es aus, legte es auf die Bahn und kuschelte damit.

Nicht lange danach war er selbst am Boden, der Kreuzbandriss stellte alles infrage. Doch Robert Harting hat sich erfolgreich zurückgekämpft. Egal ob A- oder B-Technik: Erst einmal im Ring, ist (noch) immer mit ihm zu rechnen.

Rio-Olympiasieger Christoph Harting und auch Daniel Jasinski (TV Wattenscheid), der vor einem Jahr in Brasilien Diskus-Bronze gewann, verpassten die WM-Norm. Harting der Jüngere scheitere mit 64,13 Metern. „Dann gibt es eben einen schönen langen Urlaub. Den hatte ich lange nicht mehr“, hatte er angekündigt. Was die WM- Nominierung anging, war für ihn klar: „Ich will keine Extrawurst.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kripo-Beamter der Ulmer Polizei vor Gericht

Wegen Strafvereitelung und Unterschlagung von Geldbußen in zig Fällen muss sich ein Polizist vor der Justiz verantworten. Der Angeklagte bestreitet alles. weiter lesen