Rio, ein Jahr nach Olympia

Olympia 2016 war nicht nur Sport, es war auch Symbol: Wir sind endlich wer, sollten die Spiele sagen, uns steht eine große Zukunft bevor. Das Gegenteil ist eingetreten.

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  • Das Wasserstadion im Olympiastadin hatte Platz für 15 000 Zuschauer. 1/5
    Das Wasserstadion im Olympiastadin hatte Platz für 15 000 Zuschauer. Foto: 
  • Heute steht das Wasserstadion leer und wartet auf seinen Abriss. 2/5
    Heute steht das Wasserstadion leer und wartet auf seinen Abriss. Foto: 
  • Das Maracana-Stadion bei der Schluss-Zeremonie der Olympischen Spiele. Der Umbau hat 240.000 Euro gekostet. 3/5
    Das Maracana-Stadion bei der Schluss-Zeremonie der Olympischen Spiele. Der Umbau hat 240.000 Euro gekostet. Foto: 
  • Weil sich die Klubs die Stadionmiete nach  den teuren Umbauten nicht leisten können,  ist das berühmte Maracana-Stadion (oben)  verwaist. Das provisorische Wasserstadion (unten) wartet auf seinen Abriss.  4/5
    Weil sich die Klubs die Stadionmiete nach den teuren Umbauten nicht leisten können, ist das berühmte Maracana-Stadion (oben) verwaist. Das provisorische Wasserstadion (unten) wartet auf seinen Abriss.  Foto: 
  • Nach einem Jahr ist vom Glanz der  Olympischen Spiele nicht mehr viel übrig: Eine aktuelle Innenansicht des Maracana.    5/5
    Nach einem Jahr ist vom Glanz der Olympischen Spiele nicht mehr viel übrig: Eine aktuelle Innenansicht des Maracana.  Foto: 
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Den Preis für den brasilianischen Größenwahn zahlen jetzt auch die Fans von Flamengo: „WM und Olympia haben uns das Maracana genommen“, sagt Felipe Rizzeto verbittert. Der 37-jährige Zeitungsverkäufer aus dem Stadtteil Copacabana im Herzen von Rio de Janeiro ist begeisterter „Flamenguista“, wie sich die Fans des populärsten Fußball-Klubs in Brasilien nennen. An seiner Kioskwand hängt der tägliche Wahnsinn aus der Olympiastadt. Die Titelseiten, auf denen vor einem Jahr noch Jamaika-Sprinter Usain Bolt oder US-Schwimmer Michel Phelps prangten, zeigen nun die Bilder von Überfällen und unschuldigen Opfern von Querschlägern aus einer der unzähligen Schießereien.

Manchmal werden auf den Titelseiten auch Berichte über das Erbe der Olympischen Spiele angekündigt – über die Stadionmieten und Außenstände. „Das kann doch keiner mehr bezahlen“, sagt Rizzeto und schüttelt den Kopf. Rund 316 Millionen Euro kostete nach offiziellen Angaben der Umbau und die Modernisierung des berühmtesten Stadions in Südamerika. Gehoben auf ein Fünf-Sterne-Niveau für die Premiumprodukte von FIFA und IOC und zugleich weit weg von der brasilianischen Lebensrealität.

Ins Land geholt wurden die Mega-Events von Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva, der Mitte der ersten Dekade dieses Jahrtausends seine Nation schon auf dem Weg zur Supermacht sah. Damals flog der Ölpreis in höchsten Sphären, genauso wie Lulas Träume von einer besseren Zukunft. Legendär ist das Titelblatt des Magazins „The Economist“, welches die Christusstatue als eine in den Himmel startende Rakete zeigte. Dahinter folgte ein 14-seitiger Themenschwerpunkt über den Erfolg Brasiliens. Doch Lulas Träume platzten. Statt in die marode Infrastruktur seines Landes zu investierten, stellte Lula lieber die Weichen für den Bau sündhaft teurer Stadien. Nun zahlt der südamerikanische Gigant für die größenwahnsinnigen Entscheidungen dieser Jahre einen bitteren Preis. Brasiliens politische Klasse war weder politisch, wirtschaftlich noch ethisch für diese Großevents gerüstet.

Die Stadionmiete ist unbezahlbar

Flamengo spielt kaum noch im riesigen Maracana mit seinen gigantischen vier Videoleinwänden und dem extrahellen Licht für HD-Fernsehübertragungen. Stahlrohrtribünen haben die Kapazität der in den 60er Jahren errichteten Arena mit nur einem Dach auf rund 20 000 Plätze vergrößert. Wegen der horrenden Unterhaltskosten kann der Betreiber das Fünf-Sterne-Stadion nur gegen sehr hohe Stadionmieten zur Verfügung stellen, ansonsten droht der Ruin. Ein paar Spiele in der Copa Libertadores, einer der wichtigsten südamerikanischen Fußballturniere, gerieten hier noch zum rauschenden Fest, doch der Klub verpasste die K.O.-Runde. Jetzt kann sich Flamengo die Stadionmiete nur noch in Ausnahmefällen leisten. Der Bundesstaat ist pleite und kann nicht einspringen, Rios Klubs weichen nun auf uralte Arenen irgendwo in der Peripherie aus, so auch Flamengo. Die sportliche Heimat der Fußball-Legende Zico nennt seit ein paar Monaten das „Estádio da Ilha do Urubu“ sein neues Zuhause.  Die Fans gehen auf die Barrikaden, weil angesichts des verknappten Platzangebotes astronomische Eintrittspreise fällig werden.  So wird das Maracana zu einem Mahnmal für alles, was schiefgelaufen ist, rund um die WM 2014 und Olympia 2016.

Die Weltverbände FIFA und IOC haben Rio längst den Rücken gekehrt. Und mit ihnen zahlreiche Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), die mit der gigantischen Karawane gleich mit umgezogen sind nach Russland und Katar.

Gleich neben dem Maracana steht nahezu unberührt die Ruine eines Museums für indigene Kultur. Damals, als das Museum im Rahmen des Maracana-Umbaus wegen eines Parkplatzes weichen sollte, starteten NGO publikumswirksame Aktionen, um das Museum zu retten. Die Bilder einer Straßenschlacht gingen um die Welt. Jetzt verschimmelt die Bausubstanz, das Ungeziefer krabbelt durch das baufällige Haus. Und auch die selbsternannten Retter haben das Interesse verloren. Seit Brasilien aus dem weltweiten medialen Fokus verschwunden ist, gibt es keine spektakulären Aktionen mehr. Erst vor kurzem hat eine Gruppe indigener Aktivisten versucht, das Schicksal des Kulturzentrums wieder in die eigene Hand zu bekommen. Als sie Mitte April zurückkehrten, interessierte das gerade einmal eine Handvoll lokaler Journalisten, von den NGOs weit und breit keine Spur.

Eine der wenigen, die gebliebenen sind, ist das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, das gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auch nach Olympia Projekte weiter finanziert. So sah es die Selbstverpflichtung des deutschen Sports vor, der für Rio 2016 erstmals eine Art Aktionsbündnis schmiedete. Adveniat-Sprecher Christian Frevel zieht eine traurige Bilanz. „Inzwischen ist Rio in Teilen sogar hinter die bettelarme Nordzone des Landes zurückgefallen. Die Menschen leiden enorm unter den Folgen der Korruption“, sagt er.

Wer nun Schuld ist an der Misere, darüber lässt sich trefflich streiten. Das IOC, das offenbar über keinerlei funktionierende Kontrollmechanismen verfügte, um ein durch und durch korruptes politisches System zu überwachen, trägt eine ethische Verantwortung. Doch allein das IOC verantwortlich zu machen, wäre zu einfach. Der inzwischen wegen Korruption inhaftierte und zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilte Ex-Gouverneur Sergio Cabral, der während der Vorbereitungsphase den Bundesstaat Rio de Janeiro regierte, hat umgerechnet 70 Millionen Euro unterschlagen.

Cabral war ein langjähriger Weggefährte der inzwischen wegen haushaltspolitischer Tricks abgesetzten Ex-Präsidentin Dilma Rousseff. Gegen Vorgänger Lula und Nachfolger Michel Temer ermittelt die Justiz derzeit wegen Korruption. Wie ein Aasgeier stürzte sich der brasilianische Baukonzern Odebrecht auf die Bauarbeiten für die Großevents, mästete Politiker aller politischen Lager mit überteuerten Rechnungen, von denen dann die Schmiergelder gezahlt wurden. Ein nationaler Untergang mit Spesenquittung.

Die Rechnung für all das bezahlen nun die Cariocas. Rios Einwohner erleben ein Comback der Gewalt. Die Drogengangs sind längst in die Viertel zurückgekehrt, aus denen sie vor WM und Olympia vertrieben wurden. Die Gründer der populären Facebook-App OTT, die nahezu in Echtzeit vor Gewaltakten warnt, dokumentieren den tägliche Horror auf Rios Straßen: Mehr als 2200 Schießereien gab es seit Jahresbeginn. „Die Gewalt ist beängstigend“, sagt der 36-jährige App-Mitgründer Marcos Vinicius Baptista. „Es scheint als wäre der Krieg neu ausgebrochen, die Unsicherheit zehrt an den Nerven der Menschen. Die Sorgen sind überall zu spüren.“ Sicherheitskräfte streikten, erhielten zum Teil monatelang keine Gehälter, andere ließen sich von der organisierten Kriminalität einkaufen. Wie sehr die Menschen das Thema mitnimmt, zeigen die Zugriffszahlen der App: Allein in den letzten vier Wochen wuchs die Zahl der Nutzer von 200.000 auf 250.000. Rio steckt in einem Teufelskreis: Weil die Gewalt zurückkehrt, bleiben die Touristen aus. Die Hotelbranche vermeldet laut dem Sender „R7“ Umsatz­einbrüche von 30 Prozent, in den ersten vier Monaten sanken die Tourismus-Einnahmen um rund 87 Millionen Euro. Geblieben ist immerhin eine neue U-Bahn-Strecke, einige Investitionen in den Nahverkehr und eine neue Begeisterung für den Behindertensport.

Der Olympiapark im Stadtteil Barra erfüllt derweil die Erwartungen nicht. Versprochene Umbauten und Nachnutzungen bleiben aus, nur ein Bruchteil der Wohnungen im Olympischen Dorf sind verkauft.  Vor ein paar Tagen präsentierte das lokale Organisationskomitee (OK) dem IOC einen neuen Bettelbrief. Das Defizit des OK belief sich Anfang Juni nach eigenen Angaben noch auf rund 30 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Das OK kann seine offenen Rechnungen nicht bezahlen. Zeitungsverkäufer Rizzeto hat da eine Idee: „Vielleicht sollten die mal bei Ex-Gouverneur Cabral nachfragen.“ Der hat schließlich mehr als das Doppelte der offenen Summe in die eigene Tasche gesteckt.

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