Johannes Vetter: WM-Gold mit Ansage und Speerspitze gegen den Ex-Klub

Leichtathletk: Im Endspurt der Weltmeisterschaften holt das deutsche Team doch noch lange ersehnte Medaillen. Johannes Vetter von der LG Offenburg glänzt mit Gold.

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Auf Anhieb zur Bestweite: Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter von der LG Offenburg gewann in London mit 89,89 Metern, die er gleich im ersten der sechs Versuche erzielte, die Goldmedaille.  Foto: 

Schon die außergewöhnlichen 91,20 Meter in der Qualifikation sagten alles. Johannes Vetter war in absoluter Gold-Form. Als es dann tatsächlich geschafft war, überwältigten den 24-Jährigen von der LG Offenburg trotzdem mächtig die Emotionen. Schluchzend lief er in Richtung Tribünenkurve und fiel seinem Trainer Boris Obergföll um den Hals.

Später, als die Freudentränen abgewischt waren und Vetter sich gefasst hatte, redete der gebürtige Dresdner Klartext mit badischem Akzent: „Am Ende ist der ganze Druck der letzten Wochen von mir abgefallen. Er war sehr hoch. Ich bin meinem ganzen Team so dankbar.“ Und an die Adresse seines Ex-Klubs Dresdner SC: „Ich glaube, die werden sich jetzt gewaltig in den Arsch beißen.“ Seit 2015 hat Vetter sein Sportlerleben umgekrempelt.

Er zog nach Offenburg, gehört bei Bundestrainer Obergföll und dessen Ehefrau, Ex-Weltmeisterin Christina Obergföll quasi zur Familie. Die Zäsur war entscheidend. Vetter gab auch die Polizei-Ausbildung auf und ging zur Bundeswehr-Sportfördergruppe. Viel riskiert, alles gewonnen: In London entschied er mit dem ersten Wurf den Wettkampf. Der 800-Gramm-Speer segelte 89,89 Meter weit. Bitter: Thomas Röhler (88,26), der Olympiasieger aus Jena,  wurde im sechsten und letzten Durchgang um nur sechs Zentimeter auf Platz vier verdrängt. Jakub Vadlejch (89,73) und Petr Frydrych (88,32) schafften es neben Vetter aufs Podest.

 Die Tschechen haben ebenfalls einen Top-Trainer: Jan Zelezny, der gleich dreimal Olympiasieger und Weltmeister war. Und der der einzige ist, der mit dem gültigen Weltrekord von 98,48 weiter geworfen hat als der deutsche Rekordhalter Vetter (94,44), der dritte Weltmeister nach Matthias de Zordo aus Saarbrücken (2011) und dem Berliner Detlef Michel 1983. Der dritte deutsche Speerwerfer, Andreas Hofmann von der MTG Mannheim kam mit 83,98 auf den achten Platz.

Unerwartet im Vergleich zu Vetters Triumph war der Endlauf-Coup von Pamela Dutkiewicz (TV Wattenscheid): Die deutsche Meisterin ratterte im Stakkato über die zehn Hürden und musste sich bei ihrer WM-Premiere nach 12,72 Sekunden nur Weltmeisterin Sally Pearson aus Australien (12,59) und Peking-Olympiasiegerin Dawn Harper-Nelson (USA/12,63) geschlagen geben. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Karriere der aus Kassel stammenden Lehramtsstudentin mit Platz drei bei der Hallen-EM im März. Es folgten erste Plätze bei der Team-EM und dem Diamond-League-Meeting in Oslo. „Es lief alles wie am Schnürchen“, sagt die Sprinterin. „An eine Medaille habe ich nicht gedacht. Ich war schon glücklich, hier im Finale zu sein.“ Im vergangenen Jahr hatte sie bei der EM in Amsterdam Pech: Im Finale stürzte sie über die erste Hürde. Bei Olympia in Rio war sie ins Halbfinale gelaufen. Cindy Roleder (SV Halle) trumpfte bei den Sommerspielen sogar mit Hürden-Silber auf. Diese Saison musste sie kurz vor der WM verletzt abbrechen. Pamela Dutkiewicz war mehr als nur ein starker Ersatz.

 Im Hochsprung war die erste internationale Medaille für Marie-Laurence Jungfleisch (VfB Stuttgart) ganz nah. Alle vier Höhen von 1,84 bis 1,95 Meter nahm die 26-Jährige jeweils sauber im ersten Versuch und hatte zumindest eine Top-Chance auf Bronze. Dann schob sich die Polin Kamila Licwinko mit 1,97 im dritten Anlauf an der deutschen Meisterin vorbei. Und Jungfleisch riss. Bei nur drei Springerinnen über diese Höhe war klar: Für sie bleibt nur Rang vier. Gold holte Titelverteidigerin Maria Lasizkene (2,03), die als Russin im neutralen Trikot startet. Silber gewann die Ukrainerin Julia Lewtschenko (2,01). Kamila Licwinko verdiente sich Bronze quasi doppelt: Sie überquerte noch die 1,99.

Auch für die 4x100-Meter-Staffel mit  Tatjana Pinto (Paderborn), Lisa Mayer (Wetzlar), Gina Lückenkemper (Dortmund) und Rebekka Haase (Thum) reichte es nur zu  Platz vier. Nach  schwächerem ersten Wechsel fehlten lediglich 17 Hundertstel zu Bronze.

Kommentar: Eine Frage der Geduld

Bei einer vergleichsweise kuriosen Leichtathletik-WM haben die zahlreichen Medaillen am Schlusswochenende aus deutscher Sicht für eine versöhnliche Bilanz gesorgt. Geduld ist gefragt, wenn sich wie aktuell eine Mannschaft im Umbruch befindet. Das zeigt nicht zuletzt auch das Beispiel der Briten: Nur der große Langstreckler Mo Farah, der jetzt abtritt, und die Staffeln sorgten für Glanz.

Dass gerade arrivierte deutsche Athleten enttäuschten, David Storl (Kugel), Robert Harting (Diskus) und vor allem Ex-Weltmeister Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung) mit seinem „Salto nullo“, hat individuelle Gründe.  Gerade die vielen frischen jungen Gesichter in London und  zahlreiche Erfolge bei internationalen Titelkämpfen der Jugend und Junioren zeigen, dass beim DLV etwas nachwächst.

In London für alle lästig: der Norovirus im Athleten-Hotel, der nicht nur im deutschen Lager für Aufregung sorgte. Botswanas Medaillenkandidat Isaac Makwala verpasste deshalb das 400-Meter-Finale. Sprint-Superstar Usain Bolt  hätte sich die Abschiedsvorstellung gerne vergoldet. Auch dieser Wunsch blieb unerfüllt.

Absolut überragend dieses Mal das Publikum im meist ausverkauften Olympiastadion: Die Begeisterung der Zuschauer machte diese 16. Weltmeisterschaft im zuletzt von Terroranschlägen und der Brandkatastrophe im Grenfell Tower gebeutelten London zu einem Statement der Geschlossenheit. 

Einige Trümpfe des Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) haben bei der WM doch noch gestochen. „Ich habe die Unruhe nicht verstanden“, sagte Cheftrainer Idriss Gonschinska zur Erwartungshaltung bei einer „komplizierten WM“, die durch den Ausbruch des Magen-Darm-Keims Norovirus beeinträchtigt wurde. DLV-Präsident Clemens Prokop betonte aber auch: „London ist ein klarer Arbeitsauftrag: Wir müssen stärkere Anstrengungen bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio unternehmen.“ Nach einem frühen Silber-Gewinn durch die Siebenkämpferin Carolin Schäfer hatte es fünf Tage keine Medaille gegeben, am Samstag dann vier auf einen Schlag.

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