Neue Ära dank Kraft und Magie
Vancouver. Drei deutsche Adler abgestürzt, nur Michael Neumayer in Form, flaue Aussichten für den Teamwettbewerb: Keine gute Bilanz auf der Großschanze. Dort sprang Simon Ammann wieder mal in einer eigenen Liga.
Ein wunderschöner Tag mit linden Frühlingstemperaturen hielt Einzug über den Coast Mountains. Freilich herrschte für drei der vier deutschen Skispringer vor dem heutigen Mannschaftswettbewerb kein Sonnenschein. Simon Ammann 144 Meter im ersten Durchgang, Martin Schmitt 108 Meter in der Finalrunde: Das sind zwei Zahlen, die manches aussagen über den Einzelwettbewerb auf der Großschanze.
"Das passiert halt, das muss man abhaken", sagte Martin Schmitt - und wirkte noch bleicher als gewohnt: "Für den Teamwettbewerb gilt es jetzt, die Kurve zu kriegen. Wir müssen uns alle steigern." Damit sprach er nicht nur seinen - allerdings auch durch schwierige Windverhältnisse bedingten - 30. Platz an, sondern auch den Absturz von Michael Uhrmann auf Position 25 und Andreas Wank auf Rang 28.
Die drei Ersten von der Normalschanze flogen auch diesmal in derselben Reihenfolge aufs Podest. Simon Ammann bewegte sich mit beeindruckenden 14,2 Punkten Vorsprung fast in einer eigenen Liga. Er gewann vor Adam Malysz und Gregor Schlierenzauer. Derweil sorgte aus deutscher Sicht nur Michael Neumayer für ein positives Signal. Der 31-Jährige rückte von Position acht auf sechs vor.
"Das Ergebnis macht mich sehr sehr stolz. Damit kann man später vor seinen Kindern angeben", sagte der Wahl-Allgäuer nach seinen beiden sauberen Sprüngen auf 130 Meter schmunzelnd. Seinen drei Teamkollegen bescheinigte er, nicht wie er vom Glück begünstigt worden zu sein. Er hoffe dennoch, dass "wir am Montag mit einem Lächeln an die Schanzen zurückkehren".
Mentale Aufbauarbeit dürfte auch bei Uhrmann und Wank nötig sein. "Wir haben kein gutes Gefühl mitgenommen. Jetzt müssen wir uns auf die Hinterbeine stellen", sagte Erstgenannter. Wank ergänzte: "Wir müssen unsere besten Sprünge zeigen, den Rest können wir nicht beeinflussen." Die leícht kriselnden Austria-Adler, die sich in den beiden bisherigen Wettbewerben weit mehr erhofft hatten als nur zweimal Bronze durch Schlierenzauer, dürften dennoch unschlagbar sein. Dahinter ist zwischen Norwegen, Finnland, Deutschland und Tschechien vieles möglich.
Bundestrainer Werner Schuster, der Schmitt und Wank bei ungünstigem Wind "wie Steine vom Himmel" fallen sah, geht davon aus, dass die erste Enttäuschung rasch verfliegen wird: "Die Jungs brauchen sich jetzt gegenseitig."
Auf dem entgegengesetzten Pol der Gefühlsskala tummelte sich am Samstag erneut Simon Ammann. Wie Matti Nykänen hat der Schweizer jetzt vier olympische Goldmedaillen (die ersten beiden in Salt Lake City 2002) gewonnen, der Finne war davon aber einmal im Teamwettbewerb erfolgreich.
"Das ist extrem voll geil", jubelte der 28-Jährige, Führender im Gesamtweltcup, der in beiden Durchgängen mit 144 und 138 Metern die weitesten Sprünge setzte. "Das ist definitiv eine neue Dimension", staunte auch Schuster.
Ammanns Erfolgsgeheimnis: Mit seinem geringen Körpergewicht von 58 Kilogramm (bei 1,73 m Größe) und dank enormem Selbstbewusstsein springt er am Backen mit Risiko aggressiv flach hinaus. "Das ist mir viel besser gelungen als den Konkurrenten", sagt der Mann aus Unterwasser im wunderschönen Toggenburger Land. Vor acht Jahren bei seinem Doppel-Coup in Salt Lake City sei alles aus ihm herausgebrochen, jetzt sei alles viel durchdachter. Und hier in Nordamerika habe er von Anfang an Magie und Kraft gespürt.
Vom großen Wirbel um seine Neuerung an der Skibindung, die er schon in Klingenthal ausprobiert hatte, zeigte sich Ammann überrascht: "Wenn man behauptet, dass nur dieses kleine Detail meine Stärke ausmacht, muss man vorsichtig sein." Sein österreichischer Kontrahent Wolfgang Loitzl befand: "Er hätte auch so gewonnen". Der internationale Skiverband (Fis) hatte die Bindung am Freitag als übereinstimmend mit den Reglementierungen beurteilt. Schuster hält derweil die österreichischen Einwände wegen besserer Aerodynamik der Bindung "rein fachlich" für verständlich.
Vorteil oder nicht: Bei den Eidgenossen genießt Ammann jetzt Heldenstatus - wie Roger Federer. Zum Vergleich mit dem Tennisstar sagt Ammann: "Federer und ich sind unterschiedliche Menschen. Er hat unglaubliche Konstanz, ich bin der Mensch für spezielle Momente." In Whistler hat es der Überflieger einmal mehr bewiesen.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: KLAUS VESTEWIG | 22.02.2010
| Artikel twittern |
|
|
Simon Ammann: Jetzt genießt er Heldenstatus in der Schweiz. Foto: dpa
MEISTGELESENE ARTIKEL
Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil
Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters
Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

ZURÜCK
