Alles richtig gemacht
Vancouver. Befreiungsschlag für die bisher erfolglosen deutschen Langläufer bei Olympia: Nach einem hochinteressanten Rennen mit Technikwechsel über 30 km gewann Tobias Angerer im Schlusssprint Silber.
"Der Druck auf das Team war enorm", hat Jens Filbrich gesagt, als alles vorbei war, "man merkt, oh, jetzt muss mal was kommen." Im Rennen über 30 km mit Technik- und Skiwechsel ist tatsächlich was gekommen. Im Zielraum lagen Tobias Angerer und Filbrich erschöpft auf dem Boden und umarmten sich innig - fast wie Fußballer, die einen Torschützen feiern.
Denn es gab genug Grund zum Feiern. Tobias Angerer hatte die medaillenlose Zeit der deutschen Skilangläufer bei den Winterspielen beendet und hinter dem Schweden Marcus Hellner, aber noch vor dessen Landsmann Johan Olsson, Silber gewonnen. Nur 2,1 Sekunden lag er zurück. "Das war ein perfektes Rennen, ich habe alles richtig gemacht", jubilierte Angerer. Filbrich schaffte einen hervorragenden sechsten Platz. Die übrigen beiden deutschen Athleten landeten weiter hinten: Rene Sommerfeldt wurde 21., Tom Reichelt 35.
"Ein fantastischer Tag, ich bin sehr froh über die Medaille", meinte Angerer entzückt. Zusammen mit seiner Frau, seinen Eltern und dem 15-köpfigen Fanklub genoss der Traunsteiner am Abend auf dem Medals Plaza in Whistler sein persönliches Highlight. Filbrich freute sich mit: "Ich bin richtig happy, dass Tobi die erste Medaille gemacht hat. Und mit Platz sechs kann ich auch mehr als zufrieden sein." Jochen Behle war ebenfalls erleichtert. "Bei Olympia geht es immer um den ersten, zweiten und dritten Platz. Alles andere zählt nicht", wusste der Bundestrainer.
Im Verlauf des Rennens hatte es etliche Zuspitzungen gegeben. Die deutschen Asse hielten das Tempo von Beginn an hoch, um dem gefürchteten Petter Northug die Chance zu nehmen, seine Sprintfähigkeiten auf der Zielgeraden auszuspielen. In der ersten Skatingrunde trat ein Konkurrent auf Angerers Stock, mit der Folge, dass der 32-Jährige nur noch die Stockschlaufe in der Hand hielt. Ein Schweizer Servicemann reichte ihm einen Ersatzstock. "Ich möchte mich bei den Schweizern bedanken", sagte Angerer. Einen Kasten Weißbier will er seinen Worten folgen lassen.
Bei frühlingshaften Temperaturen taten sich die Läufer auf der aufgeweichten Loipe beziehungsweise Skatingpiste schwer. "An den Anstiegen hat man ein Gefühl gehabt wie im Sommer. Ich stand kurz vor einem Sonnenstich. Ich habe zweimal in jeder Runde getrunken und mir dabei alles ins Gesicht geschüttet", berichtete Angerer. Bereits in der zweiten Runde warf er seine Mütze weg. "Mein Mund war trocken. Ich habe extrem viel getrunken. Ich habe mich gefühlt wie ein Spatz am Trog", sagte auch Filbrich.
Bald nach dem Wechsel auf die Skating-Ski lief der Schwede Olsson dem Feld davon. Da seine Mannschaftskollegen das Verfolgerfeld bremsten, vergrößerte der Ausreißer seinen Vorsprung bis auf 24 Sekunden, ehe der Russe Alexander Legkow eine wilde Aufholjagd anzettelte. "Die Teamarbeit der Schweden war super", zeigte sich Behle beeindruckt. Im vorletzten Anstieg brach Northug der Stock - der Norweger schaffte den Anschluss nicht mehr. Kurz vor dem Ziel hatten dann vier Verfolger, unter ihnen Angerer, Olsson eingeholt.
"Von Runde zu Runde ist es bei mir besser gelaufen. Ich war mir total sicher, dass ich eine Medaille gewinne", sagte Angerer. Im Schlusssprint schlug sich der Oberfeldwebel glänzend: Nur den Schweden Hellner, den besten Sprinter in der Spitzengruppe, vermochte er nicht niederzuringen. "Der ist acht Jahre jünger. Ich habe schon 100 000 km mehr in den Beinen und bin nicht mehr so schnell", sagte Angerer lächelnd. Beim heutigen Teamsprint (22.25 Uhr MEZ) darf Angerer nun anschauen. Erst am Mittwoch in der Staffel ist er wieder gefordert.
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Autor: KLAUS VESTEWIG | 22.02.2010
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Silbermedaillengewinner Tobias Angerer genießt bei strahlendem Sonnenschein den Moment auf dem Podest. Foto: dpa
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