Teures Sportvergnügen: Olympische Winterspiele in Sotschi

Von einem "Schockpreis" spricht die russische Presse. Tatsächlich werden die olympischen Winterspiele in Sotschi alle Kostenrekorde sprengen. Der Kreml hofft auf langfristige Investitionen.

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Die Vorbereitungen für die Winter WM im russischen Sotschi laufen auf Hochtouren. Auch die Schanze wird schon vorbereitet. Foto: dpa

Heute wird in Sotschi im Beisein von Staatschef Wladimir Putin und IOC-Präsident Jaques Rogge der Countdown für die Olympischen Winterspiele 2014 gestartet, die genau in einem Jahr eröffnet werden sollen. Schon jetzt können die Russen stolz sein, sagte Vizepremier Dmitri Kosak. Es sei gelungen, für die Spiele gewaltige Investitionen locker zu machen.

Der Staatskonzern "Olimpstroi" hatte zuvor die Gesamtkosten der Spiele mit mehr als 1,5 Billiarden Rubel beziffert, umgerechnet rund 50 Milliarden Dollar, fast fünfmal soviel wie ursprünglich geplant und sechsmal so teuer als die Olympischen Spiele in Vancouver 2010. Selbst die Sommerspiele in Peking 2008 waren mit knapp 40 Milliarden Dollar günstiger. "Sotschi 2014 zum Schockpreis", titelt die Zeitung "Nesawissimaja Gaseta".

Dmitri Kosak, auch Vorsitzender einer neuen Staatskommission, die die Vollendung der Olympiabauten überwachen soll, bemüht sich, die Kosten klein zu reden: Für die eigentlichen olympischen Projekte gebe man nur umgerechnet 6,6 Milliarden Dollar aus, die Hälfte davon finanzierten private Investoren. Zudem habe was westlich des Flughafens von Sotschi gebaut werde nichts mit den Olympischen Spielen zu tun. Das seien Infrastrukturmaßnahmen zur Entwicklung der Stadt und der Region.

Allerdings wurden bei früheren olympischen Sportfesten auch die Kosten für die Infrastruktur mitgezählt. Außerdem sind die wichtigsten "privaten" Investoren entweder Staatsfirmen wie "Gasprom" oder kremlnahe Oligarchen wie Wladimir Potanin oder Oleg Deripaska. Experten vermuten, dass sie für ihr Engagement vom Staat massive Vergünstigungen erwarten.

Viele Beobachter erklären die enormen Kosten mit der Bedeutung der Spiele für den Kreml. "Sotschi ist Wladimir Putins persönliches Imageprojekt", sagt der Moskauer Politologe Alexej Muchin. "Diese Olympischen Spiele sind heilig, sie bedeuten pures Prestige", bestätigt Finanzanalytiker Igor Nikolajew. "Eine ideale Möglichkeit, um mit aufgeblasenen Kostenplänen immer neue Gelder zu erbitten." Im Sommer wurden Ermittlungsverfahren wegen stark überhöhter Kostenvoranschläge beim Bau der Bobbahn und des Zentralstadions eröffnet. Oppositionspolitiker Boris Nemzow befürchtet, 25 bis 30 Milliarden olympische Dollar seien bisher schon gestohlen worden. "Symbolisch ist die 45 Kilometer lange Autostraße von Adler nach Krasnaja Poljana, die pro Kilometer 200 Millionen Dollar gekostet hat. Dafür hätte man die gesamte Strecke auch mit einer halben Zentimeter dicken Goldschicht abdecken können."

Der Kreml hofft, langfristig Touristen nach Sotschi locken zu können, das einmal das populärste Urlaubszentrum der Sowjetunion war. 2014 soll dort außer den Olympischen Spielen auch der G-8-Gipfel und das erste Formel 1-Rennen in Russland stattfinden. "Sotschi erhält zusehends Funktionen Moskaus, es wird zur südlichen Reservehauptstadt Russlands", so Muchin.

Allerdings zweifeln Kritiker am Sinn der geballten Regionalförderung. Der Blogger Jegor Bytschkow errechnete, in jeder der 1100 russischen Städte hätte man für das Olympiabudget ein Fußballstadion, ein Schwimmbad, eine Sporthalle mit Fitnessräumen und eine Eishalle erbauen können. "Aber stattdessen werden wir Zeugen eines teuren Feuerwerks, das nichts mit der Sportförderung in Russland zu tun hat." Sergei Stepaschin, Chef des russischen Rechnungshofes schätzt, die Instandhaltung der olympischen Sportstätten werde jährlich zwei Milliarden Dollar kosten. Wegen schlechten Services und hoher Preise ziehen die meisten russischen Touristen schon jetzt ausländische Bade- oder Skiorte vor.

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