Senioren klettern: Mit 83 in überhängenden Wänden

Hallenklettern - bei der Jugend ein Boom, aber auch für Ältere höchst attraktiv. In den drei Alpenvereins-Sektionen in Ulm und Neu-Ulm ist eine Gruppe von 60- bis 83-Jährigen lebhaft aktiv, die staunen lässt.

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Morgens um neun, wenn es im Neu-Ulmer Kletterdomizil noch ruhig ist, laufen zweimal in der Woche grauhaarige Herren und auch bis zu sechs ältere Damen ein. Zum gemütlichen Frühschoppen treffen sie sich im Sparkassendome keineswegs. Wenig später sieht man sie, stets fachkundig und gewissenhaft mit dem Seil gesichert, in den bis zu 17,5 Meter hohen Kletterrouten an senkrechten und überhängenden Wänden herumturnen.

Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wird es kaum glauben. Da ist zum Beispiel Franz Scheer. Der 83-jährige Senior der Gruppe schwingt sich gerade an der sonnenbeschienenen Außenwand mit kraftvollen und doch fließenden Bewegungen eine Tour im Schwierigkeitsgrad 5+ hinauf. Hoch droben dann, im energieraubenden Überhang, kommt der durchtrainierte Mann dann zwar an den bunten, geschraubten Griffen ein wenig ins Schnaufen, der Erdanziehung aber widersteht er im sicheren Stil.

Nein, von einem Nachlassen der Kräfte in seinem Alter, hat Scheer noch nichts bemerkt. "Man braucht beim Klettern Kraft. Aber wenn man dabei bleibt, kann man die Kondition halten", versichert er. Wenns handfeste Griffe hat, klettert er sogar noch einen Sechser. Immerhin räumt er ein, dass er sich nach den drei Stunden, in denen er und seine Kollegen sechs bis sieben lange Touren klettern, mal 20 Minuten zum Ausruhen hinlegt. Schnell aber fügt er hinzu: "Das mach ich sonst nicht."

In der Gruppe von 20 bis 30 Älteren, die sich da aus den DAV-Sektionen Neu-Ulm, Ulm und SSV Ulm 1846 zusammengefunden hat, ist Scheer keine Ausnahme. Fast zehn der Kletterer sind zwischen 75 und 83 Jahre alt. Nur drei Monate jünger als Scheer ist Rolf Herrmann, der sich auch durch eine Herzoperation nicht vom Klettern hat abbringen lassen. "Wenn mans 65 Jahre treibt, kann mans noch ein bisserl", sagt er schmunzelnd.

Das gilt auch für seinen Seilkameraden Günter Kämpfe. "Früher konnten wir den ganzen Winter nicht draußen klettern", sagt der 81-Jährige, der schon auf dem Gipfel des Everest gestanden hat: "Durch das Hallenklettern bleibt man aber in Form. Eine Nähmaschine (heftiges Zittern der Arme oder Beine durch die Anstrengung, Anm. der Red.) kriegst da nemme."

Wie die anderen Seilschaften der Gruppe, die sich an diesem Morgen leichtfüßig und zügig in schwierigen Routen bewegen, sind Kämpfe und Herrmann ein eingespieltes Tandem. Etliche von ihnen sind schon vor Urzeiten in der DAV-Jungmannschaft in den Felsen des Blautals vor den Toren Ulms zusammen geklettert. "Wir sind schon seit 55 Jahren zusammen, auch bei großen Bergfahrten wie der Civetta-Nordwest oder der Ortler-Nordwand. Es ist eine Seltenheit, dass man so lange zusammen gehen kann", sagt Herrmann frohgemut.

Ja, und gewiss: Ein gesunder Ehrgeiz herrscht in der Gruppe durchaus. "Ein bisschen Leistungsansporn ist wichtig. Da ruft man schon mal: Du packst es schon!", betont Sigi Hupfauer, der die Gruppe anführt. Der 72-Jährige, mit acht Achttausendern und elf Siebentausendern einer der erfolgreichsten deutschen Höhenbergsteiger (siehe Info-Box), lässt es aber inzwischen für seine Verhältnisse ruhig angehen: "Ich klettere jetzt mehr mit Genuss - einen schönen Fünfer, einen schönen Sechser, drüber will ich nichts mehr machen."

Hupfauer war es, der 2008 die Gruppe initiiert hat. Das war im Rahmen der Landesgartenschau in Neu-Ulm. Als Hochtourenführer sollte er die Betreuung von zwei Kletterbäumen in die Hand nehmen. Als er seine alten Kletterkameraden um Mithilfe bat, waren die spontan bereit dazu - und das über volle vier Monate. "Zu 90 Prozent waren Senioren dabei", erinnert sich Hupfauer. Danach wurde der Wunsch geäußert, sich doch weiter regelmäßig zu treffen. Mittlerweile ist die Gruppe "fest zementiert", so Hupfauer. "Inzwischen sind wir eine richtige Clique geworden", bestätigt auch der 69-jährige Sieghart Rappold. Lose und doch fest.

Den munteren Senioren, von denen gut die Hälfte auch noch im Fels klettert - selbst noch im sechsten Grad -, geht es aber nicht nur um den Spaß am Klettern und die eigene Fitness. Die zweite Zielrichtung, das hebt Dieter Danks, seit sieben Jahren Vorsitzender der DAV-Sektion Neu-Ulm ("Mit 65 bin ich eigentlich der Jungspund"), besonders hervor, ist die Weitergabe ihrer Kenntnisse an Kinder und Jugendliche, Schulklassen und Kindergärten, auch an Behinderte aus unterschiedlichen Einrichtungen. Fast alle Senioren sind ehrenamtlich bei Kursen und Ausbildung aktiv. Sogar querschnittsgelähmte Rollstuhlfahrer erproben mit erstaunlichen Verbesserungen ihre Kräfte an den künstlichen Wänden unter der Obhut der Kletterprofis.

Und die Kleinsten sammeln in der Kinderecke die ersten Erfahrungen: Stürze aus niederen Höhen werden da von Matten abgepolstert.

"Bei der Jugend haben wir einen großen Zulauf. Da gibt es noch ein Riesenpotenzial", berichtet Hupfauer: "Das ist einfach hervorragend, wenn man sieht, dass die nicht auf der Straße rumhängen, sondern ein Ziel vor Augen haben." Auch bei Kletter-Wettbewerben in der Neu-Ulmer Halle, wie an diesem Wochenende beim Deutschland-Cup, stehen die Senioren mit Rat und Tat zur Verfügung.

Angesichts all der Kletter-Koryphäen in der Gruppe: Dürfen da auch Normalsterbliche und Neueinsteiger mitmachen? Gewiss. Neulinge sollten mit leichten Touren im dritten Grad beginnen. "Auch bei leichten Touren ist der Reiz da. Man wird schnell besser, was Kraftzuwachs und Beweglichkeit betrifft", versichert Hupfauer.

Nach den Worten des staatlich geprüften Berg- und Skiführers ist Klettern auch für ältere Menschen hervorragend geeignet. "Klettern ist ein ganzheitlicher Sport, er erlaubt weiche Bewegungen und erfordert Koordination und Beweglichkeit", fügt er hinzu. Und Rappold behauptet: "Wenn man es im Kreuz hat, gibt es nichts Besseres."

Sigi Hupfauer weiß, wie er sein Leistungsvermögen halten kann: Jeden Morgen zieht er konsequent ein 20-minütiges Gymnastik- und Kräftigungs-Programm durch. Auch Günter Kämpfe ist stolz darauf, selbst über 80 noch keine wesentlichen Abstriche hinnehmen zu müssen: "Im Blautal stecken wir im Fels noch viele Junge in die Tasche."

Acht Achttausender und elf Siebentausender
14. Teil der Serie
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