Telefon aus England . . .

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Das legendäre Wembley-Tor am 30. Juli 1966 mit (v. li.) Linienrichter Tofik Bahkramow, Horst Dieter Höttges und Torwart Hans Tilkowski.  Foto: 

Heute geht alles unglaublich viel schneller. Fast mit dem Schlusspfiff eines der 21-Uhr-Spiele waren die Sportredakteure bei der Fußball-EM in Frankreich mit ihrem Bericht fertig. Auf der Pressetribüne des Stadions wird per Laptop direkt auf der Seite gearbeitet, die am Morgen des nächsten Tag auf dem Frühstückstisch liegt.

Gar kein Vergleich zur Arbeit vor 50 Jahren: Der erste eigene Redakteur, den die Schwäbische Donau Zeitung (SDZ), Vorläuferin der SÜDWEST PRESSE, im Juli 1966 zu einer Weltmeisterschaft entsandte, hatte neben dem Notizblock noch eine Reiseschreibmaschine dabei. Darauf tippte er und wählte dann die Nummer seiner Heimatredaktion: „Telefon aus England, am Apparat: Jörg Giesbrecht“.

Der Name der SDZ-Rubrik während der WM in England war Programm: Giesbrecht rief an und diktierte seine Texte den Damen der Texterfassung. Die reichten alles weiter an die Redaktion, wo noch einmal redigiert wurde, also nötige Kürzungen oder Längungen, Schlagzeilen und Bildunterschriften gemacht wurden. Von da ging’s in die Setzerei und schließlich in den Druck.

Auf einem kleinen Foto war Giesbrecht selbst abgebildet – mit dickem Hörer am linken Ohr. Telefon aus England: „Nach dem gestrigen Training der deutschen Mannschaft in Ashbourne traute ich meinen Augen nicht: Da stand ein Mercedes aus Ulm genau neben unserem englischen NSU-Testwagen. Als wenig später zwei Herren einsteigen wollten, sprach ich sie an. Es waren zwei Ulmer, Hermann Zander und Hans Garbe.“

Was sich ein bisschen liest wie Facebook aus grauer Vergangenheit, ging so weiter: „Beide wohnen auf einem Campingplatz in Ashbourne, also nur wenige Kilometer vom deutschen Mannschaftquartier entfernt. Sie sind leidenschaftliche Fußballanhänger. Zander spielt in der Altherrenmannschaft des TSV Neu-Ulm. Garbe ist Mitglied desselben Vereins. ,Vier Jahre haben wir für die Reise zur Weltmeisterschaft gespart. Jeden Tag haben wir eine Mark in ein Sparschwein getan’, erzählten sie. Mit ihrem Wagen fahren sie nicht nur zu den Spielen der deutschen Mannschaft. ,Wir haben in Liverpool Ungarn gegen Brasilien (3:1 Anm. d. Red.) gesehen. Das war ein tolles Spiel.’ Heute brechen sie ihre Zelte in Ashbourne ab, fahren zum Spiel nach Sheffield und von dort nach London, wo sie natürlich auf dem Campingplatz wohnen werden. Sie bleiben bis zum Schluß der Weltmeisterschaft in England, auch wenn Deutschland vorher ausscheiden sollte. Zu ihrem Reisegepäck gehören 75 Dosen deutsches Bier. Damit werden sie wohl bis zum Endspiel auskommen.“

In Sheffield hatte es zum WM-Auftakt in Gruppe B schon das deutsche 5:0 gegen die Schweiz gegeben. Für die DFB-Elf ging’s dann in Brimingham weiter mit dem 0:0 gegen Argentinien und dem 2:1 gegen Spanien, das den Gruppensieg perfekt machte. Dann schloss sich der Kreis in Sheffield, wo Zander und Garbe am 23. Juli, einem Samstag, das 4:0 von Helmut Schöns Elf gegen Uruguay bejubelten. Anstoß war um 15 Uhr. Das bedeutete für Jörg Giesbrecht und die Ulmer Zentralredaktion, dass sie etwas Luft hatten. Die nächste Ausgabe der SDZ erschien ja erst am Montag.

Das deutsche WM-Halbfinale gegen die Sowjets (2:1) wurde am 25. Juli in Liverpool ausgetragen, das Endspiel gegen Gastgeber England am 30. Juli, ebenfalls ein Samstag, in London. Wenn Hermann Zander und Hans Garbe ein Ticket ergattert haben und zu den 96 924 Zuschauern zählten, haben sie wohl auch Geoff Hursts ebenso berühmten wie ewig umstrittenen Lattenunterkantentreffer im Wembleystadion miterlebt haben. Telefon aus England, am Apparat Jörg Giesbrecht: „Das hat es noch nie gegeben. Ein Linienrichter entschied die Fußball-Weltmeisterschaft!“ hieß es in seinem Bericht  am 1. August. Und weiter: „Der schnurrbärtige Sowjetrusse Bakhramow gab in der zehnten Minute der Verlängerung des Endspiels auf Befragen des Schiedsrichters den Treffer zum 3:2. Das Endspiel war damit praktisch entschieden. Das vierte Tor für England, fast mit Schlußpfiff geschossen, besiegelte endgültig die deutsche Niederlage. Das Mutterland des Fußballs gewann erstmals den begehrten Coupe Jules Rimet. Aus den Händen von Königin Elizabeth nahm Mannschaftskapitän Bobby Moore glücksstrahlend den Weltpokal entgegen.“

Da war ein Stück Sportgeschichte beschrieben – mit einer ganzen Mannschaft von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Ulmer Hintergund.

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