Zug um Zug: Als beim Schach die Köpfe rauchten

Sport vor 50 Jahren war in Manchem einen Tick anders. Oft wurde völlig selbstverständlich geraucht. Beispielsweise beim Schach. Da hatte der Aschenbecher seinen Stammplatz am Turniertisch.

Columbo war genialer Denksportler. Er löste jeden kniffligen Fall. In seinen Fernsehserien-Jahren von 1968 bis 2003 machte der Inspektor, was die notorischen Eigenheiten betrifft, nur eine einzige bemerkenswerte Wandlung durch: Seine Zigarre dampfte immer seltener, am Ende versteckte er sie manchmal verschämt hinter dem Trenchcoat. Zunehmend bekam er laut Drehbuch gesagt: No smoking, please!

Rauchen und Sport, das klingt inzwischen wie ein Paradoxon erster Güte. Dabei ist es noch gar nicht lang her, dass ein Werner Lorant, ein Klaus Augenthaler, ein Peter Neururer und andere Trainertypen dieses Schlages vor, während und nach Fußballspielen hemmungslos und wie selbstverständlich Kette rauchten. Selbst Leistungssportler, Hochspringer Carlo Thränhardt beispielsweise, genehmigten sich nach dem Wettkampf ungeniert in aller Öffentlichkeit eine Zigarette. Was vor 20 Jahren noch möglich war, ist heute schlichtweg undenkbar. Die Gesundheitsrisiken sind inzwischen ebenso tief im Bewusstsein verankert wie die Vorbildfunktion von Profisportlern und Trainern.

Ein Griff ins Bildarchiv der SÜDWEST PRESSE zeigt an einem besonders frappierenden Beispiel, dass Rauchen vor 50 Jahren wie selbstverständlich dazu gehörte: Schach. Dort rauchten buchstäblich die Köpfe. Es galt als in, als schick, als Zeichen für ausgeprägten eigenen Charakter und vor allem als locker. Tabakwerbung auf den Sportseiten war deshalb absolut üblich, sogar ganz gezielt dort platziert. Heutige Schachspieler erinnern sich teilweise mit Grausen, wie sich Aschenbecher langsam aber sicher füllten oder genauso oft die Zigarette des grübelnden Gegenübers einfach immer weiter abbrannte, bis die Aschestange von selbst abfiel und dann eilig vom Tisch gewischt wurde.

So ein Turnier kann dauern. Wie zum Beispiel im Juni 1960 das Schachfestival des jugoslawischen Verbandes in Opatija, zu dem auch eine Mannschaft des Post SV Ulm reiste. 144 Klubs schickten ihre Spieler. In 8 Gruppen zu je 18 Teams wurde in fünf Runden nach Schweizer System "um den von Marschall Tito gestifteten Pokal" gespielt. Die Ulmer kamen auf einen beachtlichen achten Platz. Zug um Zug.

Längst ist Rauchen bei Klubspielen und Turnieren untersagt und für viele unvorstellbar, dass dies je anders gewesen sein könnte. Keiner würde es mehr wagen, genauso wie Schachspieler inzwischen peinlich darauf achten, dass das Handy während einer Partie aus ist. Denn als Regel gilt: Wenn es bei einem Denksportler summt, hat er verloren. Was das Thema Rauchen angeht, hats schon viel eher geklingelt.


Kommentare (1)

15.07.2010 23:04 Uhr |   Sooty

Rauchen im Schachverein

in den Jahren 1979 und 1980 war ich als einzige Frau (damals Ende 30) NMitglied im Schachverein Turm Lövenich. Ich habe viel dazui gelernt, mußte allerdings auf die Turniere verzichten, da ich am Sonntag Vormittag meine 4-köpfige Familie zu versorgen hatte.
Ausgeschieden bin ich nach den 2 Jahren, weil es nicht gelungen war, weitere weibliche Mitglieder zu werben und weil ich als Einzige ständig nach frischer Luft verlangte. Ich hatte als Schachpartner Raucher von Pfeife, Zigarre, Zigarillos und Zigaretten. Wenn ich nach Hause kam, roch ich wie ein Aschenbecher.
Inzwischen bin ich Ende 60 und wieder in einem Schachverein. Der Übungsleiter trinkt pro Abend mindestens 1 Flasche Wein und animiert kräftig, um nicht allein mit seinen Prozenten zu sein. Wieder ein Grund, mich unwohl zu fühlen, zumal auch Jugendliche und Kinder im Verein sind.

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Autor: WOLFGANG SCHEERER | 25.06.2010

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