Flachland-Verein auf Höhenflug

Bundesweit staunt die Konkurrenz über einen Flachland-Klub. Nach den ersten beiden deutschen Meistertiteln im Biathlon durch Patrick Köppe und David Pfeil fühlt sich der DAV Ulm in seiner Jugendarbeit bestärkt.

"Wie macht Ihr das?" So lautet in diesen Tagen in deutschen Biathlon-Kreisen eine viel gestellte Frage. Dass der DAV Ulm durch Patrick Köppe und David Pfeil auch im Winter seine ersten deutschen Jugend-Titel erobert hat, verwundert selbst die Experten. Hinzugekommen ist jetzt noch der Sieg Leonhard Knöllers in der Gesamtwertung des Deutschlandpokals in der Jugend 16 (ausführlicher Bericht in unserer morgigen Ausgabe).

Die überraschende Erkenntnis: Ein Flachland-Verein wie der DAV Ulm bietet selbst den großen Biathlon-Stützpunkten wie Ruhpolding (Chiemgau), Oberhof (Thüringerwald), Bayrischer Wald, Schönwald (Schwarzwald), Altenberg (Osterzgebirge) oder Clausthal-Zellerfeld (Harz) Paroli. "In der Nähe einer Großstadt gibt es in Deutschland kaum eine Anlage. Dass ein Verein aus dem Flachland zwei deutsche Meisterschaften abräumt, ist schon eine Neuheit", weiß David Pfeil, der vor der Saison zusammen mit Knöller in den Landeskader aufgerückt ist und darüber hinaus die Chance genutzt hat, von Ulm ans Ski-Internat Furtwangen (Skif) zu wechseln.

Der Ulmer Biathlon-Chef Werner Rösch reibt sich über die größten Erfolge, seit vor fünf Jahren das Ratiopharm-Biathlon-Zentrum Dornstadt-Ulm gegründet wurde, noch immer die Augen: "Ich habe Angst, dass da mal ein Absturz kommt." Röschs Erwartungen für die deutschen Meisterschaften in Clausthal-Zellerfeld waren weit übertroffen worden. "Wir waren mehr als perplex. Als Leonhard Knöller wegen einer fiebrigen Erkältung absagen musste, dachte ich, wir starten unter ferner liefen. Dass die vorne durchgerissen haben, ist schon etwas Besonderes", meint der Ski-Abteilungsleiter des DAV Ulm.

Wie gemeldet war der für den gebeutelten Knöller als Ersatzmann eingesprungene Patrick Köppe im Sprint der Jugend 16 deutscher Meister geworden. "Vorher hätte ich mich gefreut, wenn ich unter die ersten Zehn komme. Ich hab das dann zuerst gar nicht so richtig geglaubt, dann hab ich mich tierisch gefreut", berichtete der 15-Jährige. Als Rösch wegen Knöllers Ausfall am Dienstag um 11 Uhr im Anna-Essinger-Gymnasium angerufen hatte, hatte er von Rektor Marius Weinkauf und Sportlehrer Frieder Brachmann in kurzer Zeit grünes Licht für den Zehntklässler erhalten, schließlich stand bereits am Mittwochmorgen die Abfahrt in Richtung Niedersachsen an.

"Die Klasse und der Schulleiter haben sich mit mir gefreut", sagt Köppe, der mit null Fehlern bei den beiden Schießeinlagen wohl den besten Wettkampf seiner bisherigen Sportlerkarriere zeigte. Der Schützling von Trainer Matthias Rösch will, gestärkt durch den Titel, in der nächsten Saison noch stabiler auftreten: "Ich probiere, an meinem Stehendschießen zu arbeiten. Und in der Gesamtwertung des Deutschland-Pokals ist nächste Saison mein Ziel, unter die ersten Zehn zu kommen." In diesem Jahr landete Köppe auf Platz 15.

David Pfeil - zunächst mit seinen Saison-Ergebnissen nicht so zufrieden - sieht sich unterdessen durch den größten Erfolg seiner Karriere in seinem Wechsel ans Skif bestätigt: "Das hat mich sehr ermutigt. Ich habe lange darauf hingearbeitet, diesmal hat es genau zum Höhepunkt der Saison super geklappt." Die DAV-Biathleten hätten gezeigt, dass aus Ulm etwas nachkomme, was sich hoffentlich, so Pfeil, auch auf die Sponsoren auswirke. Im Einzellauf der Jugend 17 hatte er sich nach nur zwei Fehlern bei vier Schießeinlagen mit fast zwei Minuten Vorsprung aufs oberste Podest katapultiert.

"Für meine Verhältnisse habe ich hervorragend geschossen", weiß der Schützling von Skif-Trainer Dirk Scheja, "erst wusste ich nicht, für was das reicht. Nach einer Dreiviertel-Stunde war dann klar, dass ich gewonnen habe." Zu Ehren der Sieger wurde von einem Chor sogar die Nationalhymne gesungen. Wenn Pfeil das nächste Mal von Furtwangen nach Hause kommt, soll es jetzt ein größeres Fest geben. Im nächsten Winter will sich der jugendliche Skijäger für die europäischen Jugendspiele in Tschechien qualifizieren und in den C2-Kader aufrücken.

Werner Rösch sieht sich in seiner Konzeption bestätigt. Der Biathlon-Enthusiast sinnt freilich bereits auf weitere Verbesserungen: "Wir machen das hier alle nach Feierabend. Wir kämpfen darum, eine Trainerstelle zu bekommen. Ich hoffe, dass unsere Erfolge vom DSV zur Kenntnis genommen und bei den Trainerstellen berücksichtigt werden."

Als kleine Belohnung für die glanzvollen Resultate dieser Saison nimmt er acht seiner besten Athleten mit zu den norwegischen Meisterschaften nach Liatoppen. Verdient haben das seine Asse allemal.


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Autor: KLAUS VESTEWIG | 09.03.2010

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