Michael van Gerwen: "Darf mein Talent nicht vergeuden"

Noch bis zum 3. Januar 2016 läuft in London die Darts-WM. Michael van Gerwen, ein 26-jähriger Fliesenleger, ist der große Favorit auf diesen sportlichen Titel. Und Darts ist Sport, sagt der Weltranglistenerste. In unserem Interview beantwortet er Fragen zu seiner Karriere und wie er zum Dartssport kam.

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    Niederländer, Weltranglistenerster und der Top-Favorit bei der Darts-WM in London: Michael van Gerwen.  Foto: 
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    Dart-Scheibe. Foto: 
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Die Darts-WM im Londoner Alexandra Palace hat begonnen. Wie stehen Ihre Chancen auf den WM-Titel?
MICHAEL VAN GERWEN: Ich denke gut! Meinem Ziel, Weltmeister zu werden, werde ich alles unterordnen. Ich spiele jetzt seit dreieinhalb Jahren auf sehr hohem Niveau und führe seit nunmehr zwei Jahren die Weltrangliste an. Meine Leidenschaft für Darts ist riesengroß.

Stimmt es, dass Sie Ihre sportliche Karriere einst klassisch als Fußballer begannen?
Das ist richtig, aber eine Karriere wäre da ganz sicher nicht daraus geworden. Mit 11, 12 kickte ich in einer Jugendmannschaft. Aufgrund meines Körperumfangs wurde ich als Abwehrspieler eingesetzt. Ich war grottenschlecht. Ich hätte 24 Stunden am Tag trainieren können, es hätte nichts gebracht. Ebenso erging es mir beim Judo, das ich im Anschluss einige Zeit betrieb.

Schließlich sind Sie dann beim Darts gelandet . . .
Und das war nicht mal geplant! Als ich zwölf war, bekam ich in der Schule eine Einladung zu einem Jugendturnier.

Wie ging es dann weiter, Sie waren ja noch Schüler!
Die Schule hat mich nie wirklich interessiert. Ich verbrachte jeden Samstag in einer Kneipe beim Jugenddarts. Ich wurde besser und besser und wollte schließlich bei jedem Turnier dabei sein. Mit dem Dartsvirus habe mich aufgrund früher Erfolge schnell infiziert.

Wie haben Sie das finanziert?
Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen. Mein Vater ist LKW-Fahrer und meine Mutter arbeitet in der Kantine einer Metallbaufirma. Viel Geld hatten wir nie. Trotzdem hat mein Vater immer die Teilnahmegebühr von fünf Euro bei den Turnieren für mich bezahlt und mich an Wochenenden übers Land gefahren. Ich wurde ein paar mal Zweiter und plötzlich gewann ich mein erstes Turnier. In der Folge gewann ich jedes einzelne Jugendturnier in Holland. Da kamen dann die ersten Sponsoren auf mich zu.

Haben Sie selbst Geld dazu verdient?
Klar. Ich musste damals mein Taschengeld aufbessern, hatte aber keine Lust zum Zeitungaustragen oder Autowaschen. Also fragte ich meine Eltern, ob ich in der örtlichen Dartskneipe als Schreiber bei den Spielen aushelfen dürfe. Ich durfte - und verdiente pro Spiel fünf Euro. Am Ende ging ich mit über hundert Euro nach Hause.

Wie reagieren Sie auf Kritiker, die behaupten, Darts sei kein Sport?
Dann ist Golf auch kein Sport. Ich meine, die Golfer lassen sich sogar im Buggy über den Platz chauffieren. Aber Golf ist ein Sport, genau wie Darts! Es braucht ganz spezielle Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein. Ich bin sehr froh, dass Darts immer populärer wird, und zwar in der ganzen Welt. In Deutschland wird dieses Jahr im Fernsehen über 90 Stunden von der WM berichtet. Außerdem sind wir weltweit unterwegs, spielen Turniere in Australien, Asien und Dubai. Darts ist jetzt ein Welt-Phänomen!

Und Sie gehören zu den Frontmännern und Zuschauermagneten!
Ich weiß, dass ich im Fokus stehe. Damit geht auch eine große Verantwortung einher, dessen bin ich mir bewusst. Ich bin vielen ein Vorbild und muss mich diszipliniert verhalten. Bis vier in die Disco und Unmengen Alkohol trinken, ist nicht. Das ist für einen jungen Menschen nicht immer einfach, aber ich habe mich im Griff. Ich habe ein Talent für Darts geschenkt bekommen und das darf ich nicht vergeuden.

Was ist für Sie die Faszination am Dartssport?
Neben dem Spiel und der Spannung, ist es die länderübergreifende Euphorie der Fans. Wenn ich bedenke, wie viele deutsche Fans ich als Holländer habe - so was wäre im Fußball absolut undenkbar! Ich habe am Rande die Häme der deutschen Fußballfans mitbekommen, als unsere Nationalelf die EM-Quali nicht schaffte. Aber beim Darts werde ich genau von diesen deutschen Fans angefeuert. Wunderbar!

Irgendwann kam für Sie dann das große Geld als Dartsprofi!
Ja. Mit 18 Jahren hatte ich schon so viel verdient, dass ich mein erstes Auto, einen Golf GTI, bar bezahlen konnte. Mein größter Gewinn waren 250 000 Pfund, als ich meinen ersten Weltmeistertitel holte. Insgesamt liege ich nun bei zwei Millionen Pfund Siegprämien.

Sie wirken auf der Bühne sehr emotional und kraftvoll, dadurch polarisieren Sie aber auch . . .
Das mag sein und ist auch in Ordnung. Man kann nicht jedem gefallen. Vielleicht bin ich ein bisschen vergleichbar mit einem Zlatan Ibrahimovic von Paris St. Germain, den ich sehr mag. Er ist auch eine große Persönlichkeit und lässt auf dem Platz Emotionen raus. Ich denke aber auch, dass die Fans so etwas sehen wollen. Action! Ich muss meinen Frust oder meine Freude am Board rauslassen.

Sie sagten mal, ein ausgeglichenes Privatleben sei für einen Dartsspieler sehr wichtig!
Absolut. Zumal der Dartssport auch ganz viel Kopfsache ist. Mentale Stärke und Konzentration sind neben Treffsicherheit extrem wichtig, um erfolgreich zu sein. Da muss das private Umfeld stimmen. Wenn ich Sorgen habe, kann ich mich während eines Matches nicht wirklich zu 100 Prozent konzentrieren.

Worin unterscheiden sich Dartsprofis beispielsweise von Fußballprofis?
In den Trainingsmethoden (lacht). Nein, Spaß beiseite, ganz besonders natürlich im Finanziellen! Im Fußball geht es um deutlich höhere Summen. Außerdem hat ein Fußballprofi einen Vertrag mit seinem Klub und bekommt auch Gehalt, wenn er mal verletzt ist. Wir Dartsspieler hingegen müssen halt immer spielen und gewinnen, sonst gibt es nichts.

Der 16-fache Weltmeister Phil "The Power" Taylor ist 55 und spielt immer noch ganz vorne mit . . .
Phil ist mit Abstand der größte Dartsspieler aller Zeiten. Er hat meinen vollen Respekt, aber bis zu diesem Alter will ich nicht mehr spielen. Mit Mitte 40 soll Schluss sein.

Außer Ihnen gibt es in Holland noch weitere erfolgreiche Dartsprofis. Wie ist Ihr Verhältnis untereinander?
Am Board will jeder gewinnen. Jeder hasst es, zu verlieren. Eine Niederlage ist das schlimmste Gefühl, das es gibt.

Wichtiges zum Turnier

Live bei Sport 1 Bei der 23. Darts-WM im Londoner Alexandra Palace fliegen seit Mitte Dezember wieder die Pfeile. Bis zum 3. Januar sucht der Verband PDC unter 72 Athleten aus 22 Nationen seinen besten Dartsspieler. Das Turnier ist mit 1,5 Millionen Pfund (rund zwei Millionen Euro) dotiert. TV-Sender Sport 1 überträgt 92 Stunden live. Top-Favorit ist Michael van Gerwen. Chancen haben auch Phil "The Power" Taylor und Titelverteidiger Gary Anderson aus Schottland. Von den drei Deutschen sind Jyhan Artut und René Eidams bereits ausgeschieden, Juniorenweltmeister Max Hopp hatte gestern seinen ersten WM-Auftritt.

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