Kleines Plus für Jacobsen

Einer, den niemand auf der Rechnung hatte, gegen den Top-Favoriten: Anders Jacobsen und Gregor Schlierenzauer liefern sich ein Duell um den Sieg bei der Vierschanzentournee. Mit Vorteil für den Norweger.

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Das große Duell um den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee: der überraschend auftrumpfende Norweger Anders Jacobsen (r.) gegen Gregor Schlierenzauer aus Österreich. Foto: dpa/afp

Thomas Morgenstern, ziemlich bleich und trist im Gesicht, unternahm im Auslauf der Großen Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen einen geradezu philosophischen Ausflug. "Alles im Leben hat seinen Sinn. Das Leben besteht aus Entwicklung, aus Höhen und Tiefen", sagte der Österreicher, der schon seit dem Auftakt in Oberstdorf nicht mehr um den Tourneesieg eingreifen kann. Trost für den jungen Vater: sein Familienglück mit Töchterchen Lilly.

Morgenstern ist nicht der einzige Favorit, der bei der 61. Vierschanzentournee gescheitert ist. Andreas Kofler, Wolfgang Loitzl und der Schweizer Simon Ammann teilen sein Schicksal. Die Austria-Adler, im Vorjahr noch mit Siegen bei allen vier Springen und dem Top-Trio in der Gesamtwertung übermächtig, werden diesmal so richtig gebeutelt. Nur einer in der Zwischenwertung unter den Top-Ten - wäre da nicht Gregor Schlierenzauer, das totale Fiasko für die weltweit stärkste Springernation wäre komplett.

Über den Gesamtsieg bei der Tournee wird derweil ein großes Duell entscheiden: Anders Jacobsen gegen Gregor Schlierenzauer. "Das ist etwas Besonderes, plötzlich der Favorit zu sein. Ich fühle jetzt Druck, aber der Druck fühlt sich gut an", sagt Jacobsen äußerlich gelassen. "Der zweite Platz ist der erste Verlierer. Aber das ist Nörgeln auf höchstem Niveau", stellte Schlierenzauer fest, nachdem er in Garmisch-Partenkirchen zum zweiten Mal hinter dem Wikinger gelandet war.

Jacobsen hat an der Spitze einen Vorsprung von 12,5 Punkten. Umgerechnet sind das sieben Meter - das ist nicht viel bei vier weiteren Wettkampfsprüngen in Innsbruck am Freitag und zum Abschluss am Sonntag in Bischofshofen. Tom Hilde (ebenfalls Norwegen) liegt schon 26,1 Punkte hinter Schlierenzauer - er dürfte unter normalen Umständen keine Chance mehr auf den Top-Rang haben. Genauso wenig wie Severin Freund, schon 43,6 Punkte von der Spitze entfernt auf Platz fünf. Umgerechnet 24 Meter liegt der 24-Jährige hinter Jacobsen.

"Die Kluft von Jacobsen und Schlierenzauer zu den anderen Springern ist groß. Freunds Sprünge sind nicht mehr so exakt wie zu Saisonbeginn", weiß Werner Schuster, macht aber deutlich: "Wir werden alles daran setzen, um den dritten Gesamtrang zu kämpfen." Das wird schwer genug. Andreas Wellinger, Michael Neumayer und Martin Schmitt liegen in der Tournee-Wertung auf den prima Rängen acht, zehn und zwölf, das Top-Duo ist aber viel zu weit entfernt.

"Ich bin in Lauerposition", sagt Schlierenzauer. Der 22-Jährige bezieht seine Zuversicht aus der Tatsache, dass er die Heimschanzen am Bergisel und in Bischofshofen sehr gut kennt. "Natürlich ist das eine andere Ausgangsposition als letzte Saison. Es ist nicht selbstverständlich, dass man immer vorn ist", sagt er zum Scheitern seiner Landsleute: "Aber jetzt ist erst die Hälfte der Tournee erledigt. Ich glaube, dass wir auf unseren Heimschanzen geschlossen gut springen."

Jacobsen genießt indessen den unverhofften Höhenflug mit drei Norwegern unter den ersten Sechs. Nicht einmal die Experten hatten den ehemaligen Installateur genannt, die geringe Erwartungshaltung hat es dem Tournee-Sieger von 2006/2007 erleichtert. "Das ist immer gut für die Arbeit, wenn es Gerüchte über andere gibt. Ohne Druck kann man sich besser und gleichmäßiger vorbereiten. Es war günstig als Underdog. Ich wusste aber, dass ich in guter Form bin."

Seine fast einjährige Auszeit vom Skispringen bis Februar scheint Jacobsen erst recht Power verliehen zu haben. "Es hat ihn die Liebe zum Skisprung nie verlassen, das ist das Wichtigste. Im Training ist er irrsinnig fokussiert, aber sonst ist er ein sehr angenehmer Zeitgenosse, der wunderbar in die Mannschaft reinpasst", sagt der norwegische Nationaltrainer, der Österreicher Alexander Stöckl, über seinen Schützling. Den hält derweil Schuster für "sehr gefährlich, er hat die Instinkte von einem absoluten Siegspringer". Einem, der nun sogar den Grand Slam angreifen kann: Sven Hannawalds historischen Rekord von sämtlichen vier Siegen bei einer Tournee.

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