Eine runde Sache

Nie zuvor gab es in der Geschichte der Formel 1 derart viele Überholmanöver wie vergangenes Jahr. Ein Hauptgrund: Die Reifen, die unterschiedliche Leistungssprünge erlauben. Nun legt Pirelli nach.

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"Erst wenn sie in Melbourne aus der Garage fahren, werden wir wissen, wer wo steht", meint Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery und blinzelt dabei in die andalusische Vorfrühlingssonne. In dieser Woche hatten die Formel-1-Teams erstmals in diesem Jahr die Gelegenheit, auf dem südspanischen Rundkurs in Jerez de la Frontera für die anstehende Saison zu testen, die am 18. März mit dem Großen Preis von Australien beginnt.

Neben den vieldiskutierten aerodynamischen Änderungen, welche vor allem bei Ferrari eine eher - vorsichtig gesagt - gewöhnungsbedürftige Linienführung hervorbrachte, wird eine weitere Neuerung bei den Anhängern des Motorsport-Spektakels für Aufsehen sorgen. Reifen-Monopolist Pirelli bringt neue Walzen mit einer verbesserten Farb-Markierung, so dass der Fan vom TV-Bildschirm aus erkennen kann, welcher Fahrer mit welcher "Besohlung" unterwegs ist.

Was sich zunächst als Klacks anhört, ist bei genauer Betrachtung neben den bekannten Hilfsmitteln wie Kers und DRS ein Schlüssel zur Tür der Begeisterung, hinter der sich Spannungsmomente verbergen: "Früher", so Hembery, "da schaute sich der Fernsehzuschauer die ersten fünf, zehn Minuten nach dem Start eines Rennens an, dann schaltete er ab, um erst wieder bei der Zieldurchfahrt dabei zu sein. Dazwischen wars ihm einfach zu langweilig." Im vergangenen Jahr freilich, nach dem Einstieg von Pirelli, da änderte sich dies radikal. Die Italiener produzierten Reifen, mit denen die Teams zunächst ihre Probleme hatten, sie zu verstehen. Innerhalb weniger Runden baute der Pirelli bewusst gesteuert derart schnell ab, dass es - begünstigt durch verschiedene Strategien der Teams - zu spannenden Duellen kam.

Insgesamt gab es in der vergangenen Saison 1150 Überholmanöver, so viele wie noch nie in einem Formel-1-Jahr. Spitzenreiter bei einem trockenen Rennen war der Große Preis der Türkei mit 126 Überholvorgängen und im Nassen wars der Kanada-Grand-Prix mit 125 erfolgreich vollzogenen Zweikämpfen. Einen einzigen spektakulären Reifenplatzer hatte es gegeben, als es ausgerechnet Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel erwischt hatte. Trotz seines Abflugs in Abu Dhabi, der laut Hembery aufgrund eines überfahrenen Gegenstands passiert war, wurde der Heppenheimer bekanntlich mit Riesenvorsprung Weltmeister.

Der Engländer Hembery ist nicht nur stolz auf Champion Vettel ("ein wirklich großartiger Junge"), sondern auch darauf, dass die Zeiten der langweiligen Prozessionsfahrten vorbei sind. Vor allem im Mittelfeld kommt es immer wieder zu begeisternden Überholvorgängen. Eine Statistik bringt dabei Erstaunliches hervor: Experten haben mitgezählt, dass Michael Schumacher die meisten Zweikämpfe im gesamten Fahrerfeld gewonnen hat. Der Mercedes-Pilot brachte es 2011 mit 69 erfolgreichen Manövern zum "Überhol-König der Saison". Der Wahlschweizer freut sich riesig auf die Saison, obgleich sein Team das neue Fahrzeug noch nicht mit nach Jerez gebracht hatte (siehe Info). "Pirelli hat den Winter über einen tollen Job gemacht, der neue Reifen wirkt konstanter", meinte Schumacher nach den ersten Testrunden.

Die Pirelli-Angestellten gaben sich eher zurückhaltend. "Für uns sind diese ersten Einheiten eher langweilig", so Hembery, "weil die Teams zuerst eher auf die Fahrzeugtechnik schauen, ob auch alles am Auto funktioniert. Da stehen andere Dinge wie das Getriebe oder das Kühlsystem im Vordergrund." Mit einer Mär will der Reifenspezialist aufräumen. Der Zuschauer gewann häufig den Eindruck, dass die Haltbarkeit der Pirelli-Reifen zu wünschen übrig lasse, da die bewusst gesteuerte Kurzlebigkeit nicht transparent gewesen war. Aus diesem Grunde legen die Italiener nun den P Zero Silver auf, den ersten Straßenreifen aus der Formel 1, der für Coupés und sportliche Mittelklassewagen gedacht ist. Dieser so genannte "Ultra-High-Performance-Reifen" soll laut Hersteller 20 000 bis 25 000 Kilometer halten.

Hier schließt sich der Kreis zur Formel 1. Der Straßenreifen hat denselben Schriftzug wie die Slicks der "Königsklasse des Motorsports":

Vier verschiedene P Zero für trockene Bedingungen: Silber für die harte Mischung, weiß für Medium, gelb für Soft und rot für Supersoft.

"Cinturato" heißen derweil die Intermediates (grün) für feuchte Bedingungen und Regenreifen (blau). Die jeweiligen Schriftzüge und Farben wurden deutlicher hervorgehoben, so dass der Fan am Bildschirm stehts auf dem Laufenden ist, wer mit welchen "Schlappen" unterwegs ist. Eine runde Sache.

Info Pirelli ist mit 52 Personen bei jedem Formel-1-Rennen vor Ort. Dieses Engagement ist die größte Werbeplattform für den italienischen Hersteller, der allein im vergangenen 1,1 Millionen Reifen in Europa verkauft hat. Bis zum Jahr 2015 möchte Pirelli im Premiumsegment zur weltweiten Nummer 1 werden. Auf dem gesamten Markt sind Conti und Michelin die führenden Reifenlieferanten, Pirelli liegt auf Platz fünf.

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