Die großen Lücken im System

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Elena Krawzow wundert sich über die Zeit der Siegerin. Foto: Jens Buettner

Vor zwei Monaten hielt Elena Krawzow den Weltrekord über 200 Meter Brust. Jetzt stieg die sehbehinderte Schwimmerin bei den Paralympics ins Wasser, wollte unbedingt die Goldmedaille holen - und schlug mehr als fünf Sekunden nach einer bis dahin völlig unbekannten Usbekin an.

"Wir waren alle sprachlos. Wir waren schockiert", erzählt die Berlinerin. Die Usbekin Fotimakon Atimowa hatte den bisherigen Weltrekord um mehr als drei Sekunden und ihre eigene Vorlaufzeit um mehr als neun Sekunden verbessert.

Das Raunen und Staunen über solche Leistungsexplosionen gehört in Rio zum Alltag. 143 Weltrekorde gab es bei diesen Paralympics nach sechs von elf Wettkampftagen - und das in einem besonders betrugsanfälligen Umfeld wie dem Behindertensport. Wie stark beeinträchtigt das Sehvermögen einer Fotimakon Atimowa wirklich ist, wie viel sie tatsächlich noch sehen kann - bei den entsprechenden Klassifizierungstests wird das häufig nur unzureichend geprüft. "Solange ich schwimme, wird da getrickst", sagt Krawzow.

Ein anderes Problem hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) nun selbst eingeräumt, als es in Rio offen über die großen Lücken im eigenen Anti-Doping-System sprach. Lediglich 1201 Dopingtests weltweit gab es 2015 im Behindertensport auf internationalem Niveau. Auf den Schwimmsport entfielen davon nur 129. Bei mehr als 4300 Athleten allein bei den Paralympics sei das "harter Tobak. Das ist ein Witz", schimpft Krawzows Trainer Phillip Semechin.

Für seine Unnachgiebigkeit im Anti-Doping-Kampf erhielt das IPC weltweiten Beifall, als es das russische Team von diesen Spielen ausschloss. Aber ausgerechnet jenes IPC hat nicht genug Geld, nicht genug Personal und vor allem keine ausreichenden Kontrollmöglichkeiten, um diesen Kampf auch wirkungsvoll zu führen. Er sehe das Problem, sagte IPC-Präsident Philip Craven in Rio. "Wir müssen sehen, welche Lehren wir für die Zukunft daraus ziehen."

Während der Paralympics sind für die mehr als 4300 Athleten nur 1500 Doping-Tests angesetzt worden, die Mehrzahl davon stichprobenartig. Es gibt einen Mix aus Wettkampf- und Trainingskontrollen, aus Blut- und Urin-Proben. Verpflichtende Tests für alle Medaillengewinner gibt es aber nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist also gering, dass Sportler in Rio des Dopings überführt werden. Auch wenn das bei dem saudi-arabischen Gewichtheber Mashal Alkhazai und dem argentinischen Judoka Jorge Lencina in den vergangenen Tagen gelang.

"Das Problem ist aber nicht, dass es hier zu wenig Proben gibt. Das Problem ist, dass sonst das ganze Jahr über kaum jemand getestet wird", erklärt der deutsche Chef de Mission, Karl Quade. Jenseits von Paralympics, Welt- und Kontinentalmeisterschaften gibt es im Behindertensport kaum internationale Wettkämpfe, bei denen das IPC seine Athleten überprüfen könnte. Es ist also in seinem Anti-Doping- Kampf bis auf wenige Zeitfenster komplett von seinen einzelnen Mitgliedsländern abhängig, über die es nahezu keine Kontrolle hat.

Was das konkret bedeutet, erklärte der IPC-Sprecher Craig Spence in Rio am Beispiel der mit Abstand erfolgreichsten Nation. "Alle chinesischen Athleten unterliegen dem Kontrollsystem der chinesischen Anti-Doping-Agentur", sagte er. Aber welche dieser Athleten wann, wo und ob überhaupt kontrolliert werden, erfährt das IPC in der Regel nicht. "Das liegt nicht in unserer Hand", sagte Craig Spence.

Quade fordert deshalb: "Das Zusammenspiel zwischen dem IPC und der WADA muss besser werden." Die Welt-Anti-Doping-Agentur gebe klare Richtlinien vor - und das Internationale Paralympische Komitee dürfe dann eben nur Länder starten lassen, "die diese Richtlinien auch erfüllen". Solange die WADA einige Länder nicht genau überprüfe, solange das IPC immer "alle Augen zudrückt" (Quade) - so lange werde es bei den Paralympics immer wieder Fälle wie jenen der usbekischen Schwimmerin geben. "Da kommt jemand wie Kai aus der Kiste und ist gleich top. Das ist doch merkwürdig", sagt Quade.

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