Den olympischen Traum verschlafen

Die IOC-Exekutive hat empfohlen, das Ringen aus dem Olympia-Programm der Spiele 2020 zu streichen. Die Sportler und Funktionäre in Deutschland reagierten am Dienstag geschockt bis verärgert.

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Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat die klassische Sportart Ringen gestern überraschend aus dem Programm für die Sommerspiele 2020 gestrichen und damit die deutsche Ringer-Szene böse überrascht. "Ich bin geschockt, ich kann es gar nicht glauben. Immerhin reden wir hier von der traditionsreichsten Sportart der olympischen Geschichte", sagt der frühere Weltklasseringer und ehemalige Bundestrainer Alexander Leipold.

Die Tradition scheint dem Ringen nicht geholfen zu haben: Insgesamt wurden 39 Kriterien herangezogen, um die Olympia-Tauglichkeit aller 26 Sportarten zu überprüfen. Wichtige Punkte waren dabei TV-Quoten, Ticket-Verkauf, weltweite Verbreitung und Popularität. Thomas Zander, dreimaliger Olympia-Teilnehmer aus Aalen, sieht ein übergeordnetes Kriterium am Werk: "Es geht um den Kommerz, der Gesichtspunkt der Tradition zählt da wenig. Aber der Sport ist in dieser Hinsicht eben ein Spiegelbild der Gesellschaft."

Ringen ist in der Tat eines nicht: eine gut zu vermarktende Fernsehsportart. Wenn sich zwei Weltklasseathleten auf hohem Niveau belauern, kann es gut sein, dass eineinhalb Minuten lang keine erfolgreiche Aktion zu sehen ist, die zu Punkten führt. Das ist etwa im Beachvolleyball, das seit 1996 olympisch ist, anders. Die Finessen des Ringkampfsports erschließen sich manchmal nur den Fachleuten. "Wir sind ein taktisch-technischer Zweikampfsport. Ringen ist Schach auf der Matte", sagt Ex-Bundestrainer Leipold.

Dass ihre Sportart aus dem Programm gekippt werden könnte, haben die Ringerfunktionäre offenbar nicht kommen sehen. Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringer-Bundes, reagierte völlig überrascht: "Das kommt für mich aus dem heiteren Himmel. Wir müssen jetzt die Reaktion des Weltverbandes FILA abwarten."

Der Weltverband der modernen Fünfkämpfer, dessen Sportart schon länger vor dem drohenden Ausschluss steht, hatte im Vorfeld der IOC-Entscheidung unter seinem deutschen Präsidenten Klaus Schormann eifrig Lobbyarbeit betrieben - und bleibt vorerst olympisch. So hätte sich das der Silbermedaillengewinner von Atlanta 1996, Thomas Zander, auch von Ringer-Funktionären erhofft: "Da muss man doch die Glocken läuten hören. Irgendjemand in den Ringerverbänden hat geschlafen."

Seit den ersten Spielen der Neuzeit 1896, als der Deutsche Carl Schumann Olympiasieger wurde, gehörte die traditionsreiche Sportart ohne Unterbrechung dazu. "Mit dieser Entscheidung stirbt ein Stück olympischer Gedanke", findet DRB-Sportdirektor Zamanduridis.

Endgültig ist die Entscheidung gegen das Ringen noch nicht, eine Änderung der Entscheidung gilt jedoch als unwahrscheinlich. Zumindest formal hat das Ringen die Chance bei der Exekutiv-Sitzung des IOC in St. Petersburg/Russland doch noch den Verbleib im olympischen Programm zu sichern - zusammen mit den sieben olympischen Ersatzkandidaten Baseball/Softball, Sportklettern, Karate, Rollersport, Squash, Wakeboaard und Wushu (chinesische Kampfkunst).

Mit dem Ringkampfsport in Deutschland könnte es ohne den Status als olympische Sportart noch weiter abwärts gehen. Die Aussicht auf Olympia sorgt für Motivation und finanzielle Mittel zugleich. "Der große Traum, das große Ziel Olympia wird für junge Talente jetzt wegfallen", sagt Thomas Zander. Und der Aalener Ringer Christian Fetzer ist pessimistisch: "Man muss sehen, dass Olympische Sportarten weit mehr Fördergelder bekommen als andere. Ich fürchte, unsere Sportart gerät dadurch noch mehr in die Bedeutungslosigkeit."

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