Chance beim Schopf packen

Ein reicher Erfahrungsschatz: Nach 23 Jahren als Hauptgeschäftsführer des Landessportverbands scheidet Rainer Hipp altershalber aus dem Amt. Welche Ratschläge gibt der 65-Jährige dem Sport auf den Weg?

|
Sonderstellung mit drei autonomen Mitgliedssportbünden im Lande als ständiger Begleiter der Arbeit: Rainer Hipp würde eine Einigung begrüßen. Foto: Baumann

Herr Hipp, Sie haben das Innenleben der Sportorganisation in Baden-Württemberg insgesamt 37 Jahre lang in verschiedenen Bereichen mitgestaltet. Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg an?

RAINER HIPP: Dass ich es geschafft habe, mit allen Mitgliedsorganisationen und Partnern unabhängig von der Personalkonstellation durch persönliche Kontakte eine gediegene Arbeitsatmosphäre zu finden, die auf großer Kooperation und sogar freundschaftlicher Verbundenheit beruht.

Und woran haben Sie sich am meisten die Zähne ausgebissen?

HIPP: Das ist nach wie vor die Sonderstellung in Baden-Württemberg: ein einheitlicher Landessportverband mit drei rechtlich autonomen Mitgliedssportbünden. In meiner anfänglichen Euphorie habe ich gedacht, dass wir da eine größere Einheitlichkeit erreichen können. Jetzt haben wir 33 baden-württembergische Verbände, 26 sind zweigeteilt und 36 sogar dreigeteilt.

Bleiben wir bei der Strukturdiskussion. Im Lande bestehen der württembergische, der nordbadische und der südbadische Sportbund nebeneinander. Wird sich das je ändern?

HIPP: Nun, es hat auch den Mauerfall gegeben. Ich hoffe auf einen Landessportverband mit rechtlich unselbständigen Untergliederungen. Die Struktur ist jeden Tag Thema eines Hauptgeschäftsführers. Natürlich kann man auch so arbeiten, aber nicht so effizient und ökonomisch. Voraussetzung wäre aber, dass die großen Sportarten zusammengehen: Der Fußball hat drei Verbände, das Turnen zwei. Ich weiß, dass es da viel Widerstand gibt, aber ich würde es begrüßen. Auch für meinen Nachfolger und die Präsidien wäre es einfacher. Und die Bedeutung in der Landespolitik wäre deutlich höher. Zwischen 1986 und 1991waren wir nah dran, aber in den letzten 20 Jahren haben sich die Fronten eher verhärtet.

Zur Förderung des Spitzensports: Die hat in der Vergangenheit nicht immer reibungslos funktioniert. . .

HIPP: Im Nachwuchs waren wir immer die Nummer eins, dann ist es uns aber nicht geglückt, für die Vereine im Land die Voraussetzungen zu schaffen, dass sie die Athleten halten können. Nach der Wende haben wir zu spät daran gedacht, Athleten individuell auch hinsichtlich Schule und Ausbildung zu fördern.

Was muss zukünftig getan werden?

HIPP: Wir müssen die Athleten ganz konkret mit finanziellen Zuschüssen fördern, wir müssen sie sozial absichern. Auch müssen wir sehr intensiv über Trainer für die Spitzenleute nachdenken, wichtig wäre auch, dass mehr Studenten eine Ausbildung zum Trainer im Spitzensport machen. Und wir müssen uns überlegen, wie wir in Baden-Württemberg mehr zentralisieren.

Es gibt im Lande vier Olympia-Stützpunkte. Arbeiten die effektiv genug?

HIPP: Von Bundesseite ist signalisiert worden, dass das nach Olympia in London überprüft wird. Eventuell bleiben dann nur noch zwei oder drei übrig. Es war ein Fehler, die Olympiastützpunkte in die Eigenregie zu entlassen. Dadurch hat der Landessportverband jeglichen Einfluss verloren. Im übrigen können auch die Eliteschulen des Sports optimiert werden. Nach wie vor richtet sich im Westen der Sport noch nach der Schule und nicht umgekehrt wie im Osten.

In Hessen, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen gibt es für die Spitzensportler Arbeitsplätze bei der Polizei. Wie weit sind im Lande solche Überlegungen voran gekommen?

HIPP: Innenminister Gall hat uns eine positive Überprüfung zugesagt. Es könnten zehn Ausbildungsstellen für den mittleren und gehobenen Dienst werden, aber es ist noch keine Entscheidung gefallen.

Zu den Finanzen: Der Solidarpakt II garantiert dem Sport im Land bis 2016 jährlich 64,87 Millionen Euro an Fördergeldern. Reicht das aus?

HIPP: Als Lobbyist muss ich sagen: Man bräuchte mehr. Als Bürger mit gesellschaftlicher Verantwortung sage ich: Man muss auch mal mit etwas zufrieden sein. Das gibt uns Planungssicherheit, man kann unabhängig von den Einnahmen von Toto und Lotto kalkulieren.

Bis 2014 sollen 40 Prozent der baden-württembergischen Schulen im Ganztagesbetrieb laufen. Die Vereine haben aber vielfach noch kein Konzept, wie sie mitwirken können.

HIPP: Der Sport darf da keine Abwehrhaltung einnehmen, wir müssen die Chance beim Schopf packen und dürfen das nicht als Risiko betrachten. Eine Konkurrenz-Situation zu den Schulen hilft weder den Schülern noch den Vereinen. Vor Ort müsste eigentlich ein Koordinator da sein, der die Schulaktivitäten mit den Wünschen der Sportvereine in Einklang bringt.

Glauben Sie, dass diese Probleme gelöst werden können?

HIPP: Die Sportorganisation hat bisher fast alles gelöst. Ich bewundere, wie flexibel und elastisch unsere Vereine immer wieder reagieren, um den Bedürfnissen zu entsprechen.

Die Gesellschaft wird immer älter. Sind die Vereine für die demographischen Veränderungen gewappnet?

HIPP: Wir haben das schon 1981 festgestellt. Die Vereine machen seit langem Sport-Angebote für Ältere. Der Großteil hat sich dem Thema angenommen. Man braucht dazu aber auch entsprechende Übungsleiter und Räumlichkeiten.

Rechnen Sie wegen der geringer werdenden Zahl der Kinder mit Problemen in den Mannschaftsspielen?

HIPP: Sicherlich, im überalterten Funktionärskreis ebenso. Mir wäre es ein Anliegen, dass man nicht nur Kooperationen mit Grundschulen eingeht, sondern auch mit Kindergärten. Da könnte man Kinder und Eltern für Sport sensibilisieren. Leider haben wir es nicht geschafft, die soziale Unterschicht mehr fürs Sporttreiben zu gewinnen. In der Sportorganisation ist eher die mittlere und höhere Schicht vertreten.

Kleineren Einsparten- und großen Mehrsparten-Vereinen wird eine gute Zukunft vorausgesagt, nicht so mittleren Vereinen mit mehreren Sportarten. Sehen Sie das auch so?

HIPP: Mein Wunsch wäre es, dass Vereine im administrativen Bereich zusammenarbeiten: Beispielsweise in der Finanzbuchhaltung, bei den Gema-Abgaben oder in Versicherungsfragen. Mittlere Vereine können sich im Management an den großen orientieren. Da könnten manche etwas abschauen, was der Arbeitserleichterung dienen würde. Doch die Vereine wollen ihre vollständige Selbständigkeit behalten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kritik an Plänen für den Ulmer Bahnhofplatz

Was die Ulmer Stadtverwaltung am Bahnhofplatz vorhat, gefällt nicht allen Stadträten. Kritik ernten vor allem das Dach und die Haltestellen. weiter lesen