Abschied ohne Wehmut

Jacques Rogge hat dem Internationalen Olympischen Komitee nach dem größten Bestechungsskandal der IOC-Geschichte seine Glaubwürdigkeit zurückgegeben. Nun endet nach zwölf Jahren die Amtszeit.

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Sein Büro im Lausanner IOC-Hauptquartier hat Jacques Rogge bereits ausgeräumt. Auch den emotionalen Abschied von seinen langjährigen Angestellten und den Umzug zurück in seine belgische Heimat hat der 71-Jährige schon hinter sich. "Ich sehe schon die Ziellinie und das Banner, auf dem steht: 10. September 2013", sagte der IOC-Präsident. "Natürlich hätte man alles noch besser machen können, aber ich denke, ich habe meine Aufgabe erfüllt und übergebe das IOC in sehr gutem Zustand." Seine zwölfjährige Amtszeit geht am Dienstag mit der Wahl seines Nachfolgers bei der 125. IOC-Vollversammlung in Buenos Aires zu Ende. Nur noch sechs intensive Tage. Mit großer Selbstdisziplin und letzter Kraft scheint sich der Ober-Olympier ins Ziel zu schleppen.

Rogge wirkt auch in Buenos Aires angeschlagen und erschöpft, will aber von Erleichterung nicht sprechen. "Erleichterung trifft es nicht, weil ich nie überlastet war", analysierte der Steuermann des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er sei stolz auf das Erreichte und er gehe ohne Wehmut. Rogge geht als Stabilisator, der den Ringe-Orden nach dem größten Bestechungsskandal der IOC-Geschichte aus der Glaubwürdigkeitskrise geführt hat. Rogge stand vor allem für die neue Tadellosigkeit. Ein visionärer Erneuerer war er nicht.

Der ehemalige Chirurg und Orthopäde trat mit edlen Plänen an, als er am 16. Juli 2001 als achter IOC-Chef die Regentschaft von Juan Antonio Samaranch übernahm. Er wollte den Dopingsumpf trockenlegen, die Kostenexplosion eindämmen, die Wettmanipulation bekämpfen, das olympische Programm modernisieren und die Frauenquote erhöhen.

"Ich bewundere an ihm, wie zielstrebig und konsequent er seinen Weg gegangen ist, und das nicht nur beim Kampf gegen Doping", meinte Thomas Bach, der unter Rogge zehn Jahre als IOC-Vize gedient hat und nun als ein Favorit auf seine Nachfolge gilt. "Er hat die Jugendspiele gegen großen Widerstand etabliert und gegen viele Skeptiker die IOC-Aufnahme in die UN mit Beobachterstatus durchgesetzt. Da hat er sich nicht beirren lassen." Sechs Olympische Spiele (Salt Lake City 2002 mit dem Korruptionsskandal, Athen 2004, Turin 2006, Peking 2008, Vancouver 2010, London 2012) hat Rogge als IOC-Präsident mitgestaltet - und dabei einen Wandel vom Idealisten zum Pragmatiker durchgemacht. Das Ringe-Spektakel in London war das feierliche Finale seiner Olympia-Abenteuer - der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili vor der Eröffnungsfeier der Vancouver-Spiele ein trauriger Tiefpunkt.

Bereits vor der Wiederwahl 2009 in Kopenhagen mit überwältigender Zustimmung musste Rogge bittere Niederlagen einstecken. Vor den nervenaufreibenden Spielen in Peking, die er von Vorgänger Samaranch "geerbt" hatte, wehte dem ehemaligen Olympia-Segler so viel Gegenwind ins Gesicht, dass er sogar öffentlich eine Krise eingestand. Die Vorwürfe einer Führungsschwäche trafen ihn. Er habe ohnmächtig die Teilenteignung der Spiele gestattet, sich mit der Staatsmacht arrangiert, Menschenrechtsverletzungen und Zensur akzeptiert und die von gewalttätigen Angriffen begleitete Welttour des olympischen Feuers geduldet. Auch die Vergabe der Retortenspiele 2014 an Sotschi, an Wladimir Putin und dessen Oligarchen-Freunde, wurde Rogge vorgehalten.

Gesundheitlich hat Rogge zuletzt mehr und mehr abgebaut. Im September 2012 bekam er eine künstliche Hüfte. In der letzten Zeit seiner Präsidentschaft widmete er sich vorwiegend repräsentativen Aufgaben.

Wie Samaranch trieb auch der bescheidene Belgier den olympischen Kommerz voran. Was das angeht, geht er mit gutem Gefühl: "Wir haben 900 Millionen Dollar auf unserem Festgeldkonto."

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