"Wir sind mit dem Kopf in Tunesien"
Kristianstad. Wenn die Heimat in Flammen steht, gerät auch eine Handball-Weltmeisterschaft zur Nebensache. Der heutige deutsche Gegner Tunesien (18.30) kann sich in Schweden kaum auf das Turnier konzentrieren.
Brandsätze fliegen durch die Straßen, Rauchbomben werden gezündet - und Tunesiens Handballer schauen geschockt zu. Der Fernseher in der Lobby des WM-Hotels in Kristianstad ist in diesen Tagen das Auge in die Heimat. Fast rund um die Uhr sind dort tunesische Spieler zu finden. Außer, wenn sie trainieren. Oder spielen, wie heute um 18.30 Uhr gegen Deutschland. Aber wirklich wichtig ist ihnen das Turnier nicht mehr. "Wir versuchen, uns hier auf unsere Aufgaben zu konzentrieren. Das ist aber nicht möglich, wir sind mit dem Kopf in Tunesien", betont Mitte-Mann Heykel Megannem.
Die großen Unruhen, die blutigen Straßenkämpfe, die Flucht des Machthabers Ben Ali nach Saudi-Arabien - all das haben die Spieler nur aus der Ferne mitbekommen. "Wir informieren uns über alle Kanäle. Youtube, Facebook, Twitter, alles was das Internet hergibt" erzählt der 33-jährige Tunesier. Und eben über Al Jazeera im Fernsehen.
Die Handball-Profis haben natürlich auch Angst um ihre Familien. Angst, dass ihren Kindern etwas passiert. Angst, dass ihre Frauen in die Straßenkämpfe hineingezogen werden. Aber helfen können sie nicht. Sie spielen rund 2500 Kilometer entfernt Handball. Und plötzlich verkommt eine Weltmeisterschaft zur Nebensache.
Dennoch müssen sie heute (18.15 Uhr) in ihrem letzten Vorrundenspiel der Gruppe A gegen Deutschland antreten. Eine wirkliche Chance rechnet sich der Afrikameister gegen das Team von Heiner Brand aber nicht aus. "Wir spielen noch einmal, um das Turnier ordentlich zu Ende zu bringen. Aber wir sind nicht stark genug, um Deutschland zu schlagen", glaubt Megannem. Drei der besten Spieler fehlen, darunter der Torschützenkönig der WM von 2005, Wissem Hmam.
Gegen Frankreich und Ägypten setzte es bislang Niederlagen. Es ist wahrscheinlich, dass Tunesien nicht die Hauptrunde erreicht. Doch selbst dann können die Spieler nicht sofort zu ihren Familien eilen. Denn bei der WM 2007 hat der Internationale Handball-Verband IHF den "Präsidenten-Cup" eingeführt, seither werden also alle Plätze bis 24 ausgespielt.
Klar, dass Tunesiens Spielmacher Megannem nicht begeistert ist von dieser langwierigen Verpflichtung: "Das ist doch echt Blödsinn. Darauf haben wir überhaupt keine Lust. Wer hat sich eigentlich diesen Mist einfallen lassen?"
Auch im von Tunis weit entfernten Kristianstad sind die Unruhen und politischen Umwälzprozesse in Tunesien Thema. Handball-Fans hängten in der Arena ein Plakat mit der Aufschrift "Game over Ben Ali" auf. Doch schnell kamen Sicherheitsleute und entfernten es, denn politische Meinungsäußerungen in für alle Fernsehsender sichtbarer Form sind bei einer Weltmeisterschaft nicht erlaubt.
Die Spieler jedenfalls lassen sich ihren Mund nicht verbieten und reden offen darüber, was sie von den politischen Entwicklungen in ihrem Heimatland halten. "Wir bekommen eine neue Regierung und Demokratie. Dann kann jeder Präsident werden, wie bei Ihnen in Deutschland. Das ist gut für unser Land", sagt Megannem. Er macht sich natürlich auch Sorgen um eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes - dem Tourismus. "Die Touristen müssen wieder kommen. Wir brauchen sie."
Aber erst einmal wollen sie selbst wieder nach Hause kommen. In eine Heimat, die, als sie zur Weltmeisterschaft nach Schweden aufgebrochen waren, noch eine ganz andere war.
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Autor: SWP | 20.01.2011
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Sicherheitskräfte entfernten in Kristianstad ein Plakat, das tunesische Handball-Fans aufgehängt hatten. Foto: dpa
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