"Spatz" und Co. zum Kaffeeklatsch bei Tante Emmi
Horst Singer, 76, zählt zu den Handball-Legenden Frisch Auf Göppingens. Geboren ist er in Ulm. Und wenn Singer wie vor 50 Jahren in der Donauhalle spielte, war der Besuch bei Tante Emmi Pflicht.
Sein Spitzname, auch im Handball, ist "Spatz". Dass der frühere Göppinger Nationalspieler Horst Singer in Ulm geboren ist, wissen trotzdem wenige. Auch in Wikipedia klafft (noch) eine Lücke. Am 2. März 1944, seinem neunten Geburtstag, war die große Welt zwar längst nicht mehr in Ordnung. Die kleine des kleinen Horst in Ulm lief aber in mehr oder weniger geregelten Bahnen. Für den Drittklässler bedeutete das vor allem auch den kurzen morgendlichen Gang vom Haus am Willy-Brandt- Platz (Singer: "Damals noch Danziger Freiheit genannt") in die Friedrichsau-Schule.
Weil der Vater hier bei der Flugabwehr eingesetzt war, lebten die Singers nicht in der bereits gemieteten Wohnung in Göppingen, sondern bei den Verwandten in Ulm. Am 16. März 1944, nur zwei Wochen nach dem Geburtstag, brach auch über die Familie ganz unmittelbar das Kriegschaos herein beim ersten Luftangriff auf Ulm am helllichten Tag. Um 11.24 Uhr, so ist es in Chroniken festgehalten, heulten die Sirenen. Rund 200 US-Bomber, auf dem Rückweg vom eigentlichen Ziel Augsburg, warfen über Ulm noch die eine oder andere übrig gebliebene Brand- oder Sprengbombe ab.
"Unser Haus wurde von einer Luftmine getroffen und total zerstört", sagt Horst Singer über das Klinkergebäude Ecke Olgastraße, wo später der Sparkassen-Flachbau stand und schließlich das heutige Bürohaus errichtet wurde. "Wir hatten damals nicht nur Riesenglück, weil wir unten im Keller saßen, sondern vor allem weil es einen Durchgang zum Nachbarhaus mit der Bäckerei Hauff gab, über den wir uns ins Freie flüchten konnten."
Notgedrungen folgte früher als geplant der Umzug nach Göppingen, wo für "Spatz" Singer ein neuer Lebensabschnitt beginnen sollte. "An Handball habe ich da aber überhaupt nie gedacht", erzählt er. "Zu Kriegszeiten gabs in Ulm nicht viele Sportmöglichkeiten." In Göppingen kam er zu Frisch Auf, weil dort geturnt wurde. Doch der sportliche Horst fiel dem legendären Handball-Jugendleiter Heinrich Zeller auf. "Der Dr. Zeller trainierte uns, bis wir 18 waren", sagt Singer. Aus dieser Mannschaft gehörten 1954 fünf Spieler zu dem von Spielertrainer Bernhard Kempa angeführten Team, das sowohl in der Halle als auch auf dem Feld die deutsche Meisterschaft gewann. "Kempa-Buben" nannte man die Mannschaft deshalb. "Eigentlich hätten sie Zeller-Buben heißen müssen", sagt Horst Singer.
Was den Hallen-Titel betraf, hat übrigens auch Ulm und sein Handball-Publikum daran gehörigen Anteil. Die Hohenstaufenhalle in Göppingen war erst im Entstehen, deshalb mussten die Frisch-Auf-Handballer ihre "Heimspiele" auswärts austragen - mal in Heidenheim, dann in der Messe auf dem Stuttgarter Killesberg, dann in der Donauhalle. In Ulm wurde der Mannschaft der Aufenthalt freilich besonders versüßt. Singer: "Wenn wir da waren, ging es jedes Mal zu Tante Emmi. Die servierte Kaffee und Kuchen für alle. Und wenn es nicht reichte, dann ging sie schnell runter in den Laden zu Hauff und holte Nachschub." Emmi Gay, Horst Singers Tante, wohnte im ersten Stock über der Bäckerei, die beim Luftangriff heil geblieben war.
Im Februar vor 50 Jahren war Singer, der von 1955 bis 1960 in 23 Länderspielen insgesamt 68 Tore erzielte und 1955 Feldhandball-Weltmeister war, wieder einmal zu Gast in der Donauhalle - und bei Tante Emmi. "Süddeutsche Handballelite in Ulm" titelte die Schwäbische Donau Zeitung (SDZ). Kempa hatte das Traineramt 1961 an einen seiner "Buben", Edwin Vollmer, abgegeben. Unter dessen Regie wurde dann 1962 unter anderem der Europacup-Triumph vom Vorjahr wiederholt - mit 13:8 gegen Dukla Prag. Linkshänder Singer, nach Engagements beim Berliner SV 92 und bei der Turnerschaft Göppingen zurückkehrt, avancierte zum Star.
In Ulm qualifizierten sich die Göppinger vor rund 1700 Zuschauern zusammen mit Rot-Weiß Lörrach für die Endrunde der süddeutschen Titelkämpfe in der Münchner Ausstellungshalle. Bei Südbaden-Meister Lörrach spielte übrigens ein anderer außergewöhnlich guter Ex-Ulmer: der bereits verstorbene Lothar Fuchs. Wenig später setzte sich Frisch Auf als Süd-Titelverteidiger durch und erreichte schließlich das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Das ging dann Ende des Monats beim THW Kiel verloren - mit 3:6 (0:2).
Doch 1965 und 1970 sollte Horst Singer, der "Spatz" aus Ulm, mit den Göppingern dann noch einmal die deutsche Meisterschaft feiern. Für den Ausnahmespieler war es die siebte und achte.
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Autor: WOLFGANG SCHEERER | 22.02.2012
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Wuchtig mit links: Frisch-Auf-Handballer Horst Singer. Archivfoto
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