Zwei Generationen, ein Ziel

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Bei seinem Bundesliga-Abschied kamen die Tränen. Nach seinem letzten Punktspiel in seiner 50 Jahre währenden Karriere als Profi-Fußballer und Trainer wurde Jupp Heynckes, der Coach des FC Bayern München, von seinen Gefühlen übermannt. Zu emotional war das 4:3-Abschiedsgeschenk der Mannschaft, die Zustimmung auch der Fans von Borussia Mönchengladbach. "Das zeigt mir, dass das meine Heimat ist", sagte Heynckes gerührt.

Seinem Dortmunder Kollegen Jürgen Klopp ist ähnliches auch schon widerfahren. Als er sich im Jahr 2008 vom FSV Mainz 05 und dessen Fans verabschiedete und zu Borussia wechselte, schluchzte er: "Das, was ich bin, bin ich nur durch euch geworden."

Beide haben offenbar nah am Wasser gebaut, beide leben in ländlicher Umgebung - Klopp in Herdecke, Heynckes in Schwalmtal, beide sind Hundehalter. Doch die Unterschiede überwiegen eindeutig. Der in Stuttgart geborene Borussen-Coach geht mit seinen 45 Jahren noch immer als der "junge Wilde" durch, der in den vergangenen fünf Jahren mit viel Leidenschaft, ja fast schon Besessenheit eine mittelmäßige BVB-Mannschaft von Bundesliga-Platz 13 in der Saison 2007/08 zu einem deutschen Pokalsieg, zwei Meisterschaften und jetzt ins Champions-League-Endspiel dirigierte. Der 23 Jahre ältere Heynckes führte mit (groß-)väterlicher Gelassenheit, aber mit ebenso viel Akribie wie Kollege Klopp ein Starensemble, das in den vergangenen Spielzeiten einige Rückschläge hatte hinnehmen müssen, zurück zum Erfolg.

Nie war das Ansehen des Jupp Heynckes größer als jetzt, am Ende seiner Trainerlaufbahn. Dabei hatte er sich schon längst mit einem Rentnerdasein angefreundet. Der frühere Schalke-Manager Rudi Assauer hatte ihn bereits 2004 als "Auslaufmodell" bezeichnet und ihn entlassen. Noch schmerzhafter war sein Scheitern im Jahr 2007 in seiner Heimat Mönchengladbach. Bei den damaligen Borussen-Spieler hatte Heynckes keine Autorität, ihm wurde eine antiquierte Art vorgeworfen, von einigen sogenannten Fans erhielt er sogar Morddrohungen. Nach lediglich 215 Tagen im Amt trat er schwer enttäuscht zurück. Vermeintlich für immer.

Als ihn sein Münchner Freund Uli Hoeneß 2009 nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann anrief, ließ er sich breitschlagen, die letzten fünf Spieltage als Interimstrainer zu fungieren. "Da ist mein Motor wieder auf Betriebstemperatur gekommen", erinnert sich Heynckes. Er heuerte bei Bayer Leverkusen an und kehrte zu Beginn der Saison 2011/12 als mit einem Zweijahresvertrag ausgestatteter Cheftrainer erneut nach München zurück.

Damals war Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund gerade zum ersten Mal Meister geworden. Er hatte sein Versprechen, beim BVB für "Vollgas-Veranstaltungen" zu sorgen, gehalten. Unter der Leitung des Diplom-Sportlehrers reiften Jungprofis wie Mats Hummels, Sven Bender, Mario Götze und Marcel Schmelzer zu Leistungsträgern und Nationalspielern.

Außer seiner Begeisterungsfähigkeit hat Klopp noch ein weiteres großes Talent: Er bringt die Dinge, die er vermitteln will, rhetorisch gut rüber. Er spricht die Sprache der Spieler. Was Klopp hingegen ganz schlecht kann, ist verlieren. Da wird er dünnhäutig, legt sich am Spielfeldrand oftmals mit Schiedsrichtern, gegnerischen Spielern und Kollegen an. Wenn er sich in Fernseh-Aufzeichnungen als Derwisch an der Seitenlinie sehe, erschrecke er über sich selbst, gab er mal zu.

Klopp schießt gerne über das Ziel hinaus. Seinen "Plagiatsvorwurf" an Jupp Heynckes, er habe seinen erfolgreichen Spielstil einfach übernommen, hat er relativiert und sich beim Kollegen dafür entschuldigt. Stattdessen fuhr er in dieser Woche einen neuen Angriff. Die Bayern seien die Schurken und er der James Bond, der für das Gute in der Welt kämpfe, meinte er sinngemäß. Anlass für diesen Vergleich war der Wechsel von Mario Götze zum Rivalen.

Bei solchen Aktionen erscheint Klopp wie ein Getriebener, der mit dem Rücken zur Wand steht. Jupp Heynckes ist da mit seiner Erfahrung und Routine viel gelassener. Beide verkörpern Vertreter verschiedener Trainergenerationen. Zumindest dem biologischen Alter nach. Philipp Lahm lobt Heynckes Erfahrung und betont: "Er arbeitet, als wäre er 40." Thomas Müller wiederum hat ausgemacht, dass sein Coach "extrem heiß" sei. Fußball-Fieber ist also keine Sache des Alters.

Heute Abend kann es nur einen Sieger geben: Dortmund oder Bayern, Klopp oder Heynckes. Für den ist es die letzte Chance. Zu Beginn der neuen Runde übernimmt Pep Guardiola die Bayern, und Heynckes wird wohl endgültig in den Ruhestand gehen. Jürgen Klopp hingegen hat noch genügend Zeit für Titel.

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