Nachfolger von Trainer Jos Luhukay: Gisdol ist ein Kandidat

VfB-Sportvorstand Jan Schindelmeiser war von Beginn an skeptisch, ob das Teamwork mit Jos Luhukay klappen würde. Und weitere Erkenntnisse des gestrigen Tages. <i>Mit Kommentar von Armin Grasmuck: Krachender Intrigantenstadl.</i>

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Die Wege von Trainer Jos Luhukay (links) und VfB-Sportvorstand Jan Schindelmeiser haben sich getrennt.  Foto: 

Am Donnerstagmorgen, 9.45 Uhr. In Stuttgart, auf der VfB-Geschäftsstelle an der Mercedesstraße, bereiten sich die Mitarbeiter langsam auf die obligatorische Pressekonferenz vor dem Zweitliga-Spiel in Kaiserslautern vor. Just zu diesem Zeitpunkt verschickt ein Sportwettenanbieter den wöchentlichen Newsletter. Der trägt dieses Mal die Überschrift: Fliegt Luhukay zuerst?  Quote 1.90. Beim Nürnberger Schwartz sieht es auch nicht gut aus.

Gut, Jos Luhukay wurde nicht entlassen beim VfB Stuttgart, aber der Niederländer erklärte danach seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung. Der 53-Jährige soll etwas später mit einem Köfferchen am Stuttgarter Hauptbahnhof gesichtet worden sein. Plötzlich war er wieder in aller Munde, dieser Begriff vom schwäbischen Chaosklub, der Ruhe so bitter nötig hätte, das aber einfach nicht hinbekommt. Die nach der Heimniederlage am Freitag gegen Heidenheim ohnehin nicht mehr heile Welt beim VfB war wieder komplett in Unordnung geraten.

Sportvorstand Jan Schindelmeiser war qua Amtes dazu aufgerufen,  schnell den ersten Kitt in die tiefen Risse zu schmieren.  Und er tat das zunächst mit der Ankündigung, dass in der Partie beim 1. FC Kaiserslautern am morgigen Samstag der bisherige Assistent Olaf Janßen und die beiden Stuttgarter Ex-Profis Andreas Hinkel und Heiko Gerber in der Verantwortung stehen würden. Es sei aber eine Interimslösung, betonte Schindelmeiser, „auch wenn wir aus den ersten beiden Spielen sieben Punkte holen“. Nun, auch ein Jan Schindelmeiser war vielleicht noch etwas aufgewühlt nach den Ereignissen des Tages.

Immerhin konnte sich der Sportvorstand aber daran erinnern, was am Vormittag passiert war. Nachdem am Mittwoch Aufsichtsratsmitglied Wilfried Porth Trainer Luhukay für die öffentlich geäußerte Kritik an Spielertransfers und demonstrativ gezeigte Unzufriedenheit getadelt  und sich klar auf die Seite Schindelmeisers geschlagen hatte, sollte gestern Morgen ein klärendes Gespräch folgen. Schindelmeiser und die Vorstandskollegen Jochen Röttgerman und Stefan Heim baten den Trainer, um 10.30 Uhr ins Büro. Es wurde jedoch kein richtiges Gespräch, sondern Luhukay machte schnell deutlich, dass er sich entschieden hatte, das Handtuch zu werfen.

Böse Worte gab es von Schindelmeiser nicht. „Als Mensch ist der Jos absolut tadellos“, sagte er und dachte dabei bestimmt daran, dass der Coach auf eine Abfindung für den noch bis 2019 laufenden Vertrag ausdrücklich verzichtet hat – wenn er denn überhaupt einen Anspruch (Eigenkündigung) darauf hatte. Schon nach dem ersten Gespräch im Sommer habe Schindelmeiser gemerkt, dass es in der Zusammenarbeit schwierig werden könnte.

Luhukay hatte über seine Anwälte eine Stellungnahme abgegeben und seinen Rücktritt mit mangelndem Vertrauen begründet. „Aufstiegsprojekte verlaufen nie reibungslos, das weiß ich sehr gut. Aber die Arbeit als Cheftrainer in einem großen Traditionsverein wie dem VfB funktioniert nur, wenn volle Rückendeckung von den entscheidenden Personen besteht“, wurde er zitiert.

Das neue Trainer-Trio um Janßen, Hinkel und Gerber muss nun versuchen, die nach der Pleite gegen Heidenheim zusätzlich verunsicherte Mannschaft  wieder aufzurichten.  Da scheint die Aufgabe beim Tabellenletzten Kaiserslautern  gerade zur rechten Zeit zu kommen.

Über viele Dinge wurde gestern an der Mercedesstraße geredet, nur über einen konkreten Luhukay-Nachfolger, der „zeitnahe“ vepflichtet werden soll, noch nicht so richtig. Ein Name ist dann aber doch gefallen. Der des früheren Hoffenheimer Trainers Markus Gisdol, der auch schon einmal die U 17 des VfB trainiert hat. „Das werde ich nicht weiter kommentieren. Sie wissen aber auch, dass ich ihn aus meiner Hoffenheimer Zeit gut kenne“, sagte Schindelmeiser vieldeutig.

VfB-Freundeskreis: Neustart ist nötig

Wahl Die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart rückt immer näher. Sie findet am Sonntag, 9.Oktober, ab 12 Uhr in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle statt.  Nach dem Rücktritt von Bernd Wahler ist der wichtigste Tagesordnungspunkt die Wahl eines neuen Präsidenten. Der VfB-Aufsichsrat schlägt Wolfgang Dietrich für das Ehrenamt vor.

Veränderungswille Zuletzt hat noch einmal der Freundeskreis des VfB dazu aufgerufen, zur Mitgliederversammlung zu kommen. In einer Pressemitteilung heißt es: „Die ‚Abwärtsspirale’ des VfB Stuttgart ist kein Ergebnis der letzten drei Jahre, sie ist ein Ergebnis von einem längeren Zeitraum. Deswegen sind wir auch der Auffassung, dass es mit kleinen kosmetischen Korrekturen nicht getan sein wird, sondern der Verein einen Neustart benötigt.“  tgo

Kommentar von Armin Grasmuck: Krachender Intrigantenstadl

Das Projekt Wiederaufstieg gerät ins Wanken. Zwar liegen die Fußballer des VfB Stuttgart in der Tabelle der zweiten Liga nur einen Zähler hinter den Spitzenplätzen. Doch von den Grundelementen, die auch im professionellen Sport den Erfolg möglich machen, ist in dem chronisch stressgeplagten Traditionsklub nur wenig zu spüren. Ruhe, Zusammenhalt, die einfache Arbeit, aufrichtig und mit der notwendigen Leidenschaft. Es mangelt an allem und in allen Bereichen.

Dieses blamable 1:2 gegen die munteren Heidenheimer bewies, dass der VfB, sportlich betrachtet, noch kein Kandidat für die Aufstiegsplätze ist. Was sich in den Tagen danach abspielte, wirkte einmal mehr wie ein krachender Intrigantenstadl. Jos Luhukay, der im Sommer verpflichtete Trainer, klagte öffentlich über seine Spieler, er attackierte den Vorgesetzten und bekam dafür eine Backpfeife aus dem Aufsichtsrat. Das abrupte Ende hat er damit selbst eingeleitet.

Luhukays Zeit war vorüber, bevor sie richtig begonnen hatte. Die honorigen Herren aus dem Aufsichtsrat müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es klug war, nach dem Abstieg aus der Bundesliga und als Zeichen des Neubeginns praktisch über Nacht den Trainer und erst danach den Sportvorstand Jan Schindelmeiser zu verpflichten. Die Fußballchefs hatten keine gemeinsame Basis. Schindelmeiser steht nun in der Pflicht, schleunigst den Mann seines Vertrauens zu präsentieren, der den VfB zurück in die Erfolgsspur führen kann.

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