Hochdosierter Optimismus

Der VfB kann es jetzt aus eigener Kraft schaffen. Das ist das wichtigste Ergebnis nach dem 2:1 gegen den HSV. Gewinnen die Stuttgarter das "Endspiel" bei Schlusslicht Paderborn, ist der Erstliga-Abstieg verhindert. Mit einem Kommentar von Wolfgang Scheerer: Ein Absteiger steht bereits fest.

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Applaus vom Trainer nach seinem möglicherweise letzten VfB-Heimspiel: "Kompliment an die Mannschaft", sagte Huub Stevens nach dem 2:1-Sieg.  Foto: 

"Niemals zweite Liga! Niemals, niemals!" Hoffnung und Optimismus in hoher Dosierung, das gab's in Stuttgart auf die Ohren. Aus vielen tausend Fan-Kehlen klang es, als hätte der VfB mit dem absolut verdienten 2:1 (2:1) gegen den Hamburger SV den Klassenerhalt bereits sicher. Das ist nicht so. Definitiv geschafft waren erstmals seit September 2013 zwei Siege in Serie - und der Sprung vom letzten auf den drittletzten Platz (33 Punkte/Tordifferenz -19). Das macht Mut vor der abschließenden Reise zum neuen Schlusslicht SC Paderborn (31/-33).

Nur durch ein Eigentor hatten die Ostwestfalen bei Schalke 04 mit 0:1 verloren und können damit allenfalls noch auf den Relegationsplatz spekulierten. Den belegt aktuell der VfB. "Für viele waren wir schon abgestiegen", sagte Christian Gentner. "Jetzt haben wir im Finale wieder alles in eigener Hand."

Der kampfstarke Kapitän selbst hatte die überraschende HSV-Führung ausgeglichen (27.). Martin Harnik (35.) erzielte nach Heiko Westermanns missglückter Kopfball-Abwehr dann das Tor, das zum Sieg reichte. Es war der neunte Saisontreffer des Österreichers, der ausgerechnet in Hamburg geboren ist.

Das Chancenplus war am Ende so groß, dass "wir 5:1 oder 6:1 hätten gewinnen müssen" (Gentner). Mangelnde Kaltschnäuzigkeit und ein extrem guter Torwart René Adler haben das verhindert. Die grundsätzliche Überlegenheit gegen HSV und davor schon gegen Mainz (2:0) spricht nun klar für Huub Stevens' Mannschaft. Dennoch bleiben alle drei Szenarien denkbar. Das Zittern geht also weiter bis zum Schluss.

Die Rettung Durch einem Sieg in Paderborn würde der VfB mit 36 Punkten den Klassenerhalt perfekt machen. Denn: Hannover (34/-17) und SC Freiburg (34/-11), die jetzt vor den Stuttgartern stehen, spielen gegeneinander. An dem Klub, der Punkte lässt, zieht der VfB vorbei, bei einem Unentschieden in Hannover sogar an beiden. Spielt der VfB selbst remis wie in der Hinrunde gegen Paderborn (0:0), wäre er nur gerettet, wenn Hannover mit zwei Toren Unterschied gegen Freiburg verliert und der HSV (32/-27) daheim nicht gegen Schalke gewinnt.

Die Relegation Der VfB muss bei einem Unentschieden in Paderborn als Drittletzter in die Spiele gegen den Zweitliga-Dritten (28. Mai/ 1. Juni), wenn der HSV nicht gegen Schalke gewinnt und Hannover nicht höher als mit einem Tor gegen Freiburg unterliegt. Oder aber bei einem Unentschieden, wenn der HSV gegen Schalke gewinnt und Hannover mit mindestens zwei Toren Differenz gegen Freiburg verliert.

Der Abstieg Bei einer Niederlage am Samstag in Paderborn stürzt der VfB zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte nach 1975 in die zweite Liga ab. Bei einem Unentschieden müssen die Stuttgarter dann direkt runter, wenn der Hamburger SV gegen die Schalker gewinnt und Hannover nicht höher als mit einem Tor gegen Freiburg verliert.

Im Fall des Abstiegs wäre das Affen-Theater längst nicht so lustig wie jetzt in der ausverkauften Stuttgarter Arena, wo eine Stimmung wie bei einem Pokal-Endspiel herrschte: Da tanzten Torschütze Harnik, Antonio Rüdiger, Daniel Didavi und Daniel Ginczek nach dem umjubelten 2:1 mit hängenden Armen in Primaten-Pose um die Eckfahne. Eine selbstironische Replik auf die Trainer-Beschimpfung am Donnerstag: "Ihr seid Affen!"

Huub Stevens blieb diesmal betont gelassen: "Das ist doch schön, dass sie das tun. Es muss Spaß machen." Sportvorstand Robin Dutt versuchte dazu noch, den Vorfall herunterzuspielen: Der Ausdruck Affe habe im Niederländischen "eine ganz andere Bedeutung, nämlich eine verniedlichende". Es sei eben Stevens' "ganz eigene Art", die Mannschaft zu führen. Dass solche Trainingsmethoden die Spieler anstacheln würden, war nicht unbedingt sicher. "Der Trainer hat sich im Ton vergriffen", stellte Martin Harnik vor laufender Kamera klar. "Aber die Sache ist abgehakt."

Die VfB-Profis wollen sich nicht mehr zum Affen machen lassen - schon gar nicht vom SC Paderborn.

Kommentar von Wolfgang Scheerer: Ein Absteiger steht bereits fest

So spannend war's noch nie. Der Kampf um den Klassenerhalt in der Bundesliga elektrisiert Fußball-Deutschland. Dramaturgisch ist es ein Ersatz für die gewohnt frühe Titel-Entscheidung.

Der FC Bayern ist zum 25. Mal Meister, hat sich ansonsten jedoch nicht groß mit Ruhm bekleckert. Verpasst wurden Pokal-Finale und Champions-League-Endspiel.

Dass (aus Müdigkeit oder purem Frust?) jetzt Ligaspiele abgeschenkt werden, erzürnt nicht nur zahlreiche Fans anderer Klubs. Es ist einer Multi-Millionen-Elf auch per se unwürdig und allenfalls erfreulich für einen FC Augsburg auf dem Weg in die Europa League oder den SC Freiburg im Ringen um die Rettung.

Die Freiburger Konkurrenz im Tabellenkeller ist zu Recht sauer. Pep Guardiola hat angekündigt, den bis 2016 laufenden Vertrag zu erfüllen. Ausgerechnet im Breisgau könnte der Plan nun womöglich den entscheidenden Knacks bekommen haben, auch wenn die Führungsriege demonstrativ zum Trainer hält.

Der FC Bayern aber macht sich aktuell derart zum Gespött, dass ein Absteiger der Saison feststeht: Es ist der Trainerstar aus Spanien, der erst alle verzaubert und nun sich selbst entzaubert hat. Es müsste niemanden wundern, wenn Guardiola das erkennt und daraus nach der Meisterfeier selbst die Konsequenzen zieht.

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